Kategoriearchive: Debatte

„Westprofessoren“ und gezielte Meinungsmache – eine nicht hinnehmbare Diskussionskultur

„Westprofessoren“ und gezielte Meinungsmache – eine nicht hinnehmbare Diskussionskultur für zwei Greifswalder Studenten. Sie nahmen sich der Probleme an und publizierten das Ergebniss in einem wissenschaftlichen Band.

Der 17. März dieses Jahres [2010] verlief relativ alltäglich und unscheinbar: Das Wetter in Greifswald war grau, viele Prüfungen waren erledigt, die Semesterferien näherten sich dem Ende. Was an diesem Tag hinter den Türen des Universitätshauptgebäudes passierte, in dem der akademische Senat tagte, war eine der lang erwarteten Entscheidungen. Zwei Lager haben sich beim Rubenowplatz eingefunden. Die einen sind für, die anderen gegen die Beibehaltung des Namenspatrons „Ernst Moritz Arndt“, der 1933 eingeführt wurde.

Eine fast einjährige Debatte mit vielen Höhen und Tiefen, insbesondere in der (Hochschul-)Politik, ging diesem Tag voraus. Durch eine Inszenierung Arndts von Sebastian Jabbusch und dem Vortragen von antisemitischen Zitaten wurde wieder eine ganze Welle an Streitgesprächen und manchmal auch Anfeindungen zwischen Studierenden, Bürgern der Stadt und anderen Beteiligten ausgelöst.

Bei der Vollversammlung der Studierendenschaft im Juni 2009 stimmte eine klare Mehrheit der Anwesenden dafür, dass die studentischen Gremien den Namen „Ernst Moritz Arndt“ ablegen sollten, und das Studierendenparlament (StuPa) sich dem Antrag anschließen solle. Noch dazu kam eine Entscheidung, die bisher einmalig in der 550-jährigen Geschichte der Universität war: Eine studentische Urabstimmung sollte her.

Unter anderem auf Initiative von studentischen Senatoren – darunter Fabian Freiberger und Thomas Schattschneider – gründete sich wegen der Debatte auch im akademischen Senat eine Kommission. Diese sollte erarbeiten, welche Argumente für und welche gegen Arndt als Namenspatron der Universität sprechen. Der Senat entschied sich – unabhängig vom Ergebnis der Urabstimmung – am 17. März 2010 für den Namenspatron. Die Senatsvorsitzende Maria-Theresia Schafmeister erklärte nach der Entscheidung in einem Beitrag von moritzTV: „Uns ist durch diese Entscheidung der Auftrag gegeben worden, sich kritisch mit der Person Arndt auseinanderzusetzen. Die Debatte um den Namenspatron wird nicht aufhören.“ Weiterlesen

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Ernst Moritz Arndt erregt auch Bürger in Velbert

Die Ernst-Moritz Arndt Straße nach der Umbenennung

Die Ernst-Moritz Arndt Straße nach der Umbenennung

Und noch eine Nachreichung: Bereits im März 2010 hatten Bürger der Stadt Velbert für einige Tage sich des Namenspatrons „Ernst Moritz Arndt“ im Straßenbild entledigt und die Straße eigenmächtig umbenannt. Die Ernst-Moritz-Arndt-Straße wurde  in Sophie-Scholl-Straße umgetauft. Die Aktivisten in Velbert änderten gleich ein paar andere Namen mit: Umbenannt wurde auch der Ina Seidel-Weg (Autorin und Unterstützerin des Nationalsozialismus) in Gertrud-Koch-Weg und der Agnes-Miegel-Weg (Unterstützerin Adolf Hitlers) in Georg-Elser-Weg umbenannt. In einem Schreiben erklärten die Aktivisten dazu:

„Es ist für uns unerträglich, dass auch im Jahr des 65. Jahrestages der Befreiung von Ausschwitz den geistigen Tätern von einst die Ehre zuteil wird, Namensgeber für eine Straße zu sein. Rechtsradikale und antisemitisches Gedankengut rückt durch solche Praktiken immer weiter in die Mitte der Gesellschaft und wird Alltag.“

Die gesamte Aktion wurde hier kurz dargestellt. Wir danken für die kreative Aktion aus Velbert!

