Namensgebung

Wie die Universität zu ihrem jetzigen Namen kam

Kurzer Abriß der Geschichte der Namensgebung

Im Jahre 1456 wurde die Universität Greifswald gegründet; sie ist damit die älteste schwedische Universität und eine der ältesten Hochschulen in Deutschland. 477 Jahre lang, also fast ein halbes Jahrtausend, hieß sie schlicht Universität Greifswald. Erst im Jahre 1933, nachdem im Deutschen Reich die Macht an die Nazis übertragen worden war, wurde ihr der Name „Ernst Moritz Arndt Universität“ gegeben. Während der gesamten Terrorherrschaft der Nazis von 1933-1945 führte die Universität diesen Namen. Nach der Befreiung Greifswalds im April 1945 wurde Ernst Moritz Arndt aus dem Namen genommen und der alte Name „Universität Greifswald“ wieder aufgenommen. Erst seit 1954 heißt die Universität erneut „Ernst Moritz Arndt Universität“ – ein Zustand, den wir jetzt endlich ändern wollen, wofür eben auch ein eindeutiges Votum bei der studentischen Urabstimmung ausschlaggebend ist. Warum die Universität überhaupt zu ihrem derzeitigen Interimsnamen gekommen ist, wollen wir nachfolgend etwas genauer beleuchten.


1933: Arndt als ideologisch-kulturelles Zugpferd von Konservativen und Faschisten

Am Ende der Weimarer Republik setzten sich die Faschisten an die Spitze der deutschnationalen, antirepublikanischen Bewegung, was sich auch an steigenden Wahlerfolgen bei den Reichstagswahlen ablesen läßt. Während es bei der Reichstagswahl am 06.11.1932 reichsweit für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) nicht für eine absolute Mehrheit reichte (eine solche hat sie bei Reichstagswahlen auch später nie erhalten), fuhr sie in einigen traditionellen Universitätsstädten bereits absolute Mehrheiten ein. So auch in Greifswald, wo die NSDAP mit 5.604 Stimmen stärkste Partei im Wahlkreis wurde. Unter den Greifswalder Studierenden hatten die Nazis schon seit 1930 ihre absoluten Mehrheiten bei den studentischen Wahlen sicher: So stimmten 1930 knapp 53% aller Studierenden für die Nazis, 1931 waren es schon ungefähr 60% der Stimmen. Daher verwundert es nicht, daß eine Umbenennung der Universität nach Ernst Moritz Arndt gerade in Greifswald auf „fruchtbaren“ völkischen Boden fiel.

Am 04.04.1933 hatte der Theologieprofessor (Kirchenhistoriker) und Greifswalder Kreisführer des paramilitärischen, deutschnationalen Verbands „Der Stahlhelm“, Dr. Walter Glawe1, im Namen des Stahlhelm und im Namen der Stahlhelm-Hochschulgruppe den Antrag gestellt, Rektor und Senat möchten den preußischen Kultusminister darum ersuchen, der Universität Greifswald den Namen Ernst Moritz Arndt zu verleihen. In seinem Antrag schrieb Glawe:

„In dieser Zeit des nationalen Erwachens [also der nationalsozialistischen Herrschaft!] ist die Erinnerung an den alten Greifswalder Studenten und Professor Ernst Moritz Arndt besonders lebendig. Eure Magnifizenz haben grade in den Reden der letzten Wochen immer wieder auf die geschichtliche Bedeutung jenes führenden Patrioten hingewiesen. Unsere Universität trägt, indem sie sich den Namen ‚Ernst Moritz Arndt-Universität‘ beilegt, nicht nur eine alte Dankesschuld gegenüber diesem Manne ab, sondern sie bringt auch weithin zum Ausdruck, daß sie in dem nationalen Kampf der Gegenwart in vorderster Front steht, entsprechend der von ihr auch in den letzten Jahren treu gewahrten alten nationalen Tradition.“

