Pro-Arndt Argumente

Mit der Zeit wurden immer wieder Argumente an uns herangetragen, die vorgeblich für Ernst Moritz Arndt sprechen sollen. Hier wollen wir die wichtigsten Argumente in aller Kürze widerlegen.

Ernst Moritz Arndt wäre angeblich…

Außerdem wird für entschuldigend angeführt:

Arndt war eine „vielschichtige Persönlichkeit“…

Niemand behauptet, Arndt habe nur Hetzschriften verfasst. Natürlich hat Arndt einige schöne Kirchenlieder, Gedichte und Märchen niedergeschrieben. Aber letztlich ist jeder Mensch eine „vielschichtige Persönlichkeit“ – was sagt das aus? Die richtige Frage muss heißen: Was steht im Kern von Arndts Schaffen? Dies sind zweifellos seine politischen Schriften, um die „deutsche Nation“ zu vereinigen, die ihn berühmt machten. Und es sind genau diese Schriften, die unlösbar mit Arndts Rassismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit verbunden sind. Und deshalb wählten die Nazis ihn schließlich aus – nicht weil er ein paar Kirchenlieder schrieb.

Arndt war ein „Vorreiter“ bei der Abschaffung der Leibeigenschaft

Arndt Schrift gegen die Leibeigenschaft wird meist nicht in einen historischen Kontext gesetzt:  Zur Veröffentlichung der Schrift war die Leibeigenschaft in vielen Teilen Europas längst abgeschafft. In Schweden, welches Pommern damals besetzte, hat es zudem  nie Leibeigenschaft gegeben: Arndt rannte beim schwedischen König offene Türen ein, der Arndts Schrift begrüßte. Arndt Schrift ist anerkennungswürdig, doch er musste sie nicht gegen Widerstände durchsetzen.  Erst die DDR-Geschichtsschreibung stilisierte seine Schrift zur „Heldentat“ und zur „Bauernbefreiung“ hoch.
Arndt war Demokrat / Republikaner

Schon in seiner in Greifswald angefertigten Habilitation spricht sich Arndt gegen die Thesen von Jean-Jacques Rousseau (Französische Revolution!) aus. Und sogar 1848/49 – als Arndt selbst die Früchte der Revolution sah und er in der Paulskirche – dem ersten gewählten gesamtdeutschen Parlament – saß, polemisiert er:

„gegen demokratisches Ungeziefer“, und gegen „kosmopolitische Schelme von Juden und Franzosen“ und er forderte, aufständische Demokraten wie „wilde gesetzlose Wölfe“ abzuknallen.

Arndt war gegen die Demokratie und gegen die Entmachtung des Adels. Als Konservativer setzte er sich für eine „konstitutionelle“ Monarchie ein. Das war aber weder besonders mutig, noch besonders fortschrittlich. Zu Arndts Zeiten gab es bereits Leute wie Robert Blum und Friedrich Hecker, die für eine echte Republik sowie geheime, gleiche Wahlen für alle kämpften. Sie scheiterten jedoch denkbar knapp an Monarchisten wie Arndt. Man darf nicht vergessen, dass die Paulskirchenversammlung zwar fortschrittlich war – aber nicht automatisch jeder ihrer Teilnehmer!

Und auch wenn Arndt für ein Parlament war: Demokratie ist mehr als ein Parlament! Neben gleichem Wahlrecht gehören dazu vor allem Bürgerrechte für Minderheiten. Und hier war Arndt ja nun besonders stark gegen, z.B. für Rechte für Juden. Aus republikanisch-demokratischer Sicht liefert Arndt keinerlei Anlass für eine, wie auch immer geartete, positive Identifikation – weder damals noch heute.

