Tag Archive: Aufsätze

DIE ZEIT veröffentlicht Artikel über Ernst Moritz Arndt

Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat die neusten Ausgabe ihres Magazin “ ZEIT Geschichte, Epochen. Menschen. Ideen“ dem Thema „Die Deutschen und die ‚Nation‘ “ gewidmet (Heft 3/2010). Darin findet sich ein interessanter Aufsatz von Christian Staas mit dem Titel „Einheit durch Reinheit“  (S. 38-42). Dieser Artikel bestätigt einmal mehr, dass die „Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald“ in völlig unverantwortlicher Weise mit ihrem Namen einen Nationalisten verehrt, dessen Werk bis heute Rassismus und Fremdenfeindlichkeit predigt.

Die Universität hat seit den Studentenprotesten nichts an ihrer eigenen Erinnerungskultur verändert, weiterhin wird verdrängt. Die verharmlosende Darstellung über Arndt auf der Homepage der Uni wurde nicht verändert. Der Beschluss der Vollversammlung wird ignoriert.  Genau durch dieses „Unter-den-Teppich-kehren“ wird der Name erst Recht zum Schadfleck für die Uni. Der Rektor verweigert sich dabei ignorant jeder Veränderung  und sollte sich schämen. Denn ohne kritische Reflektion prangt der Name Arndts wie ein Aushängeschild für Rassismus und offenen Hass am Eingang zur Universität. Von dieser rechtsnationalen Atmosphäre fühlen sich nicht nur Burschenschaften, sondern zuletzt sogar ein Professor ermutigt. Aber auch zahlreiche rechtsextreme Schmierereien rund um die Mensa beziehen sich immer wieder auf Ernst Moritz Arndt sowie moderne Formen von Fremdenfeindlichkeit.

Wir erlauben uns, im folgenden einige Zitate aus dem Artikel zu veröffentlichen:

„Noch immer werden deutsche Frühnationalisten wie Ernst Moritz Arndt als aufrechte Patrioten verehrt. Dabei nehmen ihre Schriften schon in vielem die rassistisch-völkische NS-Ideologie vorweg. (…) In Berlin-Zehlendorf trägt seit 1935 eine evangelische Kirche seinen Namen, in Greifswald seit 1933 eine Universität […].

[…]

Trotzdem hat die historische Forschung Gestalten wie Arndt, Fichte und Jahn lange Zeit das Etikett „frühliberal“ angeheftet und das aufkeimende deutsche Nationalbewusstsein als emanzipatorisch begriffen […]. Kritische Zeitgenossen hingegen gewichteten die Nationalpropaganda Arndts, Fichtes und Jahns anders:  Sie sprechen, wie der jüdische Publizist Saul Ascher, von „Germanomanie“. Denn über die Nationalisierung der germanischen Stammesgeschichte und des „teutschen“ Mittelalters erträumten sich die germanomanen Autoren die deutsche Nation als homogene Abstammungsgemeinschaft. […]

Keiner der deutschnationalen Hassprediger fordert Volkssouveränität. Und viel ist zwar von „Freiheit“ die Rede, aber in einem ebenso diffusen Sinne wie von Volk, Vaterland und Nation. Die neue nationale Idee ist nebulös genug, um verschiedene Zwecke zu heiligen. Die pathosschweren Schriften der Germanomanen kompensieren diesen Mangel an konkreten politischen Vorstellungen mit einem umso schärfer umrissenen äußeren Feindbild. Verweichlicht, weibisch und moralisch verkommen nennt Arndt die Franzosen; mannhaft, tüchtig und ehrenhaft seien die Deutschen. (…)

