Wissenschaftler zur Umbenennung

Die Initiative hat einige Historiker angeschrieben und nach Ihren Meinung zur Umbenennung gefragt. Hier sind Ihre Antworten:

Prof. Dr. Ute Daniel

Historikerin, TU Braunschweig, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Die Verantwortung für Namenspatrone tragen nicht diese selbst, sondern die Einrichtungen oder Personen, die sie wählen. Ernst Moritz Arndt hätte sich das heutige Deutschland nicht vorstellen, geschweige denn wünschen können. Ihm das vorzuwerfen, wäre ebenso unsinnig wie unhistorisch.

Es zu ignorieren, wäre geschichtsblind: Nachgeborene können im Gegensatz zu Arndt wissen, wozu ein – aus heutiger Werthaltung betrachtet – nationalistisches, rassistisches und frauenfeindliches Weltbild führen kann.

Der Universität Greifswald kann zu studentischen und anderen Mitgliedern gratuliert werden, denen ihre Alma mater wichtig genug ist, um sich gegen einen Namenspatron zu engagieren, dessen Wertvorstellungen mit unseren heutigen in entscheidenden Punkten kollidieren.

Hannes Heer

Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main, hat maßgeblich die bekannte Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ konzipiert.

Die Rolle der bürgerlichen Turnvereine, die im Namen oder im Geiste Ernst Moritz Arndts im 19. Jahrhundert Stätten der paramilitärischen Ausbildung und nationalistischen Mobilisierung waren, ist hinlänglich bekannt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie zu Zentren des Antisemitismus und Revanchismus und trugen, wie die militant republikfeindlichen Freicorps oder derantisemitische „Deuschvölkische Schutz-und Trutzbund“, zum späteren Sieg der NSDAP bei. Die deutschnational geprägten Turnvereine praktizierten meist schon vor 1933 den Ausschluss der Juden.

Der Hassprediger Ernst Moritz Arndt ist die personifizierte Negation von jeglicher Wissenschaft und deren Auftrag – Aufklärung. Er steht für Nationalismus und Rassismus und deren verhängnisvolle Folgen in der deutschen Geschichte – Krieg und Völkermord.

Dass eine deutsche Hochschule meint, sich mit seinem Namen schmücken zu können, ist ein unverzeihlicher Irrtum und ein politischer Skandal. In diesem Sinne wünsche ich Erfolg – ich unterstütze Ihre berechtigte, längst überfällige Initiative!

Prof. Dr. Helmut Berding

Historiker, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Justus-Liebig Universität Gießen, habilitierte 1972 über die napoleonische Herrschaft im Königreich Westphalen in den Jahren 1807-1813; seine Forschungsschwerpunkte sind das Zeitalter der napoleonischen Herrschaft sowie der moderne Antisemitismus.

Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass der Name für die Universität Greifswald eine Belastung darstellt.

Ernst-Moritz Arndt zählt zu den besonders radikalen Antisemiten, säte wirkungsvoll Franzosenhass, fand deshalb großen Anklang bei den Vertretern der deutschen Nationalbewegung, die sich gegen die Emanzipation der Juden ausgesprochen und einem aggressiven Nationalismus das Wort geredet haben.

Historiker, die mit der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts vertraut sind, wissen, welche kraftvollen Impulse von ihm ausgegangen sind. Vom deutschtümelnden Arndt lässt sich eine direkte Verbindungslinie zur völkischen Idee und Fremdenfeindlichkeit und von dort zum Nationalsozialismus ziehen. Nicht zufällig geht die Namensgebung in Greifswald auf Hermann Göring zurück. Vor diesem Hintergrund verliert das sonst ernstzunehmende Argument an Bedeutung, dass man nicht bei jeder historischen Wende abgestandene Traditionen über Bord werfen und fragwürdige Tatbestände der Geschichte aus dem Bewusstsein verbannen darf.