Arndt war Umweltschützer
Romantisch-schwärmerische Schriften über den deutschen Wald sind beileibe kein Umweltschutz. Umweltschutz hat immer noch etwas mit Ökologie zu tun. Dass die heimische Fauna und Flora zwischen 1769 und 1860 stark gefährdet oder gar bedroht waren, wagen wir zu bezweifeln. Die Industrialisierung Deutschland hat bekanntlich erst in den 1850ern eingesetzt. Hier im vom Junkertum geprägten Vorpommern noch viel, viel später.
In Arndts Zeiten sind weder Flüsse „umgekippt“, noch gab es Waldsterben und sauren Regen, es wurde keine Dünnsäure in der Ostsee „verklappt“ und der Feldhamster war auch noch nicht vom Aussterben bedroht. Um es mal zu pointieren: Auf der „Roten“ Liste eines Arndts standen nicht Zwergtrappe und Blauracke, sondern JüdInnen, FranzösInnen sowie liberale Demokraten und andere progressive Geister, gegen die er seit der großen bürgerlichen Revolution in Frankreich mit Zeter und Mordio in seinen Schriften und Reden vom Leder zog.
Dass sich Arndt für den Erhalt der Wälder eingesetzt hat ist selbstverständlich positiv zu bewerten. Ihn zur Ökoikone machen zu wollen, ist jedoch schlicht absurd. Das war er genauso wenig wie Caspar David Friedrich, der sich ebenfalls dem romantischen Naturerlebnis hingab (und selbiges in seinen Bildern festhielt).

Arndt war gegen Angriffskriege


Immer wieder wird behauptet, Arndt hätte sich nur gegen die Franzosen gewehrt, sei gegen Angriffskriege oder habe gar mit seinem Buch des „Kurzer Katechismus für teutsche Soldaten“ die Grundlagen für das internationale Kriegsvölkerrecht gelegt und ähnliches. Richtig ist, dass Arndt zunächst nur „die bösen Franzosen“ vertreiben, ihnen aber ihr Land lassen wollte (man solle „die Franzosen gerne behalten lassen, was französisch ist“). Das war 1813.
Als Napoleon 1815 aber schon lange zurück geschlagen war, da war Arndt nicht mehr so gnädig, (vielleicht weil für Arndt die Deutschen das seit jeher überlegene Volk seien?) und forderte „Nun nach Frankreich! Nun nach Frankreich!“(„Die Schlacht beim fröhlichen Bunde“(1815)) . Hätte es damals schon humanitäres Völkerrecht gegeben, wäre es wohl nicht gut um ihn bestellt gewesen:

„Dann brause teutsche Siegesflut,
Paris an deine Mauern,
Dann lerne, frecher Übermut
Mit Schlangenkünsten lauern.
In Flammen laßt das Satansnest
Der ganzen freien Welt zum Fest
Zerfallen laßt’s in Trümmer!
Sein Tag erstehe nimmer!“

Einen Arndt, der „gegen Angriffskriege“ argumentiert, können wir hier nicht erkennen! Wenn es Arndt nötig erschien, war er milde, aber die durch den Rassismus begründete Über-/Unterordnung der Völker war doch grundlegend: Als Frankreich die Oberhand hatte, wollte er „nur“ Deutschland befreien; als sich der Spieß wendete aber erobern und zerstören. Russland war (obwohl Ostvolk) natürlich nützlich, hat ihm Exil gewährt. Deshalb hegte Arndt natürlich keinen Volkshass gegen Russen. Die sonstigen osteuropäischen Völker, die dagegen das eigene Land „verunreinigen“ und auf dir er nicht zählen konnte, die sollten dagegen bekämpft werden.
Ich weiß nicht, ob diese Schlussfolgerung zwingend ist, aber Arndt im Bezug auf Napoleons Kriege als Befreiungshelden mit weißer Weste hinzustellen halte ich für schlicht falsch.