Dieser Antrag wurde dann im Senat behandelt und ein entsprechender Antrag auf Namensänderung an Hermann Göring (NSDAP) eingereicht, der seit dem 10.04.1933 als preußischer Ministerpräsident amtierte. Die konkreten Gründe für den neuen Namenspatron ergeben sich direkt aus dem Antrag von Glawe sowie aus der Begründung in der Verleihungsurkunde Görings. Damals waren der Antisemitismus und das völkisch-nationalistische Wirken Arndts ausschlaggebend für den Antrag sowie die Verleihung. Man muß zudem bedenken, daß die NSDAP 1933 noch nicht absolut sicher im Sattel saß und auf solch eine Brückenfigur wie Arndt gerne zurückgriff, die sowohl für Konservative (u.a. die Deutschnationale Volkspartei, DNVP) wie auch für Faschisten als Idol geeignet war, um mehr Akzeptanz für ihre neue Regierung zu schaffen. Nur wenige Wochen später, am 16.05.1933, erfolgte aus Berlin der positive Bescheid seitens des preußischen Staatsministerium:

„Der Universität Greifswald, an der Ernst Moritz Arndt als Student und Hochschulprofessor stets für die Freiheit, die Ehre und die Macht des Deutschen Vaterlandes an erster Front gekämpft hat, wird hiermit der Name ‚Ernst Moritz Arndt Universität‘ verliehen.“

Am 28.06.1933 wurde in einem Festakt dann feierlich der Name „Ernst Moritz Arndt Universität“ verliehen. Der damalige Rektor, Prof. Heinrich Laag, erklärte in seiner Rede anläßlich dieser Namensverleihung:

Noch lastet der Schandvertrag [gemeint ist der Friedensvertrag von Versailles 1919] auf unserem deutschen Volke. Wir alle, liebe Kommilitonen, sind dazu berufen, die Fesseln zu sprengen. Niemals wird das ein Volk erreichen, das nicht tief in der Heimat verwurzelt ist, […] das glaubensmatt dem Alltag verfällt. Nur dann wird es dem deutschen Volke gelingen und uns an unserem bescheidenen Teil, wenn wir so denken, fühlen, handeln und glauben wie Ernst Moritz Arndt. Nur wenn wir so denken [wie Arndt], werden wir auch im Sinne des Führers unseres Volkes [Adolf Hitler] handeln, der es immer von neuem bezeugt hat, daß für den Aufstieg Deutschlands nicht in erster Linie Wirtschaftsprogramme, Organisationsfragen und äußerliche Dinge entscheiden, sondern daß Deutschland nur dann einer besseren Zukunft entgegengeführt werden kann, wenn eine geistige Erneuerung das Volk erfaßt. Das, was Ernst Moritz Arndt gewollt hat, geht zum guten Teil in unseren Tagen in Erfüllung. Aus seinem Geist heraus lebt nicht zum wenigsten die Gegenwart.“

Daß mittels der Persona Arndt die organisatorische Einbindung konservativ-deutschnationaler Kreise in die NSDAP erleichtert wurde, zeigt sich exemplarisch an Prof. Glawe selbst, der 1934 wie viele andere DNVP-Mitglieder in die SA und die NSDAP übertrat. Wenn wir uns mit dem heutigen Umgang mit dem Namespatron Ernst Moritz Arndt an dieser Universität kritisch auseinandersetzen wollen, sollten wir nicht verschweigen, welche Funktion der Name zwischen 1933 und 1945 hatte: Mittels Arndt wurden gezielt Grundpfeiler der NS-Politik an der Greifswalder Universität verankert, wobei Arndts völkischer Nationalismus, seine antisemitischen Hetzschriften und seine militaristische Grundhaltung als Vorbild für die Studierenden (und späteren Wehrmachtssoldaten) herangezogen wurden. So veranstaltete die Greifswalder Universität beispielsweise noch 1943 nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad eine Arndt-Woche zwecks Stärkung des deutschen Kampf- und Durchhaltewillens.