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DIE ZEIT veröffentlicht Artikel über Ernst Moritz Arndt

Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat die neusten Ausgabe ihres Magazin “ ZEIT Geschichte, Epochen. Menschen. Ideen“ dem Thema „Die Deutschen und die ‚Nation‘ “ gewidmet (Heft 3/2010). Darin findet sich ein interessanter Aufsatz von Christian Staas mit dem Titel „Einheit durch Reinheit“  (S. 38-42). Dieser Artikel bestätigt einmal mehr, dass die „Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald“ in völlig unverantwortlicher Weise mit ihrem Namen einen Nationalisten verehrt, dessen Werk bis heute Rassismus und Fremdenfeindlichkeit predigt.

Die Universität hat seit den Studentenprotesten nichts an ihrer eigenen Erinnerungskultur verändert, weiterhin wird verdrängt. Die verharmlosende Darstellung über Arndt auf der Homepage der Uni wurde nicht verändert. Der Beschluss der Vollversammlung wird ignoriert.  Genau durch dieses „Unter-den-Teppich-kehren“ wird der Name erst Recht zum Schadfleck für die Uni. Der Rektor verweigert sich dabei ignorant jeder Veränderung  und sollte sich schämen. Denn ohne kritische Reflektion prangt der Name Arndts wie ein Aushängeschild für Rassismus und offenen Hass am Eingang zur Universität. Von dieser rechtsnationalen Atmosphäre fühlen sich nicht nur Burschenschaften, sondern zuletzt sogar ein Professor ermutigt. Aber auch zahlreiche rechtsextreme Schmierereien rund um die Mensa beziehen sich immer wieder auf Ernst Moritz Arndt sowie moderne Formen von Fremdenfeindlichkeit.

Wir erlauben uns, im folgenden einige Zitate aus dem Artikel zu veröffentlichen:

„Noch immer werden deutsche Frühnationalisten wie Ernst Moritz Arndt als aufrechte Patrioten verehrt. Dabei nehmen ihre Schriften schon in vielem die rassistisch-völkische NS-Ideologie vorweg. (…) In Berlin-Zehlendorf trägt seit 1935 eine evangelische Kirche seinen Namen, in Greifswald seit 1933 eine Universität […].

[…]

Trotzdem hat die historische Forschung Gestalten wie Arndt, Fichte und Jahn lange Zeit das Etikett „frühliberal“ angeheftet und das aufkeimende deutsche Nationalbewusstsein als emanzipatorisch begriffen […]. Kritische Zeitgenossen hingegen gewichteten die Nationalpropaganda Arndts, Fichtes und Jahns anders:  Sie sprechen, wie der jüdische Publizist Saul Ascher, von „Germanomanie“. Denn über die Nationalisierung der germanischen Stammesgeschichte und des „teutschen“ Mittelalters erträumten sich die germanomanen Autoren die deutsche Nation als homogene Abstammungsgemeinschaft. […]

Keiner der deutschnationalen Hassprediger fordert Volkssouveränität. Und viel ist zwar von „Freiheit“ die Rede, aber in einem ebenso diffusen Sinne wie von Volk, Vaterland und Nation. Die neue nationale Idee ist nebulös genug, um verschiedene Zwecke zu heiligen. Die pathosschweren Schriften der Germanomanen kompensieren diesen Mangel an konkreten politischen Vorstellungen mit einem umso schärfer umrissenen äußeren Feindbild. Verweichlicht, weibisch und moralisch verkommen nennt Arndt die Franzosen; mannhaft, tüchtig und ehrenhaft seien die Deutschen. (…)

Mit der Idee einer aufklärerischen Kulturnation, die sich im vernunftgeleiteten Für und Wider konstituiert, können Demagogen wie Arndt und Jahn nur bedingt etwas anfangen: Die kulturnationale Idee mündet bei ihnen in diffuse, sakralisierende Beschwörungen von völkischer Einheit und Stammesreinheit. (…) Der Duktus seiner [Arndts] Schriften und der anderer Germanomanen verrät hingegen keine besonders demokratische Denkweise: „Ein Volk zu sein, ein Gefühl zu haben für eine Sache, mit dem blutigen Schwert der Rache zusammenzulaufen, das ist die Religion unserer Zeit […].“ […] Die Freiheit, die Arndt hier vorschwebt, ist ganz offensichtlich nicht die in einer pluralistischen modernen Gesellschaft, sondern die einer archaisch harmonischen – und gut protestantischen – Stammeshorde. Der Ort, an dem sich ihr „Kulturnationalismus“ bewähren soll, ist nicht der Diskussionszirkel, sondern das Schlachtfeld. […]

[…] nicht mehr der alte religiös fundierte Antijudaismus, sondern ein moerner Antisemitismus, der die Juden zu einer feindlichen Nation stilisiert, gegen die es sich zu wehren gelte wie gegen eine Krankheit. Wie im Hetzen gegen Frankreich liegt dabei auch im Hass auf alles Jüdische ein einheitsstiftendes Moment: Im „Überlebenskampf“ mit den Juden formiert sich das germanisch-christliche Deutschland zum „Großvolk“.