Wenn es um die Frage von Kontinuität und Bruch mit der Vergangenheit geht, ist unbedingt Augenmaß geboten. Im Falle der Ernst-Moritz-Arndt Universität liegen die Dinge klar auf der Hand. Auch und gerade mit Augenmaß ist es dringend geboten, nicht weiter an der Entscheidung von 1933 festzuhalten.

Prof. Dr. Wolfgang Benz

Historiker, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, ist seit 1985 Mitbegründer und Herausgeber der „Dachauer Hefte“ und seit 1992, Herausgeber des „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“, Herausgeber des „Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart“, Mitherausgeber der „Enzyklopädie des Nationalsozialismus“; seine Forschungsschwerpunkte sind der deutsche Antisemitismus sowie das System des Nationalsozialismus.

Arndt gehört zu den Wegbereitern des deutschen Nationalismus, nach haßerfüllten Pamphleten gegen Frankreich und die Franzosen artikulierte er mit kulturellen und rassistischen Argumenten Judenfeindschaft, propagierte Verschwörungs­phan­tasien und gehört damit zu den frühen Protagonisten des Antisemitismus, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Blüte kam. Die Eignung Arndts als Namensgeber einer Universität in einer demokratischen Gesellschaft ist damit mehr als zweifelhaft.

Weitere Wissenschaftler:

Folgende Wissenschaftler haben sich von sich bei uns, in Leserbriefen oder E-Mails öffentlich zu Wort gemeldet:

Prof. Dr. em. Horst Sachs

Mathematiker, TU Illmenau

Nachdem einen Artikel zu Ihrer Initiative gelesen habe, drängt es mich, dem Zorn der freien Rede folgend (Dank sei Arndt), Ihnen zu schreiben. Vorab: Ich wurde 1927 geboren und war von 1963 bis 1992 Professor für Mathematik an der Technischen Hochschule/Universität Ilmenau; ich habe keine detaillierten literarischen oder historischen Kenntnisse und bin, schon aus physischen Gründen (Sehschwäche etc.), nicht in der Lage, Quellenstudien zu treiben oder längere Berichte zu studieren. Was ich sagen will, ist ganz naiv und elementar:

Schon in der Schule (nicht nur in der Hitlerjugend) wurden wir im vaterländischen Sinne erzogen und mit Versen von Arndt und anderen Patrioten traktiert (nicht von allen Lehrern, das sei hervorgehoben) und damit, bewusst oder unbewusst, auf den Heldentod für Führer, Volk und Vaterland vorbereitet. Ich habe den letzten Krieg in allen seinen Phasen bewusst erlebt und erlitten. Viele meiner Kriegskameraden, 17- oder 18-jährig, verblendet vom Freiheitspathos antinapoleonischer (und nachfolgender) Kriege, sind, noch mit der (nicht von Arndt, aber in seinem Geiste verfassten) „Wacht am Rhein“ (den die Alliierten längst überschritten hatten) auf den Lippen, an meiner Seite im Granatenhagel verblutet (bei Ibbenbüren, 4. April 1945).

Arndts Popularität beruht vor allem auf seinem (meisterhaft gemachten) Lied vom Gott, der Eisen wachsen ließ; für die meisten unserer deutschen Zeitgenossen wohl das Einzige, was sie von ihm kennen. Aber hat derselbe Gott nicht auch den verdammungswürdigen Franzosen Säbel, Schwert und Spieß in ihre Rechte gegeben, damit sie die redlichen Deutschen unter ihr Joch zwingen konnten? Sein Sohn hat etwas ganz anderes gelehrt – So bleibt von einer erhabenen Hymne nicht mehr als eine Blasphemie.

Arndt hat zweifellos auch Verdienste (Sklavenbefreiung, Bürgerrechte; Paulskirche, …): mögen kompetente Historiker seinen Platz in der deutschen und europäischen Geschichte möglichst objektiv bestimmen. Die Heraushebung und Ehrung als Namenspatron einer dem Humanismus verpflichteten Universität aber setzt voraus, dass die positiven Wirkungen des Lehrens und Handelns des Kandidaten die negativen signifikant überwiegen – ganz unabhängig von der Wertung seiner Person als Kind seiner Zeit.