[Lesetipp: Birgit Aschmann: Arndt und die Ehre, Zur Konstruktion der Nation in Texten von Ernst Moritz Arndt]

Arndt war Pazifist


Arndt wollte zwar keine Zivilisten angreifen (da war er vorbildlich) und in seinem „Kurzen Katechismus…“ waren die deutschen Soldaten vorbildlich. Aber mit den französischen Soldaten sollte später nicht unbedingt fair gekämpft werden: „Alle Kriegskünste, Listen und Hinterlisten [sind] erlaubt“ und als Waffen sollen neben Speeren und Flinten auch Keulen und Sensen herhalten. Arndt war kein Pazifist – was sich übrigens auch in seinen Gedichten spiegelt. Dort wird Brutalitätin positive Beziehung zu „Krieg“, „Ehre“, „Vaterland“ gestellt:

Laßt klingen, was nur klingen kann,
Die Trommeln und die Flöten!
Wir wollen heute Mann für Mann
Mit Blut das Eisen röten,
Mit Henkerblut, Franzosenblut –
O süßer Tag der Rache!
Das klinget allen Deutschen gut,
Das ist die große Sache.

Laßt wehen, was nur wehen kann,
Standarten wehn und Fahnen!
Wir wollen heut uns Mann für Mann
Zum Heldentode mahnen.
Auf! fliege, stolzes Siegspanier,
Voran den kühnen Reihen!
Wir siegen oder sterben hier
Den süßen Tod der Freien.

Arndt 1812

Arndt war vielmehr DAS in Sold stehende Propagandasprachrohr der preußischen und russischen Reaktion; als solches arbeitete er aktiv als Sekretär des Freiherrn vom Stein in der preußischen Auslandsabteilung in Russland. Ziel war es, die Bevölkerung in Preußen und anderen deutschen Staaten gegen die französische Armee aufzubringen. Dabei nutzten sie eine breite Palette (eigentlich recht moderner) Propaganda und v.a. auch Agitationsmittel: Appell an den „deutschen Nationalstolz“, Antisemitismus und v.a. gegen Frankreich gerichtete Hetz- und Schauermärchen.

Arndt war für die Aufklärung

Arndt war nur in seiner frühen Jugend Anhänger der Aufklärung, spätestens seit 1800 ein entschiedener Gegner. In seinen Memoiren berichtet er darüber, dass er während seines Studiums in Greifswald Philosophie bei Muhrbeck hörte, der ein entschiedener Gegner Emanuel Kants war. Aber schon Muhrbeck zog es vor, die Ausbreitung seiner Kritik an Kant auf seine Studenten zu beschränken und außerhalb des Hörsaals nicht allzu viel davon verlauten zu lassen. Ebensowenig hat Arndt, obwohl er doch eigentlich Kant nicht mochte, irgendwann gewagt, sich direkt gegen Kant zu wenden. Er wusste, dass er in seiner Welterkenntnis dem Königsberger nicht das Wasser reichen konnte und hat ihn deswegen nie direkt zu kritisieren gewagt. Arndt ging es in erster Linie um die Nation. Weder ging es ihm um Toleranz noch um Meinungs- oder Pressefreiheit. Das sind Inhalte, die ihm von den nationalen Ideologen mehr oder weniger angedichtet wurden. Vertreter des Vormärz ja, demokratisch: siehe oben, nein.