Mit der Idee einer aufklärerischen Kulturnation, die sich im vernunftgeleiteten Für und Wider konstituiert, können Demagogen wie Arndt und Jahn nur bedingt etwas anfangen: Die kulturnationale Idee mündet bei ihnen in diffuse, sakralisierende Beschwörungen von völkischer Einheit und Stammesreinheit. (…) Der Duktus seiner [Arndts] Schriften und der anderer Germanomanen verrät hingegen keine besonders demokratische Denkweise: „Ein Volk zu sein, ein Gefühl zu haben für eine Sache, mit dem blutigen Schwert der Rache zusammenzulaufen, das ist die Religion unserer Zeit […].“ […] Die Freiheit, die Arndt hier vorschwebt, ist ganz offensichtlich nicht die in einer pluralistischen modernen Gesellschaft, sondern die einer archaisch harmonischen – und gut protestantischen – Stammeshorde. Der Ort, an dem sich ihr „Kulturnationalismus“ bewähren soll, ist nicht der Diskussionszirkel, sondern das Schlachtfeld. […]

[…] nicht mehr der alte religiös fundierte Antijudaismus, sondern ein moerner Antisemitismus, der die Juden zu einer feindlichen Nation stilisiert, gegen die es sich zu wehren gelte wie gegen eine Krankheit. Wie im Hetzen gegen Frankreich liegt dabei auch im Hass auf alles Jüdische ein einheitsstiftendes Moment: Im „Überlebenskampf“ mit den Juden formiert sich das germanisch-christliche Deutschland zum „Großvolk“.

Der Aufsatz ist illustriert, u.a. mit einer ganzseitigen zeitgenössischen Arndt-Karikatur „Der Franzosenfresser“, die den antifranzösischen Furor Arndts aufs Korn nimmt. Der Autor ist der Chefredakteur von „ZEIT Geschichte“.

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Bericht an den Senat: Arndt-Kolloquium 2001

Bevor nächste Woche der Senat darüber entscheiden wird, ob Arndt und sein Weltbild weiterhin als Vorbild und Leitbild für unsere Universität dienen kann, wollen wir noch einmal an den Abschlussbericht des Arndt-Kolloqiums aus dem Jahre 2001 erinnern. Schon damals kam eine Kommission zu ähnlich deutlichen Ergebnissen. Auszüge:

„Der Vortrag des Universitätsarchivars Dr. Dirk Alvermann über ‚Die Namensgebung der Universität Greifswald 1933 und 1954‘ […] vertrat die These, dass in Greifswald die Wahl des Namens sowohl im beginnenden Faschismus als auch zu Zeiten der DDR von nationalkonserativen Kräften vorangetrieben wurde.

In seinem Vortrag ‚Ernst Moritz Arndt und Schweden‘ zeigte Prof. Dr. Werner Buchholz, dass Arndts glühender schwedischer Patriotismus sehr schnell in einen nicht minder glühenden deutschen Nationalismus umschlug […]. Arndt war gleihwohl Schweden und ’nordischen‘ Menschen zeitlebens begeistert zugetan.

Prof. Dr. Gunnar Müller Waldeck zeigte am Beispiel von ‚Arndts Bewertung der samischen Minderheit‘, dass unser Namenspatron im Falle der Sami, die äußerlich so gar nicht in sein nordisches Ideal passen, die ihm eigene Plattform einer rassistischen Verachtung gegenüber allen ’nicht germanischen‘ Völkern romantisierend verlässt.

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Greifswalder bezieht Stellung gegen Arndt

Die Arndt Befürworter argumentieren, dass „ganz Greifswald“ hinter „ihrem“ Ernst Moritz Arndt stünde. Wahr ist, dass revisionistische und teils hasserfüllte Leserbriefe gegen Studenten und Professoren die Ostsee-Zeitung dominieren.

Eine Argumentation, warum man denn nun für Ernst Moritz Arndt sei, die über einen Leserbrief hinausgehen, haben wir jedoch meist nicht gefunden. Exemplarisch erinnern wir an die Stellungnahme der CDU-Fraktion, die schlicht und einfach erklärte, dass man für eine Umbenennung „keine wirklichen Gründe“ erkennen könne. Die Frage, ob Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Judenhass für die CDU „kein Grund“ sei, blieb – wie auch bei vielen Leserbriefschreibern – unbeantwortet. Denn zu einer inhaltlichen Stellungnahme wollte man sich nicht bemühen.