Mir geht es nicht um Arndt: es geht um die Bloßlegung der geistigen Wurzeln des deutschen Militarismus und Faschismus. Wir sind den unschuldigen Opfern der letzten Kriege (einschließlich meiner gefallenen Kameraden) eine klare, ehrliche Stellungnahme schuldig.

Ich hoffe und wünsche, dass die junge Generation Einsicht und Mut finden möge, sich von einer verhängnisvollen Tradition endgültig zu lösen. Ich wünsche Ihnen nachhaltigen Erfolg.

Horst Sachs

Der Germanist und Geschäftsführer des Reclam Verlags, Dr. Frank R. Max, zum Namen der Uniersität Greifwald:

„Eine Uni ohne Arndt finde ich durchaus wünschenswert. In unserem Programm hat er in erster Linie nichts verloren, weil er kein guter Lyriker, geschweige denn ein großer Dichter ist. Auch unter den guten Autoren gibt es gerade zu dieser nationalistisch etwas erregten Zeit bekanntlich leider diverse Antisemiten. Aber prinzipiell ist so ein offensiver Antisemitismus der Arndtschen Art schon ein hinreichender Grund, den Autor nicht im Programm zu haben. Außerdem kräht aber, muß man einfach sagen, auch in der heutigen universitären Literaturwissenschaft, geschweige denn an der Schule, geschweige denn in der lesenden Öffentlichkeit, natürlich kein Hahn mehr nach EMA. Und diese freiheitskriegerischen Franzosenfresser („Der Gott, der Eisen wachsen ließ.“) waren ja damals nicht selten, sind aber alle der Vergessenheit anheim gefallen. Als Nr. 4 von der 1867 gegründeten Reclamschen Universal-Bibliothek kam tatsächlich noch Körners „Leyer und Schwerdt“ – nach Faust I und II und Nathan und vor Shakespeare – muß man sich mal vorstellen.“

Niels Hegewisch und Dirk Mellies

Lehrbeauftragter bzw. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Greifswald

Das „Arndt-Hearing“ am letzten Freitag in der Aula fand tatsächlich in einer erstaunlich entspannten und seriösen Atmosphäre statt. Es bleibt zu hoffen, dass der Senat und alle weiteren Beteiligten der Diskussion dem Ansatz Dr. Echternkamps folgen und sich bei der Debatte immer vor Augen halten, dass es bei einem Namenspatronat vor allem um gegenwarts- und zukunftsbezogene Werte geht.

Erst wenn man sich das klar gemacht hat, lässt sich eine sinnvolle Entscheidung über eine Beibehaltung des Namens „Ernst-Moritz-Arndt“ bzw. über dessen Ablegung treffen. Der Positionierung Echternkamps, der sich aufgrund der xenophoben und in letzter Konsequenz antiaufklärerischen Aussagen Arndts für eine Ablegung des Namens entschieden hat, muss man dann zwar nicht zwangsläufig zustimmen. Wir meinen jedoch, dass in Anbetracht des auf Weltoffenheit angelegten Leitbilds der Greifswalder Universität das Werk Arndts zuviel Missverständliches und Problematisches enthält und vor diesem Hintergrund die Ablegung des Namens die Konsequenz derartiger Überlegungen sein muss.

Prof. Dr. Hartmut Lutz

Amerikanist, Universität Greifswald

477 Jahre lang trug unsere Alma Mater den Namen der Stadt Greifswald, aber als 1933 die Nazis an die Macht kamen, beantragte der Senat die Umbenennung der Universität, um mit dem Namen „Ernst-Moritz Arndt“ die neue Zeit zu markieren. Hermann Göring entsprach diesem Antrag.