Der Aufsatz ist illustriert, u.a. mit einer ganzseitigen zeitgenössischen Arndt-Karikatur „Der Franzosenfresser“, die den antifranzösischen Furor Arndts aufs Korn nimmt. Der Autor ist der Chefredakteur von „ZEIT Geschichte“.

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Rassismus an der Universität Greifswald weiter ein Problem

Ein Plakat des Rechtspopulisten Jörg Haider soll im Bürozimmer des Professors in Rostock gehangen haben, berichten uns Rostocker Studenten

“Migration und Einbindung sind Verrat an der eigenen Kultur”. Solche Sätze kennen wir bisher (ähnlich) nur von unserem „verehrten“ Namenspatron Ernst Moritz Arndt. Nun gibt es jedoch einen Jura-Professor, der an der Universität Greifswald genau solche Thesen verbreitet.

Es ist der Lehrstuhlinhaber für Arbeitsrecht, Professor Ralph Weber. Doch er vertritt nicht nur diese Position. Während eines Referats mit dem Thema “Brauchen wir eine Partei rechts der CDU?”, das er im Rahmen einer Veranstaltung des Vereins Deutscher Studenten hielt, fielen noch ganz andere Sätze.

Nach Angaben der Ostsee-Zeitungvom 30. Juni strebt der Rechtswissenschaftler an, eine Partei rechts der CDU zu gründen. Den Nährboden hierfür sollen Mitglieder der NPD und DVU bilden. Zu diesem Zweck traf er sich bereits mit Udo Voigt (NPD), welcher Hitler für einen “großen Staatsmann” und die BRD für ein “illegitimes System” hält. Matthias Faust von der DVU unterbreitete der Gelehrte ebenfalls seine Idee.

Der Rektor macht, was er am besten kann: Todschweigen!

Spannender jedoch als diese Äußerungen, ist die Reaktion der Universitätsleitung gewesen: Wie schon bei der Debatte und den Rassisten und Antisemiten Ernst Moritz Arndt, schwieg der Rektor. Und schwieg und schwieg. Öffentliche Dementi? Distanzierung? Ordnungsrufe? Nichts dergleichen geschah.

Es bedurfte erst der Ermahnung des Bildungsministeriums bis der Rektor 21 Tage später überhaupt reagierte. Man wolle die Vorwürfe „prüfen“. Die Prüfung dauert heute – fast zwei Monate später – immer noch an. Konsequenzen irgendwelcher Art wurden bis heute nicht gezogen.

In der Zwischenzeit schrieb die Presseabteilung des Rektorats ein paar nette Demokratiefloskeln:

„Wir nehmen die Situation zum Anlass, darauf zu verweisen, dass das Rektorat auch in Zukunft keine Meinungsäußerungen und Aktivitäten dulden wird, die das freiheitlich-demokratische System der Bundesrepublik infrage stellen.“

Keine, außer die von Ernst Moritz Arndt? – Aber zurück zu Weber. Der Satz ist insofern seltsam, da Herr Weber ja gar nichts gegen die Demokratie „als solche“ sagt. Die Gründung einer Partei – wenn auch im rechten Spektrum – ist zunächst einmal ein demokratischer Vorgang – auch wenn die Spaltung des bürgerlichen Lagers aus der Perspektive der CDU ein Verbrechen sein mag. Erst im zweiten Satz der Pressemitteilung kommt der Rektor dann auf eigentlich viel wichtigeren – inhaltlichen – Aspekte zu sprechen:

„Demokratie, Menschenwürde und Toleranz sind gerade für uns als eine der ältesten Universitäten Deutschlands hohe Werte. Die Ernst-Moritz-Arndt-Universität trägt hier auch eine besondere Verantwortung.“

Soso – seit wann das denn? Einen solchen Satz hätte das Uni-ohne-Arndt-Team auch gerne einmal gehört, als es in den letzten zwei Jahren um die Identität der Universität Greifswald ging. Besonders lustig wird es aber anschließend:

„Nach der friedlichen und demokratischen deutschen Wiedervereinigung ist es uns gelungen, international hohes Ansehen zu erringen.“

Ähm? Wo denn bitte?  Wir erinnern uns eher an die unzählen sehr kritischen  Artikel, die das Image der Universität bis heute belasten.

