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Arndt & die Nazis

pfeil1_War Arndt ein Nazi?

totaler-kriegNein, denn er hat schließlich im frühen 19 Jhd. gelebt und gewirkt. Trotzdem gibt es eine starke ideologische Verbindung zwischen den Nationalsozialisten und Ernst Moritz Arndt:

Nicht zuletzt wegen Arndts Rassismus, Kriegsrhetorik und seinem modernen Antisemitismus, die sein gesamtes Lebenswerk durchzogen, war Arndt eine dankeswerte Quelle für Zitate, Bezüge und Rechtfertigungen. Egal ob Hitler, Göring, Goebbels Sportpalastrede, oder Himmlers Panzergrabenrede: Arndt-Zitate findet sich fast überall wieder.

pfeil1_Wieso wählten die Nazis “Ernst Moritz Arndt” als Namen?

Genau wissen wir das nicht. Eine Begründung ist nicht überliefert. Doch die Nazis benannten zwischen 1933 und 1945 nicht nur unsere Universität sondern auch viele Schulen und Kasernen nach Arndt. Und dort ist uns zum Beispiel folgende Begründung für eine Schulumbenennung erhalten:

“In Ernst Moritz Arndt, dem begeisterten Freiheitshelden und Vorkämpfer für das Dritte Reich, hat die heutige Jugend ein hinreißendes Beispiel von vaterländischer Begeisterung gefunden.”

Studiendirektor Walter anlässlich der Namensgebung des Remscheider Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums, zitiert nach Remscheider General-Anzeiger vom 29. September 1937 (Quelle)

*Update*

Inzwischen haben wir sowohl den Antragstext, als auch die “feierliche” Rede des Greifswalder Rektors zur Verleihung des Namens gefunden. Im Detail finden sie unsere News dazu hier. Das Zitat des Rektors aus dem Jahr 1933 finden wir jedoch so spannend, dass wir es hier direkt einbinden:

“Nur wenn wir so denken [wie Ernst Moritz Arndt], werden wir auch im Sinne des Führers unseres Volkes [Adolf Hitler] handeln [...]. Das, was Ernst Moritz Arndt gewollt hat, geht zum guten Teil in unseren Tagen in Erfüllung. Aus seinem Geist heraus lebt nicht zum wenigsten die Gegenwart.“

Rektor, Prof. Dr. Heinrich Laag, am 28. Juni 1933. Aus: Greifswalder Universitätsreden 37, Greifswald 1933, S. 10 f.

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pfeil1_Was hat Hermann Göring mit unserer Universität zu tun?

goering

H. Göring

Hermann Göring verlieh unserer Universität den Namen 1933. Zu diesem Zeitpunkt hatte Göring in Preußen die demokratischen Verfahrensweisen bereits außer Kraft gesetzt und die totalitäre Strukturen der NSDAP durchgedrückt.  Es bedurfte sicherlich einiger einschlägiger Kriterien, die Arndt erfüllen musste, um sich dem Nationalchauvinisten, Rassisten und Antisemiten Göring (organisierte später die ersten Vernichtungslager) als Namenspatron zu empfehlen.

stahlhelmDer konkrete Vorschlag für Arndt kam damals übrigens von Pro­fes­­sor Dr. theol. Wal­ther Karl Erich Glawe. Doch wer war dieser Ideengeber? Glawe war seit 1919 Mitglied der paramilitärischen und antidemokratischen Organisa­tion „Orgesch“. 1923 trat der dem Stahlhelm, dann dem Kyffhäuser-Bund und schließlich der DNVP bei. Die DNVP war es, die 1933 mit der NSDAP eine Koalition bildete und auf diese Weise erst möglich machte, dass Hitler Reichs­kanz­ler bleiben konnte. 1934 wechselte Glawe übrigens zur SA und dann in die NSDAP.

pfeil1_Welche Bedeutung hat Arndt für die heutige rechtsextreme Szene?

Ernst Moritz Arndt wird noch immer in der rechtsextremen Szene geehrt und verteidigt. Besonders stark drückt sich dies auf der größten dt. rechtsextremen Internetseite (Link setzen wir hier nicht) aus. Dort heißt es etwa am 17.10.06:

„Arndts antijüdische Stellen beweisen, daß er ein Mann von weitsichtigem Charakter war, da diese Einschätzungen, wenngleich auch derb ausgedrückt, durchaus der Wahrheit entsprechen. Gerade die Geschichte des 20. Jahrhunderts beweist ja, daß den Juden allerhand erspart geblieben wäre, hätte man sich schon beizeiten die Warnungen Arndts zu eigen gemacht.“

kesseltreiben

Den Juden selbst die Schuld für Ihre Vernichtung zu geben ist eine beliebte Spielart des Antisemitismus. Aber man veröffentlicht in der rechtsextremen Szene auch mit Freude seine Kapitel über Judenhass… – übrigens nicht ohne hämisches Grinsen und einen besonderen Gruß an unsere Universität.