Arndt hat Deutschland die „Einheit“ und die „Nation“ gebracht
  1. Arndt steht nicht für Nation, sondern für völkischen Nationalismus. Ein modernes Nationenkonzept (wie es z.B. seit 1789 bzw. ab 1792 Frankreich hat) kommt bei Arndt nicht vor, ist ihm als Anhänger völkisch-rassistischer Weltanschauung sogar ein Gräuel.
  2. Es kann bei der Diskussion wohl kaum um Deutschland als Abstraktum gehen. Deutschland hat sich sowohl in seiner Form als auch in seiner Verfasstheit in den letzten 200 Jahren ganz unterschiedlich präsentiert. Jede/r wird wohl zustimmen, dass es zwischen dem Deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem NS-Staat, der BRD und der DDR durchaus wesentliche formale und teils auch inhaltliche Unterschiede gab. Wenn wir also von „Deutschland“ reden wollen, müssen wir auch über die Konstitution eines solchen Gebildes sprechen und ob das damals (also mit der historischen Brille) ein progressives oder ein regressives Gebilde war. Den Gradmesser bildet für solch eine historische Betrachtung die Französische Revolution mit ihren bürgerlich-revolutionären Maximen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
  3. Der deutsche Republikanismus verlangte seinerzeit einen souveränen Zentralstaat
    1. ohne monarchistisches Oberhaupt,
    2. mit einer in freier, gleicher und allgemeiner Wahl gewählter Legislative
    3. mit (per Verfassung!) garantierten bürgerlichen Grundrechten.
Ein Deutschland, das diese drei Merkmale nicht aufweist, ist für DemokratInnen schlicht nicht geeignet als „Ausbildung einer eigenständigen Identität“. Arndt war aber zeitlebens ein entschiedener Gegner des republikanischen Gedankens. Er wollte einen starken Monarchen (den preußischen König) als Kaiser an der Spitze eines gesamtdeutschen Staates, er hat gegen republikanische Bestrebungen gehetzt und sich in seinen Texten für ein Ständemodell ausgesprochen. Zudem war er gegen gleiche Rechte für alle StaatsbürgerInnen, u.a. gegen die Emanzipation der deutschen Juden und Jüdinnen (die sie unter dem napoleonischen Code Civil erstmals erhalten hatten).

Bei Arndt sind die drei Konzepte Antisemitismus, Nationalismus (in seiner völkischen Variante) und Franzosenhass doch innig miteinander verschmolzen und verwoben. Wir können Arndt daher nicht isoliert für seine „nationale Vereinigung“ ehren ohne im gleichen Moment seinen Anti-Republikanismus, seinen Antisemitismus und seinen Hass gegen das Fremde mitzudenken. Daher eignet sich Arndt nicht als „Vorbild“ für eine akademische Jugend. Eine solche Ehrung wäre auf dem einen Auge immer blind.

Arndt war Opfer von Repression gegen Liberale im Rahmen der Restauration

Nachdem Napoleon besiegt war, gab es in Europa einen massiven Rollback der Demokratie (Restauration), der die progressiven demokratischen Bewegungen abgewürgt haben (sogenannte“ Karlsbader Beschlüsse“). Ein Ausbruch aus dieser repressiven Phase der Reaktion gab es in Frankreich erstmals 1830, in Deutschland erst 1848. Auch hier gehörte Arndt nicht etwa zu den revolutionären Kräften, sondern zu den konservativ-monarchistischen, die statt den Adel zu entmachten, dem preußischen König eine Kaiserkrone anboten. Trotzdem verlor Arndt später seine Lehrbefugnis als Professor. Das aber nicht, weil er sich für Demokratie und die Republik einsetze, sondern weil für eine einheitliche Nation und gegen die Kleinstaaterei war. Davon fühlten sich die Fürsten bedroht und übten gegen Arndt Repression aus. Arndt weil also kein „unterdrückter“ Demokrat, wie oft mit der Erwähnung suggeriert werden soll.

Arndt war ein bedeutender Dichter, Kirchenmusiker & Märchensammler


Zu diesem Punkt gibt es mehrere Dinge zu sagen:

  1. Das Arndt schöne Märchen sammelte, einige schöne Gedichte schrieb und manchen schönen Text für Kirchenlieder dichtete, will ihm niemand nehmen.
  2. Sehr wohl zweifeln wir jedoch an, dass Arndt über die Grenzen hinaus mit seinen romantischen Gedichten wahrgenommen wurde. Arndt war ein Dichter von regionaler Bedeutung.
  3. Bekannt wurde Arndt hingegen durch seine politischen (antifranzösischen) und kriegerischen Gedichte wie „Der Gott der Eisen wachsen ließ„. Genau diese Gedichte können jedoch durch ihre darin zum Ausdruck kommende Brutalität und Aufruf zum Völkerkrieg nicht positiv für Arndt zählen.
  4. So oder so: Arndt wurde weder von Göring, noch durch die Konservativen in der DDR für seine Gedichte, Kirchenlieder oder Märchensammlungen geehrt. Im Vordergrund wurde sein politisches – rassistisches – Werk gestellt. Jetzt den Namen im Nachhinein über Gedichte rechtfertigen zu wollen, erscheint uns unangemessen, fast verlogen.
  5. Auch die Auswahl der Gedichte mancher Arndt-Bewahrer, scheint uns einseitig.  Dort werden oft nur die romantischen Gedichte ausgewählt und die kriegerischen weggelassen. Wir haben mal drei Gedichte genommen, die die Arndt-Bewahrer nicht so gerne nennen:

„Mein einiges Deutschland, mein freies, heran!
Sie wollen, sie sollen es haben.
Auf! sammle und rüste dich stark wie ein Mann
Und bringe die blutigen Gaben!
Du, das sie nun nimmer mit Listen zersplittern,
Erbrause wie Windsbraut aus schwarzen Gewittern!
So klinge die Losung: »Zum Rhein! übern Rhein!
Alldeutschland in Frankreich hinein!“

So lautet die letzte Strophe des Arndt Werkes „Als Thiers die Welschen aufgerührt hatte“ 1841 … Und in seinem „Lied der Rache“ dichtet er:

„Auf zur Rache! auf zur Rache!
Erwache, edles Volk, erwache!
Erhebe lautes Kriegsgeschrei!
Laß in Thälern, laß auf Höhen
Der Freiheit stolze Fahnen wehen!
Die Schandeketten brich inzwei!“

Ein Blick in ein anderes Genre. In „Waldhochzeit“ schildert Arndt eine Szene, die man gut und gerne als Vergewaltigung interpretieren kann. In jedem Fall drückt sich darin Arndts (nicht nur aus heutiger Sicht) sexistisches Frauenbild aus:

„Sei nicht bange, Mädel, es muß so sein,
Die Liebe, sie brauchet Gewalt,
Fährt gern mit Donnern und Blitzen drein,
Und lustig zur Hochzeit schallt.
Dein Blümchen magst nimmer du retten,
Drum freu‘ dich der blumigen Betten
Im grünen, grünen Wald.“

Arndt war Vorkämpfer für die Presse- und Meinungsfreiheit


Mit Bezug auf den Lehrstuhlinhaber für Pommerische Landesgeschichte Prof. Werner Buchholz (der – übrigens –  sehr viel von Arndt gelesen hat) können wir zusammenfassen: Das Gegenteil ist korrekt. Zwar gibt es Stellen, wo Arndt mehr Presse- und Meinungsfreiheit fordert. Vor allem fordert Arndt diese aber „für sich“ – nicht jedoch als generelles Menschenrecht. Dies lässt sich auch daran ablesen, dass Arndt alle Schriftsteller, die nicht seine Gesinnung teilten, durch Ersäufen im Meer umbringen wollte.  Arndt unterscheidet die Schriftsteller im Sinne seiner Anhänger und Gegner. Demnach gäbe es drei Gruppen: 1. „schnatternde Gänse“, 2. „Verbrecher ohne Tugend“ und 3. „solche, die vermeintlich zwar dieselbe Gesinnung haben“ sollen wie er, Arndt, „diese aber verleugnen“, also so genannte „Gesinnungsverleugner“, (zwischen 1933 und 1945 in Deutschland auch „Gesinnungslumpen“ genannt) deren „Bücher zu verbrennen“ waren.

Arndt hätte sie gern ersäuft, wenn er gekonnt hätte, und zwar alle drei Kategorien. Von solchen Äußerungen quillt Arndts Werk geradezu über. Kann man das als Eintreten für die Freiheit des Wortes interpretieren? Oder ist damit gemeint, dass sich jeder frei entscheiden kann, ob er Goethe nun als „schnatternde Gans“, einen „Verbrecher ohne Tugend“ oder eher als einen „Gesinnungsverleugner“ ansehen möchte?