Die damalige Entscheidung war eine rein politische, und wenn jetzt die Chance besteht, nach 76 Jahren und im zweiten politischen System danach, den schlichten und altehrwürdigen Namen „Universität Greifswald“ wieder anzunehmen, ist auch dies eine rein politische Entscheidung, die sich ideologisch deutlich vom Nationalsozialismus abgrenzt.

Darum geht es. Hier können die Universitätsleitung und insbesondere die Senatsmitglieder einmal die so oft öffentlich geforderte Zivilcourage gegenüber dem Erstarken völkisch-nationalistischer Ideologie in unserem Land Vorpommern beweisen. Sie können ein deutliches Signal gegen Fremdenhass und nationalistischen Ethnozentrismus setzen. Es geht nicht darum, die nationalen Verdienste oder auch die (nicht nur) aus heutiger Sicht schrecklichen Gedanken im Werk Arndts zu bewerten, sondern es geht darum zu zeigen, dass unsere Alma Mater heute nicht länger einen Namen tragen will, den ihr der damalige Senat der Universität aus politischem Opportunismus  1933 gegeben hat.  Es geht um Aufklärung und Demokratie.

Die Studierenden, die heute eine Uni ohne Arndt fordern, haben einen klaren und mutigen Schritt in diese Richtung getan, und es ist zu hoffen, dass ihnen Studentenschaft und Senat diesmal folgen.

Prof. Dr. Andreas Pehnke

Lehrstuhl Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Greifswald

Als Wissenschaftler mit Forschungsthemen gegen den Antisemitismus befürworte ich die Ablehnung des Namens unserer Universität.

Dr. Thomas Burmeister

Charité – Universitätsmedizin Berlin

Ich bin gegen Arndt, weil die Universität Greifswald eine der ältesten Universitäten Deutschlands und des Ostseeraumes ist. Seit 1933 trägt sie den Namen Ernst Moritz Arndts. Es ist an der Zeit diesen von den Nationalsozialisten verliehenen Namen wieder abzulegen. Eine Universität kann nach ihren Gründern benannt sein (z. B. Eberhard-Ludwigs-Universität, Ruprecht-Karls-Universität, Ludwig-Maximilians-Universität, Georg-August-Universität, Albert-Ludwigs-Universität, etc.). Das ist dann historisch begründet und, falls es sich dabei nicht um absolute Unpersonen handelt, so hinzunehmen. Wenn eine alte Universität jedoch umbenannt wird, sollten nur Personen als Namenspatron in Frage kommen, die Vorbildfunktion haben. Arnst ist sicherlich in vielerlei Hinsicht ein Kind seiner Zeit gewesen, sein Franzosenhass ist in der Erfahrung der napoleonischen Besatzung begründet. Trotzdem kann man damit nicht alle seine Äußerungen entschuldigen. Man vergleiche ihn bloß mit Zeitgenossen wie Goethe, Schiller und Humboldt, die auch (und mit einigem Recht) zu Namenspatronen von Universitäten wurden. Arndt sollte nicht als Namenspatron einer alten und respektablen Wissenschaftsinstitution dienen, die ihrem Wesen nach auf Internationalität, Offenheit und Toleranz gegründet sein soll.

Prof. Dr. Walter Baumgartner

Nordistik, Universität Greifswald

Während die Stadt Greifswald ein Leitbild sucht, das bestimmt auf etwas wie Weltoffenheit, Buntheit, Innovation, Angekommen im 21. Jahrhundert, europäische / internationale Attraktivität etc. hinauslaufen wird, versuchen die Uni und die Leserbriefschreiber der OZ ausgerechnet den Namen Ernst Moritz Arndts als Namenspatron und Fahneninschrift (Briefkopf) zu retten, er soll für ihr Programm und ihre Überzeugung stehen.

