Völkischer Nationalismus

pfeil1_Was ist ‚Völkischer Nationalismus‘?

Zunächst: Auch die Initiative wohnt gerne in einer Deutschen Nation! Doch: Während der Nationalismus letztlich eine politische Strömung beschreibt, die aus einer sittlichen, sprachlichen, kulturellen oder historischen Gemeinschaft von Menschen das Recht auf staatliche Selbstbestimmung ableitet (Der Nationalstaat ist ursprünglich eine liberale Idee), begründet sich der „völkische Nationalismus“ anders.

Vertreter des  völk. Nationalismus versuchen den Staat nicht aus einer Gemeinsamkeit heraus zu begründen, sondern aus der Abgrenzung gegenüber dem feindlichen „Fremden“. Der notwendige Zusammenhalt soll über die Fiktion einer widerspruchslosen, nämlich völkisch gedachten, nationalen Einheit hergestellt werden. Das „deutsche Volk“ wird nicht etwa als politische, freiwillige Willensgemeinschaft im Sinne eines Staatsvolkes verstanden (wie etwa in Frankreich), sondern als Abstammungs- oder „Blutsgemeinschaft“. Das deutsche Volk sei allen anderen Völkern überlegen. Staat und Volk sollen so eine „organische Einheit“ bilden.

rassenlehre

Rassenlehre im Dritten Reich

Politisch zielt der völkische Nationalismus auf den Schutz des Volkes vor der „Andersartigkeit“ und der „Überfremdung“ ab. Völkische Konzepte wie Volkstum, Lebensraum und Volksgemeinschaft wurden später vom Nationalsozialismus übernommen. Diese Konzepte werden auch heute noch verwendet, etwa wenn rechtsextreme Gruppen von „National befreiten Zonen“ sprechen.

Zu den Grundvorstellungen des völkischen Nationalismus gehörten die Annahmen zur Mehr- und Minderwertigkeit verschiedener Rassen und Individuen und des natürliche „Lebenskampfes“, in dem das Gesündere und Stärkere siegt.

Die deutsche „völkische Ideologie“ richtete sich ausdrücklich gegen die Prinzipien der bürgerlich-demokratische Revolution: Gegen das Gleichheitsprinzip, indem eine natürliche Ungleichheit der Völker behauptet wird und gegen individuelle Freiheitsrechte, indem nicht der einzelne Mensch / Bürger, sondern das „Volk“ als zentrale Kategorie der Menschheitsentwicklung betrachtet wird. (Mehr und noch mehr!)

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pfeil1_Arndt zitiert:

ernst_moritz_arndt„Gerade weil wir in der Mitte (Europas) liegen, strömen alle verschiedenen Völker Europens immer auf uns ein und suchen uns wegzudrängen. (…) Wir haben also mehr als alle anderen Völker Ursache, dass das Eigentümliche und Besondere, was uns als Deutsche auszeichnet, durch die Völkerflut und Geistesflut nicht weggespült und weggewaschen werde.“

„Die Deutschen sind nicht durch fremde Völker verbastardet, sie sind keine Mischlinge geworden, sie sind mehr als viele andere Völker in ihrer angeborenen Reinheit geblieben und haben sich aus dieser Reinheit ihrer Art und Natur nach den stetigen Gesetzen der Zeit langsam und still entwickeln können; die glücklichen Deutschen sind ein ursprüngliches Volk…;

Jedes Volk wird nur dadurch das Beste und Edelste werden und das Beste und Edelste hervorbringen können, daß es immer das Kräftigste und Schönste seines Stammes ausliest und mit eineinander zeugen läßt… Diese Theorie, die in der Regel gewiß Stich hält, sollte von den Gesetzgebern mehr ins Auge gefaßt werden. Sie haben mehr auf reines und gleiches Blut gesehen als wir.“

Erster Absatz: Arndt, Ernst Moritz: Über Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache, o.O., 1814.

