Tag Archive: Ernst-Moritz Arndt

„Westprofessoren“ und gezielte Meinungsmache – eine nicht hinnehmbare Diskussionskultur

„Westprofessoren“ und gezielte Meinungsmache – eine nicht hinnehmbare Diskussionskultur für zwei Greifswalder Studenten. Sie nahmen sich der Probleme an und publizierten das Ergebniss in einem wissenschaftlichen Band.

Der 17. März dieses Jahres [2010] verlief relativ alltäglich und unscheinbar: Das Wetter in Greifswald war grau, viele Prüfungen waren erledigt, die Semesterferien näherten sich dem Ende. Was an diesem Tag hinter den Türen des Universitätshauptgebäudes passierte, in dem der akademische Senat tagte, war eine der lang erwarteten Entscheidungen. Zwei Lager haben sich beim Rubenowplatz eingefunden. Die einen sind für, die anderen gegen die Beibehaltung des Namenspatrons „Ernst Moritz Arndt“, der 1933 eingeführt wurde.

Eine fast einjährige Debatte mit vielen Höhen und Tiefen, insbesondere in der (Hochschul-)Politik, ging diesem Tag voraus. Durch eine Inszenierung Arndts von Sebastian Jabbusch und dem Vortragen von antisemitischen Zitaten wurde wieder eine ganze Welle an Streitgesprächen und manchmal auch Anfeindungen zwischen Studierenden, Bürgern der Stadt und anderen Beteiligten ausgelöst.

Bei der Vollversammlung der Studierendenschaft im Juni 2009 stimmte eine klare Mehrheit der Anwesenden dafür, dass die studentischen Gremien den Namen „Ernst Moritz Arndt“ ablegen sollten, und das Studierendenparlament (StuPa) sich dem Antrag anschließen solle. Noch dazu kam eine Entscheidung, die bisher einmalig in der 550-jährigen Geschichte der Universität war: Eine studentische Urabstimmung sollte her.

Unter anderem auf Initiative von studentischen Senatoren – darunter Fabian Freiberger und Thomas Schattschneider – gründete sich wegen der Debatte auch im akademischen Senat eine Kommission. Diese sollte erarbeiten, welche Argumente für und welche gegen Arndt als Namenspatron der Universität sprechen. Der Senat entschied sich – unabhängig vom Ergebnis der Urabstimmung – am 17. März 2010 für den Namenspatron. Die Senatsvorsitzende Maria-Theresia Schafmeister erklärte nach der Entscheidung in einem Beitrag von moritzTV: „Uns ist durch diese Entscheidung der Auftrag gegeben worden, sich kritisch mit der Person Arndt auseinanderzusetzen. Die Debatte um den Namenspatron wird nicht aufhören.“ Weiterlesen

Share

Ernst Moritz Arndt erregt auch Bürger in Velbert

Die Ernst-Moritz Arndt Straße nach der Umbenennung

Die Ernst-Moritz Arndt Straße nach der Umbenennung

Und noch eine Nachreichung: Bereits im März 2010 hatten Bürger der Stadt Velbert für einige Tage sich des Namenspatrons „Ernst Moritz Arndt“ im Straßenbild entledigt und die Straße eigenmächtig umbenannt. Die Ernst-Moritz-Arndt-Straße wurde  in Sophie-Scholl-Straße umgetauft. Die Aktivisten in Velbert änderten gleich ein paar andere Namen mit: Umbenannt wurde auch der Ina Seidel-Weg (Autorin und Unterstützerin des Nationalsozialismus) in Gertrud-Koch-Weg und der Agnes-Miegel-Weg (Unterstützerin Adolf Hitlers) in Georg-Elser-Weg umbenannt. In einem Schreiben erklärten die Aktivisten dazu:

„Es ist für uns unerträglich, dass auch im Jahr des 65. Jahrestages der Befreiung von Ausschwitz den geistigen Tätern von einst die Ehre zuteil wird, Namensgeber für eine Straße zu sein. Rechtsradikale und antisemitisches Gedankengut rückt durch solche Praktiken immer weiter in die Mitte der Gesellschaft und wird Alltag.“

Die gesamte Aktion wurde hier kurz dargestellt. Wir danken für die kreative Aktion aus Velbert!

Share

DIE ZEIT veröffentlicht Artikel über Ernst Moritz Arndt

Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat die neusten Ausgabe ihres Magazin “ ZEIT Geschichte, Epochen. Menschen. Ideen“ dem Thema „Die Deutschen und die ‚Nation‘ “ gewidmet (Heft 3/2010). Darin findet sich ein interessanter Aufsatz von Christian Staas mit dem Titel „Einheit durch Reinheit“  (S. 38-42). Dieser Artikel bestätigt einmal mehr, dass die „Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald“ in völlig unverantwortlicher Weise mit ihrem Namen einen Nationalisten verehrt, dessen Werk bis heute Rassismus und Fremdenfeindlichkeit predigt.