Und nachdem die Initiative ‘Uni ohne Arndt’ die erste Aktionen vor der Greifswalder Mensa durchgeführt hatte, wird auf dieser Seite (Link setzen wir wieder nicht) gehetzt:

“[...] Anlaß für uns einmal mehr der bundesdeutschen Rechtsprechung und dem Strafgesetzbuch zu danken, die es uns gottlob verbieten, öffentlich dazu aufrufen, grüne und Juso-Studenten mit dem größten Knüppel den man finden kann, so windelweich zu prügeln, daß sie sich entweder dorthin scheren, wo sie hergekommen sind, oder aber sich auf ihre eigentlichen Studienaufgaben besinnen, statt sich um Dinge zu kümmern, von denen sie eh nichts verstehen.”

Auch in der Ostsee-Zeitung waren die Rechtsextremen die schnellsten. Der erste Leserbrief – natürlich für Arndt -stammte von einem früheren NPD-Kreisvorsitzenden, der auch schon mal wegen versuchten Mordes wegen einem versuchten Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim verurteilt wurde. Mehr dazu hier.

leserbrief-drohungEinschüterungsversuche mit System

Professoren, die sich 2001 öffentlich für eine Umbenennung ausgesprochen hatten, erhielten Hass-Mails und anonyme Anrufe. Aber auch schon 1995, als sich eine Ernst Moritz Arndt Schule umbennen wollte, wurden Lehrer, die daür waren, “aus Pommern” bedroht (Quelle).

In Vorpommern setzen sich nicht nur die NPD und Nazi-Kammeradschaften für Arndt ein. Auch die Greifswalder national-völkischen Burschenschaften (nicht zu verwechseln mit den meist liberalen Verbindungen!) fielen in Diskussionen auf dem studentischen Onlineportal “webMoritz.de”  schon durch wüste Beschimpfungen und Hasstiraden gegen die Initiatoren negativ auf.

Auch die konservative “Pommerische Landsmandschaft” (Verband von Vertriebenen) machte sich 2001 ebenfalls für Arndt stark. Sie gehört jedoch nichts ins rechtsextreme Lager.

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_*Update 12. August* - Inzwischen bedroht die rechtsextreme Szene auch uns

Im Verlauf der Arndt-Debatte haben sich nun zahlreiche rechtsextreme Internetblogs, die NPD, die DVU und auch rechtspolulistische Magazine sich geäußert. Eine umfassende Übersicht dieser “Flut” haben wir hier im Nachrichtenbereich erstellt. Die zahlreichen Artikel aus der rechtsextreme Szene beweisen noch einmal, dass die Universität mit ihrem Namenspatron “die falschen Freunde” hat.

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_*Update 10. Oktober* - Bedrohung nimmt zu

Im Verlauf der Debatte nehmen die Drohungen aus der rechtsextremen Szene zu. Besonders stark konzentriert man sich dabei auf den Sprecher der Initiative, der als Gesicht der Initiative stärker wahrgenommen wird. Dieser hat bereits eine Art Drohbrief erhalten. Aber auch sein Foto wird inzwischen regelmäßig auf rechtsextremen Blogs veröffentlicht. Eine “Lücke in der Zahnreihe” sind dabei noch die eher freundlichen Zwischenrufe.

(Bildquellen_ Historische Bilder: gemeinfrei; Rechte Seite: Screenshot; Artikelausschnitt: EMA-Schule)

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_*Update 25. November* - Die rechtsextreme Szene ist “Pro-Arndt”:

Folgende Kreise haben sich bereits für die Beibehaltung des Namenspatrons Ernst Moritz Arndt ausgesprochen:

  • Die rechtsnationale Greifswalder Burschenschaft Rugia
  • Die deutschnationale Greifswalder Burschenschaft Markomannia
  • Der größte dt. Neonazi-Blog „Altermedia“
  • Die Junge Freiheit – das Sprachrohr der sog. “Neuen Rechten”
  • Der antisemitische Blog „Facts & Fiction“
  • „Der Greifswalder Bote“ der rechtsextremen „Initiative für Volksaufklärung e.V.“ (Herausgegeben von einem NPD-Landtagsmitglied)
  • Die rechtsextreme Zeitschrift „Aula“ (Sprachrohr der nationalen Studentenverbindungen)
  • Die DVU-Jugendorganisation “Junge Rechte”


