Geschichte der Arndt-Debatte

  • 1456 …. Die „Universität Greifswald“ wird ohne Namenspatron gegründet.
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  • 1933 …. Auf Vorschlag des antidemokratischen Stahlhelms verleiht Hermann Göring (NSDAP) der Universität Greifswald den Beinamen „Ernst Moritz Arndt“ (Details hier)..
  • 1945 …. Nach dem Krieg wird der Name sofort abgelegt. Es gibt zwar formell keinen Beschluss, aber die Verbindung zwischen Ernst Moritz Arndt und den Nationalsozialisten ist noch frisch.
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  • 1954 …. Am 27. Februar nimmt der Senat den Namen wieder auf. Die Initiative kommt aus Reihen der Professoren (einige auch ehemalige NSDAPler, die inzwischen in die SED gewechselt sind). Weder an der Namensverleihung noch an der Person Arndts und dem Gedankengut, das er verbreitet hat, wird Anstoß genommen. Da liegt ein Vergleich mit der Haltung der heutigen Befür­wor­ter Arndts als Namenspatron nicht fern: Es ist gut, wenn die Öffent­lich­­keit möglichst wenig über Arndt erfährt. Bedeutet dies aber nicht auch ein stillschweigendes Einverständnis mit Arndts Positionen bis heute?