. Ernst Moritz Arndt kann doch nichts dafür, dass er von den Nazis „missbraucht“ wurde?

Das ist ein beliebtes Argument, hinter dem ja letztlich die Behauptung steht, Arndt wurde von Nazis missverstanden. Etwa so, wie es bei Goethe oder Schiller war, welche die Nazis auch für sich heranzogen. Im Gegensatz zu Schiller vertrat Arndt jedoch das volle Programm der Nationalsozialisten: Den Antisemitismus, den Rassismus, den völkischen Nationalismus, den Hass auf „das Fremde“…
Und auch an der Uni machte man mit dem Bezug auf die „neue Zeit“ keinen Hehl. Die Antragsteller der „Stahlhelm Hochschulgruppe“ schrieben damals in ihrem Gesuch, dass nun in der „Zeit des nationalen Erwachens […] Ernst Moritz Arndt besonders lebendig“ sei. Mit Arndt trüge die Universität „weithin zum Ausdruck, dass sie in dem nationalen Kampf der Gegenwart in vorderster Front steht“.

Bei der feierlichen Verleihung des Namens sagte der damalige Rektor 1933:

„Nur wenn wir so denken wie Ernst Moritz Arndt, werden wir auch im Sinne des Führers unseres Volkes [Adolf Hitler] handeln, der es immer von neuem bezeugt hat, dass für den Aufstieg Deutschlands nicht in erster Linie Wirtschaftsprogramme, Organisationsfragen und äußerliche Dinge entscheiden, sondern dass Deutschland nur dann einer besseren Zukunft entgegengeführt werden kann, wenn eine geistige Erneuerung das Volk erfasst. Das, was Ernst Moritz Arndt gewollt hat, geht zum guten Teil in unseren Tagen in Erfüllung. Aus seinem Geist heraus lebt nicht zum wenigsten die Gegenwart.“ (Details hier)

Arndt wurde also nicht anhand einzelner Zitate, sondern auf Basis seines gesamten völkisch/rassistisch geprägten Werkes begründet. Von einem „Missbrauch“ kann daher keine Rede sein.

Übrigens: Zur Zeit des Dritten Reiches wurden einige Arndt-Bücher in hohen Stückzahlen neu aufgelegt und Arndt in Propaganda-Reden gleich seitenweise zitiert. Bekannt dafür waren etwa Reichspropagandaminister Goebbels oder Himmler in seiner Panzergrabenrede.

Wer Rassismus propagiert und zum Volkshass aufruft, wer schreibt, dass der „brennende und blutige Hass“ als „heiliger Wahn“ in den Herzen der Deutschen glühen soll, der darf sich nicht „missbraucht“ fühlen, wenn jemand diese Visionen später in die Realität umsetzt.

Waren andere Persönlichkeiten wie z.B. Luther oder Goethe nicht auch durch schlimme Kommentare über Juden aufgefallen?


Ja – auch Luther (mehr) und Goethe (sehr wenig) haben hier und da gegen die Juden gewettert. Dies ist aber nicht mit den 40 Jahren aktiver Verbreitung von Rassen- und Volkshass und Antisemitismus von Arndt vergleichbar. Außerdem: Die Vorurteile von Goethe und Luther beruhten auf dem – ebenfalls verurteilungswürdigen – Antijudaismus. Arndt hingegen vertrat bereits den biologisch-begründeten Rassismus, auf dem die Nazis später ihre fanatische Ideologie aufbauen. Sein Volkshass gegen die Franzosen zieht sich durch fast alle Werke. Ein Vergleich mit Goethe ist unangemessen! Gerade Goethe fiel wie die gesamte Weimarer Klassik dadurch auf, dass sie sich für die Gleichheit aller Menschen eingesetzt hat.