Studierende, die zur Lösung dieses absurden Dilemmas beitragen wollen, indem sie für die Abschaffung des himmelschreienden Anachronismus plädieren, der seit 1933 an der Universität Greifswald haftet (Erbe gleich zweier Diktaturen!), werden bar aller Logik als das Problem ausgemacht. Anstatt Ernst Moritz Arndt, der gegen „Ausländerei“ wetterte, Monokultur und christlich-militaristischen Fundamentalismus und Chauvinismus vertrat! Wenn Studierende es wagen, einen Mann Antisemit zu nennen, der geschrieben hat: „Er [der Jude] möge für friedlos erklärt werden über das ganze deutsche Reich, und nimmer möge seine Acht versöhnt werden.“  (Blick aus er Zeit, 1814) (was sonst sieht die Sprache für so eine Haltung vor?), dann wird ihnen von Arndt-Fans in der OZ mit Studiengebührenverdoppelung gedroht. Der Rektor soll die Notbremse ziehen. Westprofessoren und Studis, denen der Name nicht gefällt, bräuchten ja nicht nach Greifswald zu kommen. Und es gebe Wichtigeres, als Arndt zu diskuteren…

Ich weiß schon: Wir wollen unseren Kaiser oder was/wen immer wieder haben.

Wenn unsere Zeit mit ihrer gesetzlich verankerten Demokratie, Zivilgesellschaft und religiösen und ethnischen Toleranz (auch und nachgerade Juden gegenüber) von etwas Historischem tief geprägt ist, dann ist es die Aufklärung und die bürgerliche Revolution von 1789ff.  Arndt hat sich wortgewaltig und „teutsch“ gegen all dies gestellt, er ist heute – gottseidank – nun wirklich nicht mehr wegweisend.

Ich bin ehrlich gespannt, wogegen die Universität Greifswald die Notbremse ziehen wird. Auf jeden Fall wird sie nachher nicht mehr sagen können, sie wisse nicht, wer Arndt war und wofür er stand, und wer sich heute am energischsten auf ihn beruft. Wobei Nicht-Wissen oder nicht wissen wollen sowie Opportunismus gegenüber Leserbriefspalten und vermuteten schweigenden Minoritäten noch nie ein mildernder Umstand für eine Unachtsamkeit einer akademischen Institution gewesen ist. Studierenden jedenfalls kann es nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass sie lesen, sich Gedanken über das Gelesenen machen und Konsequenzen aus ihren Einsichten ziehen wollen, selbst wenn es nicht Gegenstand irgendeines Moduls sein sollte, für das sie ECTS-Punkte erhalten.

Weil mich so etwas zutiefst empört, und weil ich diesen jungen Leuten in der Sache Recht gebe, melde ich mich hier, und wo ich es sonst als nützlich erachte, zu Wort.

Michael Hein

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte der Universität Greifswald

Es gibt sehr viele gute Gründe die gegen Arndt sprechen – und keinen einzigen, warum sich unsere Universität mit seinem Namen „schmücken“ sollte. Deshalb bin ich für eine Änderung des Universitätsnamens!

Peter Fasel

Historiker & Buchautor aus Würzburg

Die Initiative „Uni ohne Arndt“ möchte ich noch einmal ausdrücklich unterstützen. In Anbetracht des völkischen Charakters von Arndts Ideologie sollte die Entscheidung zugunsten einer Umbenennung leicht fallen. Was spräche gegen die Wiedereinführung des altehrwürdigen Namens „Universität Greifswald“?

[Seine ausführliche Bewertung zu Arndt hier]

Dr. habil. Benjamin Ortmeyer

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Ich halte den Namen „Ernst Moritz Arndt“ nicht für tragbar. Ernst Moritz Arndt war im Jahre 1813 im Stabe des Reichsfreiherrn Stein für „Propaganda“ zuständig. Sein bekanntestes Gedicht: „Was ist des Teutschen Vaterland?“ Ob Schweiz und Tirol, Österreich – immer folgt der „Slogan“, dass es nicht ausreicht, „sein Vaterland muss größer sein“:

So weit die deutsche Zunge klingt
und Gott im Himmel Lieder singt,
das soll es sein!
das, wackrer Deutscher, nenne dein!