Einer bemühte sich aber doch zu einer langen Stellungnahme. Doch die dokumentiert, dass längst nicht alle Greifswalder ‚für‘ Ernst Moritz Arndt sind. Gemeint ist die ausführliche Stellungnahme des verdienten Greifswalders (und jetzt Rentners) Jost Aé. Dieser lebt seit 1966 in Greifswald und war Student der Philosophie an der Universität Greifswald. Zwischen 1999 und 2009 war er Mitglied der Greifswalder Bürgerschaft für die SPD. Er gliedert seine Argumentation so:

  1. Arndts Rassenwahn
  2. Arndt und seine Zeit
  3. Arndt und die deutsche Einheit
  4. Arndt und die Theologie
  5. Arndt in unserer Zeit, die Stadt und die Universität

Ein Auszug:

„Legte die Universität ihren Namen ab, verlöre die Stadt nichts als eine mehr oder weniger unreflektiert liebgewonnene Gewohnheit. (…) Und übrigens überließe eine Umbenennung Arndt nicht den Rechtsextremen, wie ein irrlichterndes Argument suggerieren will, sondern sie nähme ihnen eher die Möglichkeit des peinlichen Verweises, in Greifswald trage selbst eine Universität den Namen dessen, der noch immer zu einem ihrer Helden taugt.

„Der Universität“ hat sich die Chance einer quasi Rehabilitierung ihrer Reputation gegeben, nachdem sie unsanft aus dem Dornröschenschlaf einer anscheinend unschuldigen Namensträgerschaft geweckt wurde. Denn unvergessen ist, dass sich auf Initiative und unter dem Beifall verblendeter akademischer Kader die Universität im Frühjahr 1933 freiwillig und in Ergebenheit zum „Führer“ den Namen Arndts zulegte, dessen Visionen sich dank der nationalsozialistischen Bewegung endlich zu verwirklichen schienen.“

Die ganze Stellungnahme ist hier als PDF verfügbar.

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Prof. Buchstein: Arndt war Propagandist von fremdenfeindlichen und antisemitischen Gedankengängen

Prof. Dr. Hubertus Buchstein, Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte, hat für die Senatskommission eine schriftliche Analyse eingereicht.

Darin hat der Professor die „einschlägigen deutschsprachigen Handbücher und Lexika in ihren jeweils neuesten, die aktuelle Forschung einbeziehenden Auflagen“ der Ideengeschichte ausgewertet.

Das Ergebnis?

1.) Arndt wird in den meisten Büchern überhaupt nicht erwähnt.
2.) Die wenigen Handbücher und Lexika, in denen Arndt thematisiert wird, stellen ihn als unwichtig dar. Auf den 13.433 Textseiten, auf die sich die 12 untersuchten Handbücher summieren, widmen sich genau 5 Seiten dem Werk von Arndt.
3.) In denen, in denen Arndt thematisiert wird, wird Arndt ohne Kontroverse als Antisemit, völkischer Nationalist und Rassist einsortiert. Auszüge:

  • ‚Pipers Handbuch der Politischen Ideen’ (Fetscher/Münkler 1986): „Arndt sei insofern weit über Herder hinausgegangen, als er in seinen Schriften eine reine deutsche Rasse propagiert habe, zum Kampf gegen die Verführungen eines jüdischen Internationalismus aufgerufen habe und die Deutschen im Unterschied zu den Franzosen, Italienern, Spaniern oder Slawen nicht als eine Mischrasse, sondern als eine ursprüngliche und makellose Rasse angesehen habe, die der Bevölkerung anderer Länder gegenüber als überlegen angesehen werden müsse.“
  • Hans J. Liebers ‚Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart’: Arndt habe einen „mit biologistischen Vorstellungen angereicherten völkischen Nationalismus“ propagiert.
    .
  • Klaus von Beymes Buch ‚Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien’: „Nationale Vorurteile mischen sich mit sozialen Vorurteilen des Aufsteigers“. Arndt „wurde zum Prototypen eines politischen Schriftstellers, der vergessen worden ist, weil er – etwa im Gegensatz zu Fichte oder Mazzini – nichts als nationalistische Rhetorik hinterlassen hat“.

Sind diese Ergebnisse manipulativ? Nein, denn:

  • Die Autoren dieser Bände stammen aus unterschiedlichen akademischen Generationen und ‚Richtungen’ des Faches.
  • Sie beziehen sowohl Primärquellen wie auch Arbeiten über Arndt in ihren Darstellungen heran.
  • In allen der drei genannten Handbüchern wird in methodischer Hinsicht ein besonderer Wert darauf gelegt, die jeweils behandelten Autoren und politischen Strömungen nicht auf der Basis heutiger politischer Wertüberzeugungen zu beurteilen, sondern sie im Kontext ihrer damaligen Zeit einzuordnen.

Professor Buchstein, der gleichzeitig auch Senator ist, hat sich wohl unter anderem auch deshalb in der letzten Sitzung des Senats mehrfach und ausdrücklich für eine Umbenennung stark gemacht.

Die lesenswerte Analyse könnt ihr Euch hier herunterladen.

Kommentar Uni ohne Arndt:

Die Initiative „Uni ohne Arndt“ dankt Professor Buchstein für diese Darstellung. Sie zeigt nochmals, dass die wissenschaftliche Einordnung von Ernst Moritz Arndt eben eindeutig und unstrittig ist. Der Versuch der Arndt-Bewahrer aus der Arndt-Debatte eine Art zweite „Global-Warming-Debatte“ wie in den USA in den 90ziger Jahren zu erzeugen, ist aus unser Sicht damit ein weiteres mal widerlegt.

Foto: Ulrich Kötter, webMoritz.de

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Arndt Ausgaben in der DDR verfälscht

Woher stammt in Greifswald das extrem positive Arndt-Bild? Stören sich die Menschen hier nicht an Arndts Rassismus und Antisemitismus? Dass die Greifswalder rechtsextremer sind als anderswo, halten wir für unwahrscheinlich. Dass jedoch in der DDR Geschichtsforschung (und entsprechend an den DDR-Schulen) ein falsches Arndt-Bild vermittelt wurde, diese Einsicht erhärtet sich.

Prof. Klüter hat in seinem Aufsatz, den wir bereits gestern veröffentlichten, herausgestellt, wie stark Arndts Werke in der DDR manipuliert wurden:

„Jenes Erfolgswerk erschien in der ehemaligen DDR im Greifenverlag (Rudolstadt) in einer Neuausgabe (Arndt 1953). Sie ist vielleicht die einzige, die nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt und somit auch heute leicht lesbar ist. Vergleicht man sie allerdings mit älteren Ausgaben, beeindruckt sie durch ihre Kürze. Den 264 Seiten von 1953 stehen 378 in der Auflage der Weidmannschen Buchhandlung von 1842 und 354 in einer etwas kleiner gedruckten Ausgabe Des Georg Müller Verlags von 1913 gegenüber. In der Ausgabe von 1953 fehlen 60 Seiten, auf denen Arndt seine Vorstellungen zur Agrarverfassung darlegt und begründet. Am Schluss fehlen weitere 20 Seiten, in denen Arndt seine Version der Zukunft Deutschlands und Europas zeichnet. Die übrigen Kürzungen betreffen einzelne Sätze, die in der damaligen DDR-Wirklichkeit ebenfalls fehl am Platze schienen, z. B. über unabdingbare Königstreue und ähnliches. Übrig bleibt in der Fassung von 1953 ein geglätteter, über weite Strecken entschärfter, sympathischer Lesebuch-Arndt. Dieses Arndt-Bild wurde auch in der Sekundärliteratur (z. B. Schildhauer et al. 1969) gepflegt und hat möglicherweise dazu beigetragen, dass Arndt in Greifswald so viele Fürsprecher gefunden hat.