1954: Arndt wird wieder reaktiviert

Am 29.04.1945 wurde die Stadt Greifswald kampflos an die Rote Armee übergeben, um einen Artilleriebeschuß auf die Stadt zu verhindern. Allen war damals klar, daß der Name „Ernst Moritz Arndt Universität“, verliehen von den Nazis, weder inhaltlich haltbar noch politisch opportun war, so daß dieser Name 1945 umgehend abgelegt wurde und die Hochschule erneut den Traditionsnamen „Universität Greifswald“ erhielt. Bis zum 31.12.1953 krähte auch kein Greifswalder Hahn mehr nach Arndt; an diesem Tag hatte die Universitätsleitung einen Statutenentwurf beim DDR-Staatssekretariat für Hochschulwesen eingereicht, in dem offenbar auch der Name „Ernst Moritz Arndt Universität“ erneut auftauchte. Das Staatsekretariat antwortete der Universität kurz darauf 1954:

„Das Statut der Universität Greifswald wurde akzeptiert. Der Name Ernst Moritz Arndt Universität wurde jedoch gestrichen. Der Ministerrat wird nunmehr über die Namensgebung entscheiden.“

Als sich andeutete, daß die Sache dort möglicherweise im Sande verlaufen könnte, wurde der damalige Rektor erneut bei den zuständigen Stellen vorstellig. Am 13.08.1954 teilte das Staatssekretariat für Hochschulwesen dann abschließend mit:

Da vonseiten der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik der Name ihrer Universität nicht [offiziell] aufgehoben wurde, erheben wir unsererseits keinen Einwand. Den gegebenen Umständen entsprechend bedarf es also keiner feierlichen Namensverleihung.”

Warum ausgerechnet in der DDR 1954 Arndt wieder als Namenspatron eingeführt wurde, läßt sich nicht zweifelsfrei ermitteln. Zwei Thesen dazu stehen im Raum: Zum einen wird damit argumentiert, daß die junge DDR (sie wurde im Oktober 1949 gegründet) darauf angewiesen war, die alten konservativen, immer noch gut organisierten Machteliten in Vorpommern „mitzunehmen“ für den weiteren Auf- und Ausbau einer antifaschistisch-sozialistischen Gesellschaft. Dafür schienen offenbar symbolische Gesten wie die Überlassung des Namenspatrons Ernst Moritz Arndt zweckdienlich. Schon während des faschistischen Angriffskrieges auf die Sowjetunion hatten deutsche Antifaschisten im Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) einige progressivere Reden Arndts, der den meisten Wehrmachtssoldaten wegen seiner nationalistischen Gedichte und Schriften aus der NS-Propaganda hinlänglich bekannt war, mittels Radio und abgeworfenen Flugzetteln eingesetzt, um Wehrmachtssoldaten zum Überlaufen auf die sowjetische Seite aufzufordern; eine Strategie, die tatsächlich zu vermehrter Desertion aus der Wehrmacht führte.

Die zweite These geht von einer personellen Kontinuität rechter Machteliten in Greifswald aus. Gerade durch die kampflose Übergabe der Stadt an die Rote Armee hatten einige stramme Nazis quasi in letzter Minute ihren Kopf aus der Schlinge gezogen und sich ein Ansehen erworben, das auch ins antifaschistische Lager reichte. So konnten sich alte Seilschaften aus der Zeit vor 1945 dezent gegenseitig in Ämter und Pöstchen hieven. Offenbar wurde damit auch die Entnazifizierung in Greifswald selber in einigen Bereichen konterkariert, denn nicht wenige aktive NSDAP-Mitglieder aus Greifswald fanden ihren Weg in die antifaschistische Sozialistische Einheitspartei (SED), so u.a. der schon mehrfach genannte Prof. Glawe, der nach DNVP und NSDAP nun auch Mitglied der SED werden konnte.

Nach 1990 wurde weiterhin am Arndt-Namen festgehalten, obwohl sich schon ab 1991 die ersten kritischen Stimmen aus der Universität meldeten. Eine erste große Diskussion, losgetreten durch einen Artikel in der „ZEIT“ 1998, konnte von der Universitätsleitung noch ausgesessen werden. Wir denken, daß Aussitzen keine adäquate Lösung ist im Umgang mit diesem „fatalen Namenspatron“, sondern daß wir eine kritische und sachliche Debatte über Arndt und über die grundsätzliche (Vorbild-)Funktion eines Namenspatrons für eine Universität brauchen.

1 Glawe war außerdem in der Weimarer Republik Mitglied der paramilitärischen rechtsextremen Organisation „Organisation Escherich“ (kurz: „Orgesch“), die u.a. für sog. „Feme-Morde“ verantwortlich zeichnete, der DNVP sowie des deutschnationalen Kyffhäuser-Bundes.


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