Das ist des Teutschen Vaterland,
wo Zorn vertilgt den welschen Tand,
wo jeder Franzmann heißet Feind
wo jeder teutsche heißet Freund –
das soll es sein!
Das ganze Teutschland soll es sein!“

In diesem Gedicht werden auch die Holländer, die er als „Marsen“ bezeichnet, miteinbezogen.

Die Vorstellung, daß Deutschland identisch sei mit dem deutschen Sprachgebiet, ist hier Leitlinie, falsche Leitlinie. Denn Deutsche lebten ja nicht nur im eigenen Land, sondern auch – oft weit vorgeschobene Minderheiten – in anderen Ländern, deren Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit nicht deutsch war und nicht deutsch sprach.

Das… „muß größer sein“, war eben schon expansionistisch in alle Himmelsrichtungen. Bis heute hat sich zudem die Vorstellung gehalten, daß „soweit die deutsche Zunge klingt“ (eine sehr merkwürdige Wortkombination), es sich doch im Grunde um „Deutsche“ handelt. Darauf wird bei der Haltung zu Österreich zurückzukommen sein.

Aber – unlogisch bis zum Geht-nicht-mehr – die deutsche Zunge, die hat bei Arndt doch nicht nur jeder, der deutsch spricht. Das militante Deutschländertum hat eben nicht nur die Sprache als Kriterium, sondern den „germanischen Stamm“, „Hermanns Blut“. Daraus resultierte der bösartige Antisemitismus dieser Zeitspanne.

Ernst Moritz Arndt schrieb 1814:

„Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, dass sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden. Ich will es aber auch deswegen nicht, weil sie ein durchaus fremdes Volk sind und weil ich den germanischen Stamm so sehr als möglich von fremdartigen Bestandteilen rein zu erhalten wünsche.“

Gleichzeitig setzte Arndt sein Akzent vor allem gegen die sogenannten Ostjuden und führte weiter aus, dass die Juden aus ganz Europa nach Deutschland

„hinströmen und es mit ihrem Schmutz und ihrer Pest zu überschwemmen drohen, da diese verderbliche Überschwemmung vorzüglich von Osten her, nämlich aus Polen droht…“ (Zitiert nach E.M. Arndt, Ein Blick aus der Zeit auf die Zeit, 1814, abgedruckt in „Geschichte des Antisemitismus in Deutschland“, Graf von Westphalen, Stuttgart 1964, S. 15, 16)

Klar ist auch, daß die Zeit vorbei ist, in der Juden sich taufen lassen können und dann keine Juden mehr sind. Der völkische Antisemitismus – biologistisch, rassistische mit Beispielen aus der Tier- und Pflanzenwelt illustriert – handelt nach der Devise „Jud bleibt Jud!“ Und zudem, wer sich mit Juden einlässt, wird sofort zum „Judengenossen“ gestempelt!

So schrieb Arndt 1848:

„Juden und Judengenossen, getaufte und ungetaufte, arbeiten unermüdlich und auf allen äußersten, radikalen Linken mitsitzend an der Zersetzung und Auflösung dessen, worin uns Deutschen bisher unser Menschliches und Heiliges eingefaßt schien, an der Auflösung der Vaterlandlsliebe und Gottesfurcht“. (Zitiert nach K. Dede, Die mißbrauchte Hymne, Oldenburg 1989, S. 61)

Aus all den angeführten Gründen halte ich es für richtig, die Universität umzubenennen. Arndt sollte man nicht aus heutiger Sicht beurteilen, sondern hermeneutisch aus seiner Zeit heraus: Da war er vor allem einer von vielen Reaktionären, die von seinem Zeitgenossen Heinrich Heine schon ganz gut als Teil einer bestimmten Strömung charakterisiert wurde.

