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OZ verhindert konstruktive Debatte

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Es ist jedes mal das gleiche: Irgend ein zorniger – meist älterer Herr – schreibt einen „wutentbrannten“ Leserbrief, indem er wahlweise alle Studenten  aus der Stadt werfen möchte, oder die Studenten als „Linksbolschewisten“ beschimpft. Jedesmal schreiben wir eine Antworten, die meist erst nach mehreren Drängen und Hinweis auf die massiven Verleumdungen der Studenten abgedruckt werden.

Dieses mal war es jedoch – zu unserer Freude – ein vergleichsweise sachlicher Leserbrief, der am 16.10. abgedruckt wurde. Erneut schrieben wir einen Antwort, erneut wurde unsere Antwort abgelehnt. Schließlich seien wir ja nicht direkt angeschimpft werden, sagte man uns, so dass es keinen Grund für Antwort gäbe. „Die Ostsee-Zeitung ist schließlich kein Forum“, so einer der Redakteure.

Super! Nun gibt es endlich mal die von allen gewünschte „sachliche“ Debatte. Doch „die“ möchte die Lokalzeitung nun dann auch wieder nicht?!

Fast wollten wir uns damit begnügen, doch nun hing genau dieser Leserbrief als Plakat (wie hier eingescannt) an einem schwarzen Brett in der Uni. Daher veröffentlichen wir unsere Antwort auf diesen Leserbrief nun hier im Internet:

„Dr. Michel liegt falsch. Arndts Rassismus war kein „Randphänomen“, sondern liegt im Zentrum Arndts Hinterlassenschaft und findet sich in fast allen Werken seiner 40jährigen Schaffenszeit. Arndts schuf hunderte politische Schriften, die eine „teutsche“ Nation begründen sollten. Und genau hier liegt das Problem. Denn er wollte die Nation durch Abgrenzung gegenüber „dem Fremden“ begründen. Die „teutsche Rasse“ sei höherwertiger, als die französische, die dänische, die slawische oder eben die jüdische „Rasse“ (Für Arndt waren Völker Rassen. Auch Menschen jüdischen Glaubens seien eine Rasse). Der von Arndt erhoffte „Volkshass auf Frankreich“ sollte die Deutschen zusammenführen. Daher wünschte sich Arndt den Hass auf Frankreich „nicht nur für diesen Krieg, sondern für immer“ und, dass er sich „als heiliger Wahn“ in die „Seelen der Kinder brenne“. Anders als andere Nationaldichter seiner Zeit begründet Arndt seinen Nationalismus im Kern nicht auf einer gemeinsamen Sprache, Geschichte oder Kultur (vgl. Weimarer Klassik), sondern auf einen „gemeinsamen Hass“ – ein zutiefst anti-aufklärerischer Ansatz, selbst damals. Der Versuch von Herrn Michel Arndts Kampf für die Nation und Arndts rassistische Begründung für die Nation zu trennen ist unseriös.  Und klar ist doch auch, dass wir Arndt nicht für seine kaum bekannten Gedichte ehren, sondern für sein Hauptwerk: Das sind eben seine politischen Schriften zur  Nationfindung.

Im reaktionären Monarchisten Arndt will Herr Michel zudem einen „Demokraten“ entdecken. Wir würden dafür gerne Belegen sehen. Seine Abrufung als Professor in der Zeit der Restauration hat mit seiner Hetze gegen die kleinstaatlichen Fürsten zu tun. Eine Republik oder gar eine Demokratie hat Arndt stets lautstark abgelehnt.

Arndt Schrift gegen die Leibeigenschaft wird interessanterweise nie in einen historischen Kontext gesetzt: Zur Veröffentlichung war sie in vielen Teilen Europas längst abgeschafft. In Schweden, welches Pommern damals besetzte, gab es nie Leibeigenschaft. Arndt rannte beim schwedischen König offene Türen ein. Erst die DDR-Geschichtsschreibung stilisierte Arndts „Bauernbefreiung“ zur Heldentat.

All diese Informationen sind durch die Geschichtswissenschaft in aller Tiefe ergründet und unter www.uniohnearndt.de zur freien Diskussion verfügbar. Aller Bürger sind eingeladen sich zu informieren und zu diskutieren.

Das wichtigste aber ist, dass der Name einer Universität eine Vorbild-Funktion hat. Egal ob Volkshass, Antisemitismus und rassistischer Nationalismus: Wir Studenten würden gerne wissen, was wir denn an Arndt „ehren“ sollen?! Wir werden die Augen vor den Erkenntnisse der modernden Geschichtswissenschaft nicht mehr länger verschließen.“

*Update 1. November*

Die Ostsee-Zeitung hat nun angekündigt unseren Leserbrief doch noch morgen abzudrucken.

*Update 7. November*

Wenige Stunden später erhielten wir eine E-Mail, dass „ein wichtiger Artikel“ dem Abdruck unseres Leserbriefes dazwischen gekommen sei – wofür wir Verständnis zeigten. Doch auch am übernächsten Tag kam unser Leserbrief nicht. Danach haben wir im Laufe der Woche noch zweimal nach dem Abdruck unseres Leserbrief  gefragt und keine Antwort mehr erhalten. Offenbar hat man es sich ein drittes mal überlegt… Konstruktive und argumentative Leserbriefe sind in der OZ wohl weiterhin nicht erwünscht.

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