ENDE DER DDR
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  • 1990 …. Nach der Wende werden die Namen der Universitäten Leipzig (Karl Marx) und Rostock (Wilhelm Pieck) abgelegt. Eine Debatte in Greifswald gibt es – unseres Wissens – damals nicht.
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  • 1993 …. Mindestens seit 1993 gibt es immer wieder Studentinnen und Studenten, die sich für die Ablegung des Namens engagierten. Ein NDR-Hörfunk Mitarbeiter aus Greifswald berichtete uns, dass bereits 1993 – zu seiner Zeit – im AStA die Ablegung des Namens angestrebt wurde.
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  • 1996 …. Prof. Buchholz veranstaltet eine Arndt-Lesung im Hörsaal 5 mit professionellen Schauspieler des Theaters Vorpommern statt. Es gibt jedoch kaum Reaktionen. Die Universität ignoriert die Bemühung, regelmäßige Diskussionen über Arndt anzuregen. Bis heute versucht man Arndt so wenig wie möglich zu thematisieren.
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  • 1998 …. Die Wochzeitung DIE ZEIT veröffentlicht den großen Artikel „Der fatale Patron“ (hier lesen) und erzeugt damit in Greifswald eine monatelange Debatte, die jedoch bald wieder verebbt.  Nun sind jedoch etliche Professoren aufgewacht.
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  • 1999 …. Prof. Stamm-Kuhlmann fordert im Unijournal eine öffentliche Anhörung aller Seiten.
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  • 2000 …. Der damalige Rektor Prof. Metelmann will die „ewige Debatte“ beenden und ruft ein wissenschaftliches Arndt-Kolloquium ein.
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  • 2001 …. Nach einem halben Jahr Forschung tragen sieben Referenten ihre Ergebnisse vor. Etwa sechs der sieben Vorträge legen einen Umbenennung nahe.
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  • 2001 …. Anschließend trifft  in der Lokalzeitung eine manipulative Berichterstattung (Die Ergebnisse der Professoren wurden nie dargestellt!) auf eine „lokale-empörte“ Öffentlichkeit, die sich ihrer Tradition beraubt fühlt. Die Germanistin Monika Schneikart konstatiert später in einer Diskursanalyse der Debatte eine „Verzerrung, wenn nicht […] Verfälschung“ in der Berichterstattung über das Kolloquium. Sie stellt außerdem zahlreiche persönliche Diffamierungen, die sich ausschließlich gegen Arndt-Kritiker richteten, fest. Die Studenten beteiligen sich an der Debatte nicht. Ende 2001 versandet die Debatte.
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  • 2003 …. Erst jetzt werden die Vorträge und die anschließende Debatte des Arndt-Kolloquiums in einem Buch veröffentlicht. Jetzt interessiert sich dafür natürlich niemand mehr.
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  • 2006 …. Die Universität feiert ihr 550jähriges Jubiläum. Ernst Moritz Arndt wird inzwischen wieder todgeschwiegen. Zum Namenspatron gibt es in dem ganzjährigen Programm und einwöchigen Festprogramm nicht eine einzige Veranstaltung. Im hundertseitigen Sonderband zum Jubiläum gibt es drei schönfärberische Absätze zu Arndt. Die Ergebnisse des Arndt-Kolloquium werden erneut verdrängt.
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  • 2007 …. Am Ende einer eher kleinen Vollversammlung im Dezember 2007 fordert ein Germanistik-Student unter „Sonstiges“, dass alle studentischen Gremien sich für die Umbenennung einsetzen sollen. Der Vorschlag kommt überraschend, erhält jedoch wegen guten Argumente trotzdem eine Mehrheit. Doch das konservative StuPa lehnt die Annahme des nicht bindenden Beschlusses ab.
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  • 2008 …. Im Januar nimmt immerhin die Fachschaftsrätekonferenz (FSK) die Beschlüsse der Vollversammlung ernst. Die Fachschaftsrätekonferenz fordert den Rektor auf, über Ernst Moritz Arndt „kritisch“ zu informieren. Aber: Erst im Juni 2009 kommt der Rektor der Forderung mit einem „verharmlosenden“ Text nach. Übrigens: Der Text geht „zufällig“ etwa vier Stunden vor der Senatssitzung online, auf der ebenfalls ein kritischer Text über Arndt auf der Unihomepage gefordert wurde.
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  • 2008 …. Aus Protest, dass der Vollversammlungs-Beschluss zu Ernst Moritz Arndt aus dem letzten Jahr vom StuPa einfach abgelehnt wurde, beschließen 170 Studenten in der November-Vollversammlung, dass Ihre Beschlüsse künftig für das StuPa verbindlich sein sollen. Sie verweisen dabei explizit auf den Ernst Moritz Arndt-Beschluss von 2007. Doch erneut lehnt das konservative StuPa den Beschluss der Vollversammlung ab.
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  • 01/2009 …. Thema des „ersten“ echten StuPa-Wahlkampfes ist sowohl bei den Grünen als auch bei den Jusos die Ablegung des Namens „Ernst Moritz Arndt“. Im Ergebnis ziehen bei den StuPa-Wahlen erstmals mehr linke als konservative Studenten in das Parlament ein.
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  • 06/2009 …. In der Vorbereitung zur Vollversammlung verlesen Mitglieder des Studierendenparlaments Texte von Ernst Moritz Arndt öffentlich vor der Mensa. Bürger rufen die Polizei wegen Rassismus und Volksverhetzung. Auf Plakaten und Flyern werden die Studenten zur Vollversammlung unter dem Thema „Ernst Moritz Arndt“ eingeladen.
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  • 06/2009 …. Bei der Vollversammlung im Juni kommen so viele Studenten wie nie zuvor. Rund 1300 Studenten werden insgesamt gezählt. Über eineinhalb Stunden wird ausführlich über „das“ Thema der Vollversammlung diskutiert: Soll die Uni umbenannt werden? Über 95 Prozent stimmen schließlich für die Umbenennung – so ein klares Votum einer so großen Menge gab es ebenfalls noch nie.
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  • 06/2009 …. Nach einer zweistündigen Debatte und heftigenAuseinandersetzungen nimmt das StuPa eine Woche später die Beschlüsse der Vollversammlung mehrheitlich an. Die für eine Urabstimmung über den Universitötsnamen erforderliche 2/3-Mehrheit kommt jedoch nicht zustande.
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  • 07/2009 …. Der StuPa-Präsident fertigt die Beschlüsse aus. Damit verpflichten sich StuPa und AStA den Namen „Ernst Moritz Arndt“ nicht mehr zu verwenden. StuPa & AStA bekommen ein neues Uni-Logo für den Briefkopf.
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  • 09/2009 …. Die Initiative übergibt 1400 Unterschriften, die eine Urabstimmung fordern. Details hier.  Die Urabstimmung ist voraussichtlich im Januar 2010.

Die genaue Debatte seit Juni 2009 entnehmen Sie bitte unseren News!

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