In den „Wortmeldungen zu Ernst Moritz Arndt“ [eine Veröffentlichung unser geschätzten Arndt-Bewahrer] wird auf jene eklatanten Differenzen zwischen Neu- und Originalausgaben nicht eingegangen, und auch die Arndt-Gesellschaft verschweigt sie. Es ist das Verdienst der University of Michigan, dass eine Facsimile-Vollversion der „Erinnerungen“ von 1842 im Internet zu finden ist.“

Und was hat die DDR da weggekürzt? Schauen wir doch einmal in die „gekürzten“ Seiten hinein:

„Darin begründet Arndt politische Imperative über Krieg und Frieden mit geographischen Lagebeziehungen. Diese Geopolitik wird genutzt, um die eigene Aggressivität als naturgegeben aus den räumlichen Verhältnissen abzuleiten. Mit Hilfe nationaler Stereotypen werden Angst und Verachtung anderen Staaten gegenübererzeugt. Damit wird in der Bevölkerung latente Aggressivität aufgebaut. Arndt hatte schon früh damit begonnen, solche Stereotypen zu formulieren. Im Spätwerk werden sie weiter verfeinert und suggestiv wiederholt. Der Aufbau nationaler Stereotypen, die nach und nach verfeinert und im Spätwerk Arndts suggestiv wiederholt. Die unterschiedlichen räumlichen Kategorien „Heimat“ und „Administrativraum“ vermischt Arndt zu einer quasi-religiösen Vorstellung von „Vaterland“. Anstelle des feudalen Landesherrn und der ihm zu erbringenden Gefolgschaft tritt nun „Vaterland“ als Motivationsrahmenfür den straffreien Totschlag im Kriege. Dieses „Vaterland“ wird dabei als Sprachraumdefiniert, wobei die existierenden politisch-territorialen Grenzen in Fragegestellt werden. Arndts politische Ziele sind eindeutig: er strebte einen großendeutschen Staat unter Einbeziehung der Benelux-Staaten und anderer Territorien an – auch unter dem Risiko eines große europäischen Krieges, den der ältere Arndt als unvermeidlich ansah.“

In Gänze hier nachlesbar. Das diese manipulative Sicht auf Arndt in der Region Vorpommern, die mit Arndt historisch verbunden war, ebenfalls verbreitet wurde, ist wahrscheinlich. Wir können jedoch die neuen Erkenntnisse und die Originale nicht länger leugnen und müssen uns Arndts völkischer Vergangenheit und seine Rezeption durch die Nazis damals und heute offen stellen. Wegschauen und das was nicht gefällt einfach aus den Bücher zu kürzen, darf nicht länger die Maxime der Universität Greifswald sein.

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Prof. Klüter: Bewahrer verharmlosen Arndt

Seit dem Jahr 2001 tragen immer die selben drei Arndt-Befürworter ihre Meinungen zu ihrer „höchsteigenen“ Interpretation von Ernst Moritz Arndt vor.

Dem Geografieprofessor Dr. Helmut Klüter reicht es nun. In einer 3o-seitigen Stellungnahme für die Geografie verwehrt er sich gegen die Vereinnahmung seines Faches und wirft den Arndt-Bewahrern „Verharmlosung“ vor.