Die Universität hat seit den Studentenprotesten nichts an ihrer eigenen Erinnerungskultur verändert, weiterhin wird verdrängt. Die verharmlosende Darstellung über Arndt auf der Homepage der Uni wurde nicht verändert. Der Beschluss der Vollversammlung wird ignoriert.  Genau durch dieses „Unter-den-Teppich-kehren“ wird der Name erst Recht zum Schadfleck für die Uni. Der Rektor verweigert sich dabei ignorant jeder Veränderung  und sollte sich schämen. Denn ohne kritische Reflektion prangt der Name Arndts wie ein Aushängeschild für Rassismus und offenen Hass am Eingang zur Universität. Von dieser rechtsnationalen Atmosphäre fühlen sich nicht nur Burschenschaften, sondern zuletzt sogar ein Professor ermutigt. Aber auch zahlreiche rechtsextreme Schmierereien rund um die Mensa beziehen sich immer wieder auf Ernst Moritz Arndt sowie moderne Formen von Fremdenfeindlichkeit.

Wir erlauben uns, im folgenden einige Zitate aus dem Artikel zu veröffentlichen:

„Noch immer werden deutsche Frühnationalisten wie Ernst Moritz Arndt als aufrechte Patrioten verehrt. Dabei nehmen ihre Schriften schon in vielem die rassistisch-völkische NS-Ideologie vorweg. (…) In Berlin-Zehlendorf trägt seit 1935 eine evangelische Kirche seinen Namen, in Greifswald seit 1933 eine Universität […].

[…]

Trotzdem hat die historische Forschung Gestalten wie Arndt, Fichte und Jahn lange Zeit das Etikett „frühliberal“ angeheftet und das aufkeimende deutsche Nationalbewusstsein als emanzipatorisch begriffen […]. Kritische Zeitgenossen hingegen gewichteten die Nationalpropaganda Arndts, Fichtes und Jahns anders:  Sie sprechen, wie der jüdische Publizist Saul Ascher, von „Germanomanie“. Denn über die Nationalisierung der germanischen Stammesgeschichte und des „teutschen“ Mittelalters erträumten sich die germanomanen Autoren die deutsche Nation als homogene Abstammungsgemeinschaft. […]

Keiner der deutschnationalen Hassprediger fordert Volkssouveränität. Und viel ist zwar von „Freiheit“ die Rede, aber in einem ebenso diffusen Sinne wie von Volk, Vaterland und Nation. Die neue nationale Idee ist nebulös genug, um verschiedene Zwecke zu heiligen. Die pathosschweren Schriften der Germanomanen kompensieren diesen Mangel an konkreten politischen Vorstellungen mit einem umso schärfer umrissenen äußeren Feindbild. Verweichlicht, weibisch und moralisch verkommen nennt Arndt die Franzosen; mannhaft, tüchtig und ehrenhaft seien die Deutschen. (…)

Mit der Idee einer aufklärerischen Kulturnation, die sich im vernunftgeleiteten Für und Wider konstituiert, können Demagogen wie Arndt und Jahn nur bedingt etwas anfangen: Die kulturnationale Idee mündet bei ihnen in diffuse, sakralisierende Beschwörungen von völkischer Einheit und Stammesreinheit. (…) Der Duktus seiner [Arndts] Schriften und der anderer Germanomanen verrät hingegen keine besonders demokratische Denkweise: „Ein Volk zu sein, ein Gefühl zu haben für eine Sache, mit dem blutigen Schwert der Rache zusammenzulaufen, das ist die Religion unserer Zeit […].“ […] Die Freiheit, die Arndt hier vorschwebt, ist ganz offensichtlich nicht die in einer pluralistischen modernen Gesellschaft, sondern die einer archaisch harmonischen – und gut protestantischen – Stammeshorde. Der Ort, an dem sich ihr „Kulturnationalismus“ bewähren soll, ist nicht der Diskussionszirkel, sondern das Schlachtfeld. […]

[…] nicht mehr der alte religiös fundierte Antijudaismus, sondern ein moerner Antisemitismus, der die Juden zu einer feindlichen Nation stilisiert, gegen die es sich zu wehren gelte wie gegen eine Krankheit. Wie im Hetzen gegen Frankreich liegt dabei auch im Hass auf alles Jüdische ein einheitsstiftendes Moment: Im „Überlebenskampf“ mit den Juden formiert sich das germanisch-christliche Deutschland zum „Großvolk“.

Der Aufsatz ist illustriert, u.a. mit einer ganzseitigen zeitgenössischen Arndt-Karikatur „Der Franzosenfresser“, die den antifranzösischen Furor Arndts aufs Korn nimmt. Der Autor ist der Chefredakteur von „ZEIT Geschichte“.