Übrigens: Greifswalder Studenten berichten vermehrt über rechtsextremistische Äußerungen und diskriminierende Blicke gegenüber Gaststudenten. Weltoffenheit? Doch nicht an der „Ernst Moritz Arndt“ Universität! Auch sonst gibt der Professor sich keine Mühe, seine Einstellung zu verbergen. In der Uni trägt der Professor regelmäßig die Kleidungsmarke Thor Steinar, die als Erkennungszeichen in der rechtsextremen Szene gilt. Im Nordkurier räumte der Professor dies schließlich ein, betonte aber er trage sie „aus praktischen Gründen“. (Na klar – die ganzen anderen Marken halten ja auch nicht warm!!)

Das Bildungsministerium forderte den Rektor daraufhin ebenfalls auf, ein Hausverbot für diese Kleidungsmarke einzuführen, wie es auch im FC Hansa Rostock Stadion gibt. Auch dies befindet sich wahrscheinlich noch „in der Prüfung“.

Und so entsteht in Mecklenburg Vorpommern Stück für Stück ein wunderschönes Rechtsextremismus-Cluster. In Newslettern empfielt die NPD ihren Kameraden bereits in Mecklenburg Vorpommern zu studieren, da es hier soviele „Gleichgesinnte“ gäbe. Die Universität Greifswald drängt sich inzwischen geradezu auf.

Offenbar sind sich die Universität und der Rektor noch immer nicht klar darüber, dass die Kultur des „Wegschauens“ diesen Trend immer weiter verschärfen. Das „Schweigen“ in der Öffentlichkeit über Rechtsextremismus im Kollegium, machen es stets nur noch schlimmer.

Text: Teil des Textes wurde aus diesem CC webMoritz Text von Marco Wagner übernommen.

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Befürworterparty – warum sich nichts verbessert hat

Am 19. Mai heißt es in der Greifswalder Lokalausgabe der Ostsee-Zeitung: „Wissenschaftler diskutieren über den Unipatron“.

„Greifswald (OZ) – „Ernst Moritz Arndt in der politischen Propaganda des 20. Jahrhunderts“ wird Thema des Vortrags des Kieler Professors Reinhart Staats am 28. Mai im Pommerschen Landesmuseum sein. Zwei Monate nach der Entscheidung des Senats gegen die Ablegung des Greifswalder Universitäts-Namens befasst sich die Historische Kommission auf einer Konferenz aus Anlass des 150. Todestages des Patrons mit dessen „Anstößen und Wirkungen“. Die Konferenz beginnt am 28. Mai um 14 Uhr mit einem Vortrag des Berliner Privatdozenten Olaf Bader über „Gedeutete Helden. Zum Problem historischer Personen als Erinnerungsorte“. Die Konferenz wird am 29. Mai um 9 Uhr fortgesetzt. Professor Reinhard Bach und Doktor Irmfried Garbe sind von der Uni dabei.“

Wer diskutiert dort also über Arndt? Wir wollen hier noch einmal eine Grafik in Erinnerung rufen:

Von allen Wissenschaftlern, die sich öffentlich geäußert hatten, sprachen sich 2009/2010  fünf Vertreter mit sehr zweifelhaften Argumenten für Ernst Moritz Arndt aus. 19 jedoch empfahlen der Uni die Ablegung des rassistischen Namenpatrons.

Das nun die Ewig-Gestrigen (Garbe, Bach, Staats) auch auf dieser Konferenz ihre alten Thesen vertreten werden,  ist kaum überraschend.

Peinlich ist jedoch, dass genau diese Arndt-Befürworter (laut OZ-Artikel) von der Universität auch noch offiziell „geschickt“ wurden! Dies zeigt erneut: Das Rektorat ist nicht bereit, Konsequenzen aus der Debatte des letzten Jahres zu ziehen. Sie bleibt bei der alten Politik des Schweigens und Verharmlosens. Arndts Rassismus und Antisemitismus – für das Rektorat der Uni kein Thema.