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5 Responses to “Arndt & die Nazis”

  1. Derja Says:

    Jemanden der lange vor der Nazi-Diktatur gelebt hat für den nationalsozialismus verantwortlich zu machen ist lächerlich. Was wird eigentlich ungeschehen oder besser, wenn in Deutschland irgend etwas umbenannt wird? Vielleicht sollten wir historische Personen aus ihrer jeweiligen Zeit betrachten und beurteilen. Und nicht aus heutiger Sicht. Habe vorhin einen glaube ich nicht ganz ersnt gemeinten Beitrag gelesen, in dem danach gefragt wird, ob die Franzosen demnächst auch alle Einrichtungen umbenennen, die Napoleons Namen tragen. Regt zum Nachdenken an.

  2. Uni-ohne-Arndt Team Says:

    Hallo Derja

    a) zu Frankreich: Auch andere Länder kümmern sich um ihr historisches Erbe. Manche mehr, manche weniger. Kein Grund jedoch, sich zurückzulehnen? Es geht hier nicht um “irgendwas”, sondern u.a. darum, ob wir uns mit Herman Göring und seinen Idealen idendifizieren können!

    b) Zu “sollte man ihn aus heutiger oder damaliger Sicht” begreifen, haben wir hier ausführlich Stellung bezogen: http://jabbusch.tose.de/uniohnearndt/faq/#in-seiner-zeit. Auszug:

    “Der Historiker versetzt sich zwar in die Zeitumstände des jeweiligen Ereignisses, aber nur mit dem Ziel, einen Erkenntnisgewinn zu haben, den er anders nicht erhalten kann. Sodann ist er erst recht vor die Aufgabe gestellt zu prüfen, ob sich den Menschen der jeweiligen Epoche nicht Alternativen geboten haben. “Aus seiner Zeit heraus verstehen” wird oft entschuldigend gebraucht im Sinne von “Damals konnte man nicht anders”. Das erweist sich bei genauerem Hinsehen oft als unzutreffend.

    Im übrigen: Verstehen heißt noch lange nicht rechtfertigen. Die doppelte Dynamik historischer Erkenntnis besteht gerade darin, dass etwas sowohl in seiner eigenen Zeit als auch aus unserer Perspektive heraus verstanden und untersucht wird.

    Worauf es ankommt, ist vielmehr, dass Anachronismen nicht zulässig sind, das heißt, dass ich Phänomene nicht mit Maßstäben messen darf, die zu ihrer Zeit nicht bestanden haben. Aber gerade hier erlebt man die größten Überraschungen. Denn was gab es nicht alles schon für Maßstäbe in früher Zeit! Gerade die Maßstäbe der Menschlichkeit haben schon seit sehr früher Zeit bestanden [...]

    Um 1800 schrieb Georg Christoph Lichtenberg: “Wenn die Physiognomik [Anm. d. Red.: Pseudowissenschaft - Vorläufer der Rassenlehre - Wikipedia ] das wird, was Lavater von ihr erwartet, dann wird man die Kinder hängen, noch bevor sie die Taten begangen haben, die den Galgen verdienen”. Besser kann man das Konzept der Rassenhygiene des 20. Jahrhunderts nicht zugespitzt ausdrücken. Wie steht es mit Heines Kommentar zu den Studentenaktionen des Wartburgfestes: “Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man bald auch Menschen”? Hierfür war allerings keine divinatorische Begabung erforderlich, und Heine brauchte Goebbels nicht vorherzusehen, denn er kannte die Praktiken der Inquisition zu gut, [...].

    Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann, in: “Ernst Moritz Arndt weiterhin im Widerstreit der Meinungen : Neue Materialien zu einer alten Diskussion” S. 210

    c) Ist Arndt für die Nazis verantwortlich? Nein! Wo schreiben wir das – zitieren sie uns das bitte! Trotzdem hier eine ausführliche Antwort:
    In keinem Fall kann Arndt „selber schuld“ sein, denn er konnte von den Nazis, sowohl Neuen als auch Alten, nichts ahnen.

    Ungeachtet dessen besteht eine Verbindung zwischen dem, was Arndt geschrieben hat und dem, was Nationalsozialisten und Neonazis damit gemacht haben beziehungsweise heute damit machen. Hier geht insbesondere um das Werturteil, das bei einer Entscheidung, einer Universität einen bestimmten Namen zu geben, stets zugrunde liegt.