Share

AStA Magazin Hannover begeistert über Arndt-Debatte

Das AStA Magazin „KontrASt“ des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) in Hannover hat unserer Initiative einen vierseitigen Artikel gewidmet über den wir uns sehr freuen. Hier einige Auszüge:

„Die Kampagne Uni ohne Arndt ist nicht nur auf Grund ihres für Studiproteste ungewöhnlichen Aktivitätsfeldes einzigartig. Auch die Aktionen sind dem Thema entsprechend ungewöhnlich. Kundgebungen, Demos, Besetzungen — Fehlanzeige. Die auffälligste Form des Protestes gegen den ungeliebten Autoren Arndt sind Lesungen seiner Werke durch einen Doppelgänger. Das Arndt-Double verliest dabei Ausschnitte aus den Werken Arndts, in denen Antisemitismus, Rassismus, Frankreichhass und völkischer Nationalismus offen zutage treten. Die Auswahl ist erschreckend groß. […]

Die inhaltliche Tiefe, mit der sich die Studierenden mit Arndts Texten beschäftigt haben, ist ein krasser Kontrast zu den flachen Bildungsraubbauparolen, die mensch in Hannover gewohnt ist. Bemerkenswert sind auch die Offensivität mit der das Thema in die Öffentlichkeit getragen wurde und nicht zuletzt das Durchhaltevermögen der Protestierenden, die trotz unverhohlener Drohungen ― teils von Seiten gewaltbereiter Nazis, an der Kampagne festhielten. […]
Bei den Arndtbefürworter_innen sprang die Freude […] sehr schnell in Häme um. Dabei nahmen sie sich weiterhin keine Zeit sich mit ihren eigenen Mitstreiter_innen kritisch auseinander zusetzen und übersahen die „Nationalen Sozialisten“ in ihren
Reihen wohlwollend. Diese nahmen ihren Sieg als Anlass auf ihrem Blog die Kampagne Uni ohne Arndt zu diffamieren.
Es bleibt zu hoffen, dass den konservativen Arndtanhänger aus den bürgerlich-demokratischen Parteien CDU und FDP, mit ihrer Nähe zu offen auftretenden Nazis konfrontiert werden.“
Übrigens auch schön zu sehen, wie sich der AStA Hannover politisch vom Greifswalder AStA unterscheidet 😉 – Das ganze Heft ist beim AStA-Hannover als PDF verfügbar.
Share

Reclam-Chef: „Eine Uni ohne Arndt finde ich wünschenswert“

Der Germanist und Geschäftsführer des Reclam Verlags, Dr. Frank R. Max, zum Namen der Uniersität Greifwald:

„Eine Uni ohne Arndt finde ich durchaus wünschenswert. In unserem Programm hat er in erster Linie nichts verloren, weil er kein guter Lyriker, geschweige denn ein großer Dichter ist. Auch unter den guten Autoren gibt es gerade zu dieser nationalistisch etwas erregten Zeit bekanntlich leider diverse Antisemiten. Aber prinzipiell ist so ein offensiver Antisemitismus der Arndtschen Art schon ein hinreichender Grund, den Autor nicht im Programm zu haben. Außerdem kräht aber, muß man einfach sagen, auch in der heutigen universitären Literaturwissenschaft, geschweige denn an der Schule, geschweige denn in der lesenden Öffentlichkeit, natürlich kein Hahn mehr nach EMA. Und diese freiheitskriegerischen Franzosenfresser („Der Gott, der Eisen wachsen ließ.“) waren ja damals nicht selten, sind aber alle der Vergessenheit anheim gefallen. Als Nr. 4 von der 1867 gegründeten Reclamschen Universal-Bibliothek kam tatsächlich noch Körners „Leyer und Schwerdt“ – nach Faust I und II und Nathan und vor Shakespeare – muß man sich mal vorstellen.“

Damit haben sich nun 20 Wissenschaftler für eine Umbenennung der Universität Greifswald ausgesprochen. Viele weitere Stimmen gibt es hier.

Foto: Danke für die Freigabe an Ferdinando Iannone. (Kein CC!)

Share

Ließ sich Hitler von Arndt inspirieren?

Ein Leser unseres Blogs wies uns vor kurzem darauf hin, dass wir einmal in T. W. Ryback Werk „Hitlers Bücher“ schauen sollen. Demnach ist Hitlers ältestes noch vorhandenes Militärbuch von Ernst Moritz Arndt.

Und dies ein „111 Seiten langer Aufruf zum militanten Nationalismus aus dem Jahr 1815 mit dem Titel ‚Katechismus für den deutschen Krieg- und Wehrmann‘, worin gelehrt wird, wie ein christlicher Wehrmann seyn und mit Gott in den Streit gehen soll“. Pikant: Hitlers Ausgabe soll laut Ryback eine persönlichen Widmung von Arndts Urenkelin beinhalten (vergleiche  T. W. Ryback, Hitlers Bücher, S. 234).

Laut dem Historiker und Autor Ron Rosenbaum gewähre „Hitlers Bücher“ einen Einblick in das Denken Hitlers, seine Besessenheiten und seine Entwicklung. Unser Leser glaubt, dass diese Tatsache auch ein neues Licht auf die Namensverleihung 1933 der Universität Greifswald werfe. Leider konnten wir selbst noch keinen Blick in das Buch werfen, freuen uns aber über Eure Einschätzung.

Share