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Reclam-Chef: „Eine Uni ohne Arndt finde ich wünschenswert“

Der Germanist und Geschäftsführer des Reclam Verlags, Dr. Frank R. Max, zum Namen der Uniersität Greifwald:

„Eine Uni ohne Arndt finde ich durchaus wünschenswert. In unserem Programm hat er in erster Linie nichts verloren, weil er kein guter Lyriker, geschweige denn ein großer Dichter ist. Auch unter den guten Autoren gibt es gerade zu dieser nationalistisch etwas erregten Zeit bekanntlich leider diverse Antisemiten. Aber prinzipiell ist so ein offensiver Antisemitismus der Arndtschen Art schon ein hinreichender Grund, den Autor nicht im Programm zu haben. Außerdem kräht aber, muß man einfach sagen, auch in der heutigen universitären Literaturwissenschaft, geschweige denn an der Schule, geschweige denn in der lesenden Öffentlichkeit, natürlich kein Hahn mehr nach EMA. Und diese freiheitskriegerischen Franzosenfresser („Der Gott, der Eisen wachsen ließ.“) waren ja damals nicht selten, sind aber alle der Vergessenheit anheim gefallen. Als Nr. 4 von der 1867 gegründeten Reclamschen Universal-Bibliothek kam tatsächlich noch Körners „Leyer und Schwerdt“ – nach Faust I und II und Nathan und vor Shakespeare – muß man sich mal vorstellen.“

Damit haben sich nun 20 Wissenschaftler für eine Umbenennung der Universität Greifswald ausgesprochen. Viele weitere Stimmen gibt es hier.

Foto: Danke für die Freigabe an Ferdinando Iannone. (Kein CC!)

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Ließ sich Hitler von Arndt inspirieren?

Ein Leser unseres Blogs wies uns vor kurzem darauf hin, dass wir einmal in T. W. Ryback Werk „Hitlers Bücher“ schauen sollen. Demnach ist Hitlers ältestes noch vorhandenes Militärbuch von Ernst Moritz Arndt.

Und dies ein „111 Seiten langer Aufruf zum militanten Nationalismus aus dem Jahr 1815 mit dem Titel ‚Katechismus für den deutschen Krieg- und Wehrmann‘, worin gelehrt wird, wie ein christlicher Wehrmann seyn und mit Gott in den Streit gehen soll“. Pikant: Hitlers Ausgabe soll laut Ryback eine persönlichen Widmung von Arndts Urenkelin beinhalten (vergleiche  T. W. Ryback, Hitlers Bücher, S. 234).

Laut dem Historiker und Autor Ron Rosenbaum gewähre „Hitlers Bücher“ einen Einblick in das Denken Hitlers, seine Besessenheiten und seine Entwicklung. Unser Leser glaubt, dass diese Tatsache auch ein neues Licht auf die Namensverleihung 1933 der Universität Greifswald werfe. Leider konnten wir selbst noch keinen Blick in das Buch werfen, freuen uns aber über Eure Einschätzung.

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Antrag: Zurück zum traditionellen Namen „Universität Greifswald“

Am 17. März 2010 stellte Thomas Schattschneider, Vorsitzender der Arndt-Kommission des Senats zusammen mit dem dem Professor für Ideengeschichte Hubertus Buchstein und dem studentischen Senator Fabian Schattschneider den Antrag auf die Umbenennung der Universität.

Heute durften wir erneut in der Ostsee-Zeitung lesen, dass es „kein Handlungsdruck“ bezüglich Arndt gäbe. Das sehen wir – und immerhin 14 Mitglieder des Senats – durchaus anders. Dies dokumentiert auch der Redetext, den wir hier veröffentlichen dürfen. An dieser Stelle einen großen Dank an Thomas Schattschneider für seine Unterstützung.

Sehr geehrte Senatsmitglieder!

Da Herr Professor Buchstein zur heutigen Senatssitzung verhindert ist, möchte ich den vorliegenden Antrag begründen.

Eine der weitreichendsten Entscheidungen eines Universitätssenats ist die Beschlussfassung über den Namen der Hochschule. Hiervon machte der Greifswalder Senat zunächst 1933 und dann 1954 Gebrauch und verlieh der Universität Greifswald die Namensparonage Ernst Moritz Arndt. Ein Namenspatron soll gemeinhin eine Tradition stiften, Identifikation schaffen, regional und überregional wirken und nicht zuletzt ein Bekenntnis zu Werten sein, die der Namenspatron verkörpert. Damit ein Namenspatron diese Funktionen ausfüllen kann, ist ein steter Konsens über den gewählten Namen unerlässlich. Ernst Moritz Arndt ist jedoch nicht unumstritten und ein universitärer Konsens ist auch nicht in Sicht. In den letzten 20 Jahren haben verschiedene Personen und Personenkreise Kritik sowohl an dem Namenspatron als auch der Namensvrleihung artikuliert. Dabei wurde immer wieder deutlich, dass Arndt nicht integriert, sondern polarisiert.