Luther & Goethe stehen zudem für ein großartiges Lebenswerk. Arndts Hauptwerk waren eben seine politischen Schriften. Genau dort aber finden wir all den Fremdenhass, den Antisemitismus und Rassismus. Genau für diese „politischen“ Schriften wurde Arndt ja durch die Nazis geehrt. Während bei Luther und Goethe sich der Antisemitismus nur vereinzelt und am Rande findet, steht Arndts Fremdenhass im Zentrum seines Werkes. Es ist ihr Kern.

Trotzdem – auch andere Namensgeber waren judenfeindlich…


Wenn Dich unsere Worte nicht überzeugen, möchten wir Professor Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann (Professor für Neuere Geschichte an der Universität Greifswald) zitieren. Er schrieb anno 2001 in Bezug auf die Diskussion mit Arndt:

„Man hat gesagt, Judenfeindschaft sei ein bedauerlicher Zug, der aber auch bei anderen vorkomme, Martin Luther zum Beispiel. Man stelle sich nun vor, man könnte von Luther den Judenhass und den Hexenglauben abziehen: Dann bliebe immer noch die Reformation, die auch von Nichtprotestanten als ein Meilenstein auf dem Weg zur Gewissensfreiheit gesehen werden kann. Was aber bleibt von Arndt, wenn wir den integralen Nationalismus abziehen? Es bleiben Märchen, Kirchenlieder und eine Schrift gegen die Leibeigenschaft, die einen keineswegs originellen Teil des allgemeinen europäischen Diskurses über die Agrarreform darstellt.  Würde das irgendjemanden zu einer Namensgebung einer Universität veranlassen […]?“

Muss man Arndt nicht im Sinne seiner Zeit sehen?

  • Wir sehen Arndt in seiner Zeit! Es gab schon damals andere Denker, die die deutsche Idee einer gemeinsamen Nation ohne Hass auf das Fremde begründeten (Die Weimarer Klassik schlug eine gemeinsame Sprache, Geschichte und Kultur vor). Im Gegensatz zu Arndts völkisch-begründeter Variante mit entsprechenden Ausschlusskriterien (JüdInnen, nationale Minderheiten, „deutsches Blut“) war das französische Modell der Nation ein offenes, d.h. Citoyen war „jeder im Lande ansässige“. Das französische Modell war objektiv schon 1792 moderner als all der deutschnationale Spuk, der dann im Zuge der sog. „Befreiungskriege“ aufkam. Und auch Rassismus und Antisemitismus waren durchaus nicht bei allen Persönlichkeiten der Zeit „üblich“. Humboldt ist im gleichen Jahr (1769) wie Arndt geboren, hat sich jedoch nie antisemitisch oder rassistisch geäußert.
  • Auch an der Universität Greifswald war _zu Arndts Zeiten_ (!) selbiger sehr unbeliebt. Die Philosophische Fakultät sprach sich noch zu Arndts Lebzeiten gegen Arndt aus, indem es seine Anbringung am Rubenow Denkmal ablehnte. Außerdem kritisierten ihn seine Kollegen wegen seines Hasses auf Frankreich scharf. Unter anderem der Professor Ludwig Gotthard Kosegarten, der sogar (zu Arndts Zeiten!) gegen Arndts Fanatismus anschrieb. Details hier.
  • Wenn die Nationalsozialisten mit Arndt ihre fanatistische Ideologie – ohne Arndts Werk verbiegen zu müssen – begründen konnten, ist dies zu verurteilen. Die Nationalsozialisten interpretierten Arndt in „ihrer“ Zeit. Und auch wir müssen uns die Frage stellen, ob wir Arndt heute „in unserer Zeit“ als Vorbild sehen können.

Diese Antwort ist mir zu kurz: Arndt ist ein Kind seiner Zeit!