    Wenn Arndt etwa mit dem Gott der Christen darüber hadert, dass dieser ein Volk wie die Polen geschaffen habe: „Warum hat Gott solche Völker erschaffen, …, wie die Irländer und Polen? Weiß ich`s?“ Lassen wir die Iren einmal beiseite! Die Polen sind für Arndt gewissermaßen ein Ausdruck der Fehlerhaftigkeit der Schöpfung. Wenn Arndt ihnen die Existenzberechtigung nicht gleich ganz abspricht, so zieht er diese doch immerhin in Zweifel.

    Wir befinden uns hier in einer Zeit, in der der polnische Aufstand bereits Vergangenheit ist und Arndt auch schon wieder an der Universität Bonn lehren darf. Wenn Wehrmacht und SS an die 5 Millionen Polen umgebracht haben, dann ist dies natürlich nicht Arndt anzulasten. Wer behauptet, die Arndt-Kritiker seien dieser Meinung, redet Unsinn. Andererseits kann eine Affinität im Denken Arndts und dem Handeln von Wehrmacht und SS aber auch nicht von der Hand gewiesen werden, etwa in der Weise, dass Wehrmacht und SS den Fehler in der Schöpfung, den Arndt seinem christlichen Gott vorwirft, korrigieren wollten?

    Die Frage lautet also nicht, wie häufig unterschoben wird, ob Arndt an den Verbrechen von SS und Wehrmacht mitschuldig sei. Diese Frage ist absurd. Vielmehr lautet diese, ob es für eine Universität würdig und angemessen ist, wenn sie nach einer Person benannt ist, die ähnlich oder genau so gedacht hat wie diejenigen, die den Holocaust durchführten?

    Darüber hinaus hat Arndt seine Ansichten über die Juden auch dann nicht geändert, nachdem es zu seinen Lebzeiten zu gewalttätigen antijüdischen Ausschreitungen in ganz Deutschland gekommen war. Zu Arndts Lebzeiten gingen drei Wellen antijüdischer Gewalt durch „das ganze Deutschland“, nicht zuletzt besonders intensiv im Rheinland, wo Arndt wohnte. Zu einem der Initiatoren dieser Ausschreitungen hatte Arndt nachweislich Kontakt, und er hat diesen auch nachweislich in seinen Ansichten bestärkt, die dieser in einer umfangreichen Schrift veröffentlichte: „Ich bin im Ganzen mit Ihren Ansichten einverstanden, und muss auch in Hinsicht der Sprache und des Stils ihre Schrift loben.“

    Dieser judenfeindliche Agitator hat eine so genannte „Hostienschändung“ gezielt so inszeniert, dass diese den Juden angelastet wurde. Als daraufhin in der Öffentlichkeit an eine Hostienschändung durch Juden tatsächlich geglaubt wurde, ließ er des Nachts von seinen Anhängern Flugblätter verteilen, in denen er zur „Judenverfolgung“, das heißt zur Gewalt gegen die Juden, aufrief.

    Auch der Vorgang an sich, sollte zu denken geben: aus welchen Gründen schicken judenfeindliche Agitatoren ihre Schriften an Arndt?

    d) Was wird besser, wenn wir den Uni-Namen ändern? Wir ehren nicht weiter einen Mann der rassistische, antisemitische und völkisch-nationale Ideologie verbreitet hat. Wir verbessern damit die Kooperationen mit dem Ausland. Wir verleihen dadurch der Uni ein internationales Image. Es ist schlicht unsere Verpflichtung eines kritischen / refektierten Umgangs mit der Geschichte.

  3. Klaus_Mm Says:

    "Auch die Greifswalder national-völkischen Burschenschaften (nicht zu verwechseln mit den meist liberalen Verbindungen!) fielen in Diskussionen auf dem studentischen Onlineportal “webMoritz.de” schon durch wüste Beschimpfungen und Hasstiraden gegen die Initiatoren negativ auf."

    Das ist nicht richtig. Beim Webmoritz schreibt nach eigenem Bekunden kein Mitglied der Burschenschaft Rugia und seitens der bzw. meiner Burschenschaft Markomannia hat es dort keine wüsten Beschimpfungen oder Hasstiraden gegen die Initiatoren gegeben.

    Gruß, Klaus

  4. dr.pantenius Says:

    Professor Stamm-Kuhlmann schwimmt im Strom dieser Zeit und hätte eigentlich bei seinem Lehrer Salewski mehr über die Differenziertheit von meinungen und Vorgängen im 19. Jahrhundert lernen müssen.
    Arndt zurUnperson erklären, heißt, die Geschäfte eines Metternich besorgen. Soll Deutschland wieder in die Finsternis der Meinungsunfreiheit fallen? Nur Knechte werden ihre Karriere im Bett beenden.

  5. Uni-ohne-Arndt Team Says:

    Wie kommen Sie darauf, dass Stammt-Kuhlmann das macht?

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