Seine Stellungnahme ist hier als PDF verfügbar. Ein Auszug:

„Trotz des Protestes der Geographie gegen diese Art der Vereinnahmung und der Verharmlosung Arndts wurde der Text nicht korrigiert und ist weiterhin unkommentiert auf der Website der Universität zu lesen. Dies soll zum Anlass genommen werden, Arndts Bedeutung für die Geographie näher zu beleuchten.
Es wurde bereits darauf verwiesen, dass es bei der Diskussion um den Namen der Universität offensichtlich weniger um die Person und das Werk Arndts geht, als um die politischen Meinungen und Ansichten gegenwärtiger Autoren, die genau diese durch den Namen der Universität bestätigt sehen möchten. Zwar kann man Arndt einiges vorwerfen, doch die Universität wollte er nicht umbenennen. Das geschah erst 1933 auf Initiative des faschistischen „Stahlhelms“ (Bund der Frontsoldaten 1918 bis 1933). Man wollte so die eigene politische Gesinnung im Namen der Universität gespiegelt sehen. Bei den heutigen Befürwortern des Namens „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ scheint dieses Motiv immer noch eine große Rolle zu spielen, wie aus der Diskussion an der Universität und aus den Leserzuschriften der lokalen „Ostsee-Zeitung“ hervorgeht.“
Im Fazit schreibt Prof. Klüter:
€“All dies hat nichts mit einer „simplizistisch umgepolten Wiederaufnahme des nationalsozialistischen Arndt-Bildes“ zu tun, wie [Arndt-Befürworter] Garbe (2010, S. 12) meint. Die Kritik an Arndt setzt bereits dort an, wo er wichtige geographische Erkenntnisse seiner Zeit (etwa von A. v. Humboldt, C. Ritter, J. v. Thünen) nicht beachtet, vernachlässigt, unterschlägt oder – wie im Falle Mazzinis – verzerrt. Arndt gehört damit zu den Schreibtischtätern der deutschen Geschichte. Er hat nicht nur Feindbilder über Juden und Franzosen entworfen, sondern über fast ganz Europa. Sein „Europa der Feinde“ belastete das Deutsche Reich mit einer gefährlichen ideologischen Hypothek, noch bevor es als eigenständige Administration 1871 gegründet wurde. Er und seine Nachfolger stehen für Demokratiefeindlichkeit, schlimmste Diffamierungen fast aller europäischen Nachbarn, feindbildorientierte Geopolitik, Entwicklung von Informationsstrategien für „Kalte Kriege“ und für den Aufbau von Massenaggression. Mit derartigem ideologischem Rüstzeug sind Millionen von Menschen in zwei sinnlose Kriege (1914 – 1918; 1939 – 1945) gezogen und haben ein Mehrfaches von dem umgebracht, was Arndt seinerzeit Napoleon anlasten konnte.“
Den ganzen (gut argumentierten) Text gibt es hier zum Download.
Weitere Zitate aus Klüters Text, gibt es nach dem Klick. Weiterlesen
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DIE ZEIT über Arndt: Brandstifter im Biedermeier

Aus DIE ZEIT

DIE ZEIT - 21.1.2010 - Seitenüberschrift

„Marcard selbst, aber wie auch Arndt und manch anderer völkischer Prediger jener Zeit, steht schon für den neuen, den rassistischen Antisemitismus des 20. Jahrhunderts. Wer nach den „Gründen für Auschwitz“ fragt, wird sich mit dieser entscheidenden Phase der deutschen Geschichte beschäftigen müssen.“

Nicht nur gestern bei der Bürgeranhörung durch die Senatskommission hört man immer wieder Zweifel an den wissenschaftlichen Faktenlage der Arndt-Forschung. Insbesondere beim Thema „Antisemitismus“ ist das „Volksempfinden“ in Greisfwald gegenüber Arndt milde.

Arndt hätte schließlich „kein Blut an den Händen“ oder hätte das Dritte Reich „nicht vorhersehen können“. Dass Arndt selbst mit Judenpogromen drohte, Juden als Ungeziefer bezeichnete und zu den geistigen Vätern des modernden Antisemitismus gehört, wird schlicht angezweifelt oder sei „nicht so wichtig“.

