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Diskursanalyse: Verzerrung und Verfälschung

Germanistin Dr. Monika Schneikart, untersuchte anno 2003 in einer Diskursanalyse die letzte große Arndt-Debatte aus dem Jahre 2001. Die Debatte entbrannte sich damals nach einem wissenschaftlichen Kolloquium an der Universität. Für Ihre Untersuchung berücksichtigte sie 24 Debattenbeiträge – meist Leserbriefe in der Greifswalder Lokalzeitung (OZ). Schneikart kam dabei zu interessanten Ergebnissen, die wir Euch hier präsentieren wollen.

Hier zunächst Ihre Fragestellung:

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Dr. Monika Schneikart

„Als Untersuchungsfeld interessiert mich das diskursive Verhalten in dieser Debatte, m.a.W. die Arndt-Debatte als semantisches und performatives Phänomen des Demokratiediskurses in unserer Gesellschaft. […] Wie gehen die Gruppen miteinander um: offen, sich selbst und ihre Position reflektierend, um im Dialog weiterzukommen oder die Positien dualistisch und naturalisierend im Sinne von „ewigen nicht hinterfragbaren Wahrheiten“

Ihre Analysen:

  • „Inhaltlich reden durften bis auf eine Ausnahme nicht die Wissenschaftler des Kolloquiums. Reden durften nur die von den lokalen Presseverantwortlichen Zugelassenen.“
  • „Es gab Kürzungen und Ausschlüsse, die Berichterstattung über das Kolloquium selbst muß als Verzerrung, wenn nicht als Verfälschung gekennzeichnet werden.“
  • „Indem einzelne Diskutanten, wohl nicht zufälligerweise alle aus der Arndt-Kritiker-Gruppe, persönlich diffamierend angegriffen wurden, ist auch hier von einem Ausschußverfahren zu reden“.
  • „Nach der pars-pro-toto-Figur wurde also zugleich die ganze Gruppe symbolisch ausgeschlossen. Damit entfällt die Grundvoraussetzung für die Klärung von Interessensgegensätzen […]. Demokratisches Agieren ist diese Handlung nicht zu nennen.
  • „Gab es auch „frewillig“ Schweigende? Diese Frage muß sich die Universität, müssen sich ihre Führungsgremien gefallen lassen. […] Die Abstinenz mit der politische Gremien der Universität auf die wissenschaftlichen Ergebnisse des Kolloqiums und auf die ihm zugrundegelegte Frage nach den Werten der von ihnen getragenen und repräsentierten Institution Hochschule reagierten, rückt die Universität nach außen weit weg von einer sich im demokratischen Meinungsprozeß befindlichen […] Institution.“

Zu den Inhalten der sogenannten „Debatte“:

  • Der von Arndt-Befürwortern vielgebrauchte Begriff der „Freiheit“ wurde stets eindimensional verwendet als „Freiheit wovon“. Die Frage „Freiheit wozu“, also ‚wofür‘ Arndt seine Freiheit erkämpfen wollte, diese Antwort wurde jedoch verschwiegen.
  • Die Arndt-Befürworter haben zudem viel von „Einheit“ gesprochen und implizit versucht Arndt-Kritiker als Feinde der Deutschen Wiedervereinigung  darzustellen.
  • Statt über die Namensfunktion der Universität zu sprechen, wurde nur über Arndt gesprochen. Scheikart zitiert das Studentenmagazin „Moritz“ und bezeichnet dessen Analayse als „auf den Punkt gebracht“:  „Statt der Debatte um die Tragbarkeit von Arndt wäre eine andere Debatte von größter Dringlichkeit gewesen: welche Funktion hat ein Name überhaupt? Namen haben Repräsentanzfunktion, stehen für akzeptierte und erwünschte Werte“.
  • Sehr viel Wert legt Schneikarts Diskursanalyse auch auf den Versuch der Arndt-Befürworter eine Verbindung zwischen Arndt und dem Begriff „Demokratie“ und „Menschenrechte“ herzustellen. Außerdem wurden die Arndt-Kritiker als „in der Tradition des linken Totalitarismus“ diffamiert; sie seien „Feinde der Demokratie“.

Prof. Schneikart hält dazu fest:

„[Arndt-Kritiker] werden politisch klassifiziert und negativ konnotiert, statt sich mit der Kritik auseinanderzusetzen; zentrale Werte werden als bedroht hingestellt und so eine positive Assoziationskette zu Arndt bzw. seinen Positionen gezogen. Meinungsfreiheit, Demokratie werden figural in Opposition zu „linke(m) Totalitarismus“ gesetzt, d.h. der Dualismus demokratisch vs. diktatorisch ist das Angebot für die dualistische Nennung der Personen „Arndt“ und „X als Arndt-Kritiker“.“

  • Ihr Fazit:

„[…] Das gegenwärtige Zeichengebungsverfahren „Arndt“ enthält folgende Bestandteile: die Partialwerte Einheit und Freitheit, statt einer argumentativen, selbstreflexiven Auseinandersetzung, die Konservierung „alter“ Bedeutungen (wahrnehmbar an der Abwehr kritischer Bedeutungsfelder)  sowie die Konstruktion und Diffammierung von „Gegnern“.“

Mit der Zustimmung von Frau Dr.  Schneikart veröffentlichen wir hier Ihre Analyse in voller Länge als PDF. Zu finden ist sie auch in der Alten Bibliothek: „Die Arndt-Debatte als Phänomen des gesellschaftlichen Demokratie-Diskurses. In: Hefte der Ernst Moritz Arndt-Gesellschaft, Nr. 8 (2003), S. 220-234“.

Die Initiative weist hier noch einmal auf die Parallelitäten hin:

Übrigens: Dieser Aufsatz stammt aus einer Aufsatzsammlung, die ihr Euch hier als Ganzes (119 MB) downloaden könnt.

Bildquelle: Institut für deutsche Philologie

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