Zusammenfassend resümiert Heine:

„Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.“

Prof. Dr. Helmut Klüter

Lehrstuhl Regionale Geographie, Universität Greifswald

Seine Argumentation ist auf dem webMoritz in voller Länge nachlesbar. Wir wollen hier nur sein Fazit zitieren:

Fassen wir zusammen:

  1. Für eine moderne Universität ist es blamabel, wenn sie sich bei ihrer Namensgebung auf eine zweifelhafte Initiative des faschistischen „Stahlhelms“ von 1933 stützt. Die damalige Umbenennung ist aus heutiger Sicht inakzeptabel.
  2. Im Zeitalter des Internets kann man Arndts „Werk“ nicht länger geheim halten. Unsere internationalen Partner haben die Möglichkeit, zu erfahren, wer da als Namenspatron fungiert. Als einzelner Wissenschaftler hat man dann nur noch die Möglichkeit, sich von der Aktion 1933 zu distanzieren. Was ist ein Image wert, wenn man sich davon distanzieren muss?
  3. Bereits vor dem Zeithintergrund des frühen 19. Jahrhunderts und vor allem in Bezug auf damalige Angewandte Theologie erscheint Arndt hoffnungslos veraltet. Der Protestantismus hat das Glück, dass einige romantische Ideen dieser Zeit durch Grundtvig und andere Theologen für die heutige Kirche uminterpretiert und für die gesellschaftliche Praxis gerettet werden konnten. Das sollte aber keineswegs Arndt zugerechnet werden.
  4. Mit der religiös verbrämten Verquickung von „Vaterland“; „Muttersprachraum“ und -komplementär dazu – dem Hass auf andere Völker hat Arndt wesentliche Bausteine dafür geliefert, Aggression gegen andere Staaten auch in Friedenszeiten latent zu halten. Die kriegerischen Entladungen haben 1918 und 1945 haben zwei deutsche Administrationen in den Untergang geführt. Ist das noch nicht genug?
  5. Diejenigen, die dennoch für Arndt als Namenspatron plädieren, führen einen merkwürdigen Stellvertreterkrieg: Sie sezieren Arndt, seine Biographie und die entsprechenden Vergangenheiten. Daraus basteln sie ihre eigene, gegenwärtige, humpelnde, kriegsträchtige Tradition und ihre ebenso konservativ angeschrägte, schon von Motten zerfressene Identität. Genau diese möchten sie durch den Namen der Hochschule bestätigt sehen. Sie machen aus dem Universitätspatron ein Universitätsgespenst. Der Widergänger muss episodisch neu beschworen werden, denn „die Konstruktion von Vergangenheit und Deutung der Gegenwart muss immer wieder neu erfolgen…“ (Alvermann 2010, S. 30). Für derartige Geisterbeschwörungen sollte unsere Universität sich zu schade sein.

Dr. Jörg Echternkamp

Dozent an der Berliner Humboldt-Universität & Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam

„Ich empfehle daher, den Namenszusatz der Universität […] wieder zu zurückzunehmen. Das wäre im Hinblick auf die Universitätsgeschichte nicht primär ein symbolpolitischer Akt der Abgrenzung vom Nationalsozialismus, sondern von der demokratieskeptischen, demokratiefeindlichen und nationalistischen Haltung der Hochschullehrerschaft in den Zwanziger und Dreißiger Jahren. Ging die Namensgebung damals auf die Initiative der Universität zurück, die ihre Zustimmung gegenüber Diktatur und Nationalsozialismus signalsieren wollte, wäre die Namensänderung heute eine Initiative der Universität, ihre Zustimmung zu Demokratie und internationaler Weltoffenheit zu signalisieren.“

Das Zitat stammt aus seinem beeindruckenden Vortrag vor der Namenskommission des Senats der Universität Greifswald. Es ist hier in Gänze nachlesbar.