Zweiter & dritter Absatz: Arndt, zitiert nach: „Weltgeschichte im Aufriß“, Bd. 2, Verlag Diesterweg, Frankfurt/Main 1978, Seite 191

_Die Wissenschaft über Arndts völkischen Nationalismus:

.Archiv- Nr. G 9062, Bild Nr.17

„Für Arndt ist der Völkerhass nicht nur ein kurzzeitiges Aufflackern, sondern er hält ihn für ein notwendiges Element, um das deutsche Nationalbewusstsein dauerhaft wach zu halten.“

Professor Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann, in: Abschlussbericht über das Kolloquium
„Ernst Moritz Arndt – eine kritische Würdigung im Jahre 2001.

winkler„Daß Jahns Sakralisierung des Deutschtums und seine Dämonisierung alles Französischen sich noch übertreffen ließ: diesen Nachweis liefert das schriftstellerische Werk von Ernst Moritz Arndt […]. Anfang 1807 brauchte er den pseudoreligiösen Charakter seines deutschen Nationnalismus in geradezu klassischer Form zum Ausdruck“

Professor Dr. Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Deutsche Geschichte 1806 – 1933, Band 1, Bonn 2002, S. 65.

napoleon

Napoeleon als Karikatur, 1813

„[…] Dieser Haß wirkt in Arndts Flugschrift als konstituierender Faktor, denn in dem Haß auf Frankreich sollen sich alle Deutschen als ein Volk empfinden. Eine fragwürdige Strategie, die auch in der Formel Selbstdefinition durch Feindmarkierung (Lutz Hoffmann) ausgedrückt wird.

Arndt traut seinen Landsleuten nicht zu, daß sie sich ihren Volksbegriff aus sich selbst heraus bilden. Er will den Volksbegriff von außen, durch den Haß auf ein andere Nation, in sein eigenes Volk hinein holen. Demnach würden Arndts Deutsche nur durch den Haß auf Frankreich existieren, er billigt also dem vermeintlichen Feind eine konstituierende Funktion für die deutsche Volkwerdung zu. Darin liegt die Inkonsequenz seiner Argumentation. Um diese Folgewidrigkeit zu verdecken, verlagert Arndt die Entstehung seines deutschen Volkes in die Vergangenheit zurück [Angeblich „Germanische Stämme“, Anm. d. Red.], an einen Zeitpunkt vor Auftauchen des Gegners. Dadurch wird dieser zu einem sekundären Phänomen, der die bestehende Einheit stört.“

Batista Borjas, Studentin der Geschichte: Ergebnis einer Untersuchung Arndt-Flugblätter,
Hauptseminars an der TU Dresden, Insitut für Geschichte (Quelle
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book„Es lassen sich in der Tat bedenkliche Zeugnisse von Selbstüberschätzung in Fichtes und Arndts Glauben an die Überlegenheit der Deutschen über alle anderen Völker erkennen, und in der ‚Hermannsschlacht‘ Kleists wie auch in manchen patriotischen Flugschriften und Dichtungen der Zeit der Befreiungskriege begegnet man Tönen haßerfüllter Leidenschaft.“

Gebhardt, Max Braubach: Von der franz. Revolution bis zum Wiener Kongreß,
Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 14.

Das sich eine Deutsche Nation auch ohne Hass auf das Fremde begründen ließ, zeigten Goethe und Schiller die auf Kultur und Aufklärung statt auf Hass und Abgrenzung für die Nationfindung setzten (Weimarer Klassik). Und auch der Philosoph Johann Gottlieb Fichte lebte zu Arndts Zeiten. Er wollte eine Nation ohne Hass in der alle Menschen gleich sind:

„Wir wollen errichten ein Reich des Rechtes und der Wahrhaftigkeit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt.“

Arndts völkischer Nationalismus war also auch in seiner Zeit bereits eher eine Randposition. Erst die Nationalsozialisten erschufen 1933 mit der Uni-Namensgebung den Helden-Mythos um Arndt.

(Bildquellen: Arndt & Napoleon: gemeinfrei; Buch: kiwikewlio via Flickr; Winkler: Verlag C.H.Beck.)

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