DIE ZEIT hat nun heute im Rahmen der hitzigen Arndt-Debatte einen Artikel zum Thema Früh-Antisemitismus in Arndts Lebzeiten und seine Verwicklung darin veröffentlicht. Im Moment ist das Dokument nur im Kiosk erhältlich.

Der Autor, Prof. Dr. Arno Herzig, war aber auch schon selbst in Greifswald bei einer Podiumsdebatte zu der die Initiative „Uni ohne Arndt“ eingeladen hatte. Die entscheidende Stelle über Arndts Antisemitismus findet ihr hier.  (Die ganze Debatte hier.)

Wer Arndts Antisemitismus „pur“ lesen will, für den haben wir hier ein Kapitel „aufbereitet“.

UPDATE: Der Beitrag von Prof. Herzog ist nun hier online verfügbar. Danke an Manfred Peters für den Hinweis!

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Potsdamer Historiker zur Umbenennung

„Ich empfehle daher, den Namenszusatz der Universität […] wieder zu zurückzunehmen. Das wäre im Hinblick auf die Universitätsgeschichte nicht primär ein symbolpolitischer Akt der Abgrenzung vom Nationalsozialismus, sondern von der demokratieskeptischen, demokratiefeindlichen und nationalistischen Haltung der Hochschullehrerschaft in den Zwanziger und Dreißiger Jahren. Ging die Namensgebung damals auf die Initiative der Universität zurück, die ihre Zustimmung gegenüber Diktatur und Nationalsozialismus signalsieren wollte, wäre die Namensänderung heute eine Initiative der Universität, ihre Zustimmung zu Demokratie und internationaler Weltoffenheit zu signalisieren.“

Dr. Jörg Echternkamp, studierte Geschichte und Romanistik in Bielefeld, Poitiers undBaltimore, ist Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt und Gastdozent an an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das oben genannte Zitat stammt aus seinem beeindruckenden Vortrag vor der Senatskommission der Universität Greifswald. Es ist hier in Gänze nachlesbar. Er hat sich zudem am 11. Januar hier in Deutschlandradio Kultur zu Wort gemeldet.

Jörg Echternkamp schlägt vor, nach der Ablegung des Namens einen interdisziplinären Forschungsschwerpunkt zum ThemaErnst Moritz Arndt einzurichten. So könne die bisher fehlende Erinnerungskultur gepflegt werden ohne dass Arndt in seiner Funktion als Namenspatron zwangsweise ein Vorbild sei. Die Initiative „Uni ohne Arndt“ hat sich auf seiner letzten Sitzung darüber beraten undhält diesen Vorschlag für unterstützenswert. Genaueres werden wir in der Woche nach der Urabstimmung veröffentlichen.

Der Text stellt aus Sicht der Initiative eine der bisher besten  Stellungnahmen zum Namenspatron da.

Foto: privat

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Revolte und Judenmord: Jetzt erschienen

Vor kurzem hatte uns der Historiker Peter Fasel einen Auszug aus seinem Buch „Revolte und Judenmord“ zur exklusiven Vorabveröffentlichung zur Verfügung gestellt. Darin wird in einem Kapitel sowohl Arndts Rassismus, sein Antisemitismus als auch die Rezeption in der völkischen Bewegung mit dem Höhepunkt im Dritten Reich dargestellt.

Jetzt ist dieses Buch auch im Druck erschienen und kann u.a. hier oder in jeder Buchhandlung bestellt werden. Den Auszug über Arndt könnt ihr weiterhin hier kostenlos lesen. Insbesondere Arndts ausgeprägter Antisemitismus kann nach dieser Veröffentlichung nicht mehr wegdiskutiert werden.