Jost Aé

Diplom-Philosoph, Ehemaliger Student der Uni Greifswald & Bürger

Jost Aé (Homepage) lebt seit 1966 in Greifswald. Zwischen 1999 und 2009 war er Mitglied der Greifswalder Bürgerschaft für die SPD. Das folgende Statement möchte er jedoch als ehemaliger Student abgeben. Neben seiner Berufstätigkeit absolvierte Aé zwischen 1979 und 1985 im „Fernstudium“ sein Diplom in Philosophie an der Greifswalder Hochschule:

Professor Klüters Stellungnahme im Namensstreit um Ernst Moritz Arndt trifft genau ins Schwarze. Die Erbitterung, mit der nun auch aus theologischer Ecke für Arndt gestritten wird, macht deutlich, dass die Zeiten noch immer nicht vorbei sind, in denen „Christliches“ der Versuchung, mit Deutsch-Nationalem eine unheilige Allianz einzugehen, nicht widerstehen kann.

Im Gegenteil, es passt genau zum Zeit(un)geist, der Deutschtümelei und „wir sind wieder wer“ avancieren lässt als staatstragendes Beiwerk zur Durchsetzung der dem geeinten Deutschland zugedachten neuen imperialen Rolle.

Arndt als Namenspatron retten zu wollen, indem man ihn aus seiner Zeit heraus zu verstehen vorgibt, zeigt bestenfalls, dass da wenig verstanden wurde. Dass einer Hass predigt, kann man vielleicht historisch erklären, aber man darf es nicht billigend in Kauf nehmen und schon gar nicht eine Universität nach ihm benennen. Dass dies zu Zeiten geschah, ist Teil unserer unrühmlichen Geschichte.

Nicht die Zeiten sind verantwortlich, sondern wir sind für sie verantwortlich. Es wird sich daher zeigen, ob in unserer Alma Mater genügend weltbürgerlicher Geist und Mut herrschen, einen Namen abzulegen, dem diese Ehre nicht gebührt. Schon eine Kaserne nach Arndt zu benennen, hielte ich heute für bedenklich.

Jost Aé – Greifswald – 9. Januar 2010

Foto: privat, nicht CC.

Literaturhistoriker Rolf Hosfeld

Der Literaturhistoriker Rolf Hosfeld bedauert in einem großen Interview im Deutschlandradio, dass die Universität Greifswald noch immer nach  Ernst Moritz Arndt benannt ist. Er würde es begrüßen, wenn die Universität sich “einen neutralen Namen” geben würde, so Hosfeld.

Hosfeld: Es ist vor allen Dingen ein moderner Antisemitismus. Arndt war der Ansicht, dass die Deutschen so etwas wie ein reines Urvolk sind und eine ungeteilte Nation, die er sich vorstellte, auch eine Vereinigung der deutschen Stämme und der deutschen Kleinstaaten zu einem großen Deutschland, das schloss natürlich alles aus, was deutschfremd war. Und die Juden waren in seinen Augen eben keine Deutschen.

Deutschlandradio: Entschuldigt das etwas?

Hosfeld: Nein.”

Prof. Ulrich Puritz

Stellvertretender Gf. Direktor des Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald:

Den Namen Ernst Moritz Arndt als identitätsstiftende Maßnahme halte ich für politisch nicht vertretbar, er ist für internationale Kontakte hinderlich und belastet die Zukunft der Universität als seriöser und offener Partner für Wissenschaft und Kunst im Ostseeraum.

Dr. Kerstin Knopf

Mitarbeiterin im Department of English and American Studies:

Ich möchte dass sich die Universität endlich von dem Namen einer Person löst, die Antisemitismus und Fremden- (bzw. Franzosen)feindlichkeit propagierte, und dessen dichterisches Werk eben auch keinen ästethischen Wert besitzt. Nur so kann die Universität liberal-demokratische Werten gerecht werden. […]

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Kontakt: uniohnearndt [at] googlemail.com

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