Wir können das auch ausführlich begründen: Prof. Stamm-Kuhlmann zu dem Thema „in seiner Zeit“:
„Der Historiker versetzt sich zwar in die Zeitumstände des jeweiligen Ereignisses, aber nur mit dem Ziel, einen Erkenntnisgewinn zu haben, den er anders nicht erhalten kann. Sodann ist er erst recht vor die Aufgabe gestellt zu prüfen, ob sich den Menschen der jeweiligen Epoche nicht Alternativen geboten haben. Aus seiner Zeit heraus verstehen“ wird oft entschuldigend gebraucht im Sinne von „Damals konnte man nicht anders“. Das erweist sich bei genauerem Hinsehen oft als unzutreffend.

Im Übrigen: Verstehen heißt noch lange nicht rechtfertigen. Die doppelte Dynamik historischer Erkenntnis besteht gerade darin, dass etwas sowohl in seiner eigenen Zeit als auch aus unserer Perspektive heraus verstanden und untersucht wird.

Worauf es ankommt, ist vielmehr, dass Anachronismen nicht zulässig sind, das heißt, dass ich Phänomene nicht mit Maßstäben messen darf, die zu ihrer Zeit nicht bestanden haben. Aber gerade hier erlebt man die größten Überraschungen. Denn was gab es nicht alles schon für Maßstäbe in früher Zeit! Gerade die Maßstäbe der Menschlichkeit haben schon seit sehr früher Zeit bestanden […]

Um 1800 schrieb Georg Christoph Lichtenberg: „Wenn die Physiognomik [Anm. d. Red.: Pseudowissenschaft – Vorläufer der Rassenlehre – Wikipedia ] das wird, was Lavater von ihr erwartet, dann wird man die Kinder hängen, noch bevor sie die Taten begangen haben, die den Galgen verdienen“. Besser kann man das Konzept der Rassenhygiene des 20. Jahrhunderts nicht zugespitzt ausdrücken. Wie steht es mit Heines Kommentar zu den Studentenaktionen des Wartburgfestes: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man bald auch Menschen“? Hierfür war allerdings keine divinatorische Begabung erforderlich, und Heine brauchte Goebbels nicht vorherzusehen, denn er kannte die Praktiken der Inquisition zu gut, […].

Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann, in: „Ernst Moritz Arndt weiterhin im Widerstreit der Meinungen : Neue Materialien zu einer alten Diskussion“ S. 210

Ich bleibe dabei – Arndt ist ein Kind seiner Zeit !


Wir wollen ja gerade, dass man Arndt als Kind seiner Zeit betrachtet, ihn eben mit Goethe, Lessing, Humboldt und anderen vergleicht.  Dabei muss der Blick auf das gesamte Lebenswerk fallen: Wie bedeutend sind die wissenschaftlichen Leistungen, wie die kulturellen, wie die politischen? Arndts wissenschaftliche Leistungen sind schwach. Seine Ausfälle gegen Andersdenkende dagegen groß. Es bleiben also vor allem seine politischen bzw. hetzerischen Schriften. Doch diese sind – es bleibt dabei – durch und durch fremdenfeindlich…

Pommern war doch besetzt! Arndt hat sich nur gegen Napoleon gewehrt!


Wenn Arndt die Franzosen insgesamt und unterschiedslos für die napoleonische Herrschaft in Europa verantwortlich macht, dann ist dies eine Folge seiner Ressentiments, nicht aber seiner – nicht vorhandenen – Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge und die Geschichte seiner Zeit. Dasselbe gilt, wenn die französische Herrschaft einseitig und undifferenziert als bloß und ausschließlich negativ hingestellt wird. Das sahen schon die Greifswalder Professorenkollegen Arndts, seine Zeitgenossen, sehr viel klarer und vor allem – differenzierter. Dasselbe gilt für die pauschale Verächtlichmachung ganzer Völkerschaften, deren Angehörige Arndt durchgehend ganz und gar undifferenziert über einen Kamm schert.

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