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Gedanken zur Aktualität der Arndt-Debatte

Der Minarett-Streit in der "BILD" zeigte wie auch heute Vorurteile & Ressantiments gegenüber Moslems und Türken genutzt werden können. Die Geschichte zu diesem Bild im Link am Ende des Textes.

Es ist auffällig, dass Arndt stets von „die Franzosen“ sprach – anstatt Napoleon direkt verantwortlich zu machen.

Diese Redeweise ist der Ausdruck von Arndts Pauschalurteilen: „Die“ Polen, „die“ Iren und „die“ Franzosen gibt es ebenso wenig in der Realität wie „die“ Deutschen oder „die“ Juden. Jedoch kann man an dem Ausmaß, in dem etwa die Redeweise von einer angeblichen „Deutschstämmigkeit“, entsprechend „türkischstämmig“ ermessen, wie weit diese Form des Realitätsverlustes, den Arndt mit seinen Schriften damals bediente heute verbreitet ist.

Das ist bis heute so geblieben, denn wir leben nach wie vor im Zeitalter des Nationalismus, auch wenn viele zu tun, als hätten wir diesen längst überwunden. Die napoleonische Herrschaft bloß als „Unterdrückung“ und „Fremdherrschaft“ hinzustellen, ist ebenfalls eine Ausdrucksform des angeblich „gesunden“ nationalen Volksempfindens und hat nichts mit einer differenzierten Geschichtsbetrachtung zu tun.

Gegen die Auffassung, bei der napoleonischen Herrschaft habe es sich ausschließlich um „Unterdrückung“ gehandelt, spricht sowohl die Tatsache, dass die französischen Armeen als Befreier begrüßt wurden, als sie nach Deutschland kamen, da sie die feudalen Herrschaftsverhältnisse abschafften (gegen die Arndt ja auch war) und u. a. auch das französische Zivilrecht, den Code Napoleon, einführten. Neben zahllosen anderen Fakten spricht gegen eine solche Auffassung vor allem schon die Tatsache , dass sich die Rheinländer, als das Rheinland 1815 preußisch wurde, die Einführung des preußischen Rechts verbaten und das französische Zivilrecht, den Code Napoleon, den besagter Napoleon dort eingeführt hatte, beibehielten. Arndt wusste das; als Bonner lebte er selbst unter dem Code Napoleon, schreibt aber, so weit wir das wissen, nichts dazu. Wo die Wirklichkeit seine Bilder störte, klammerte er sie aus. Der Code Napoleon galt im Rheinland bis zum Jahre 1900, erst dann akzeptierten die führenden rheinischen Kreise die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB).

Von daher berührt die kritische Beschäftigung mit Arndt sehr viel grundsätzlichere gesellschaftliche Probleme, als dies unserer Beobachtung nach den meisten bewusst ist. Nicht zuletzt erleben wir fast täglich in der Ostsee-Zeitung, wie das dumpfe Volksempfinden, dass sonst eher zurückgehalten wird, nach oben gespült wird. Darin besteht Arndts Aktualität, denn er bedient die nationalistischen und rassistischen Ressentiments.

Nicht zuletzt wollte Arndt, von dem gewisse Kreise sagen, er sei angeblich für die Meinungsfreiheit eingetreten, alle Schriftsteller, die wie Prof. Kosegarten anderer Meinung als er waren, „in Säcke stecken“ und „ersäufen“. Die Auseinandersetzung zwischen Arndt und Kosegarten ist viel grundsätzlicher, weitreichender und bedeutender, als es zunächst den Anschein hat. Kosegarten sieht auch schon 1813, dass es hier nicht um „Befreiung“ ging, jedenfalls nicht des deutschen Volkes, die auch nicht kam. Die Fürsten traten einfach nur an die Stelle Napoleons. Arndt diente eben auch nicht dem Volk, sondern dem russischen Zaren.

Quelle: Eine E-Mail Zuschrift

Foto & die Geschichte dazu: Bild-Blog

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