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Die selektive Wahrnehmung / Hetze der OZ

Wie der Fleischervorstadt-Blog feststellte, ist die Frage, wie die Greifswalder Öffentlichkeit – insbesondere ihre Lokalzeitung – mit dem Problem „Ernst Moritz Arndt“ umgeht inzwischen viel spannender, als die eigentliche Debatte über Arndt, die so (bewußt oder unbewußt) verdrängt wird. Ein neues Paradebeispiel lieferten die OZ mit der verzehrten Veröffentlichungen der Kommentare der Professoren Klüter und Baumgartner:

Schritt 1 – Selektion:

Das Statement von Prof. Baumgartner suchte nach einem harmonischen Weg, wie die Uni  nun mit der Krise an der Universität umgehen könnten. Für die OZ offenbar zu harmonisch und daher bis heute nicht mal erwähnt. Stattdessen wird nur die berechtigte, aber deutlich schärfere Kritik von Prof. Klüter abgedruckt.

Schritt 2 – Verkürzung & Polarisierung:

Aus Klüters Statement (23 Sätze) nimmt die OZ nur die drei schärfsten (Teil-)Sätze  heraus. Von 4093 Zeichen bleiben nur 537 übrig, die Zeitung verkürzt so das Statement um ~ 87 %.

Schritt 3 – negativer Kontext:

Das Statement lag der Ostsee-Zeitung bereits seit über zehn Tagen als Leserbrief bzw. Statement vor. Die OZ veröffentlichte das Statement jedoch nicht. Also taten wir das auf unserer Seite. Erst als Axel Hochschild (CDU) eine Pressemitteilung auf MV-Regio gegen Klüter veröffentlichte, erschienen eben die stark verkürzten Zitate aus Klüters Statement in der OZ – nun natürlich eingebettet in scharfer Kritik von Hochschild.

Im Artikel behauptet die Lokalzeitung, dass das Statement auf der „Seite der Initiative“ veröffentlicht wurde. Das ist zwar richtig, verschweigt aber, dass das Schreiben ursprünglich an die OZ ging. Stattdessen könnte der Hinweis der Veröffentlichung auf unsere Seite auch gewisse Ressentiments beim Leser wecken – alá „Ach aus der Ecke…!“ Auch die Internetadresse unserer Seite veröffentlichte die Ostsee-Zeitung – wie üblich – nicht. Im schlimmsten Fall könnten die Leser ja den Text von Prof. Klüter im Original und in Gänze lesen!

Schritt 4 – verzerrende, reißerische Überschrift:

Mit der Überschrift „Arndt-Debatte: Klüter vergleicht Entscheidung mit Nazi-Beschluss“ hat die OZ die scharfe Kritik von Prof. Klüter absurd übertrieben. Faktisch hat Prof. Klüter die Entscheidung des Senats nicht mit dem Nazi-Beschluss verglichen. Dies ist schlicht falsch. (Orginaltext hier lesen!) Klüter selbst hat sein Statement bei der OZ mit der Überschrift „Der rechte Ungeist“ eingereicht.
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Schritt 5 – Verweigerung einer Richtigstellung:
Sofort forderte Prof. Klüter die OZ schriftlich auf, die Behauptung richtig zu stellen. Einer Richtigstellung kam die OZ – wie auch schon bei Prof. Buchholz – nicht nach. Stattdessen veröffentlichte sie nach guter alter Tradition keine eigene Richtigstellung, sondern lies nur den Betroffenen erst zwei Tage später in Form eines Leserbriefes den Fehler der Redaktion berichtigen. Um es jedoch klar zu sagen: Das ist keine Berichtigung! Zudem wurde die „getarnte“ Richtigstellung mit den Worten eingeleitet „Prof. Klüter fühlt sich missverstanden„. Dass es eigentlich die OZ war, die mit ihrer Überschrift schlicht falsche Tatsachen behauptet hat, wird bewusst heruntergespielt.
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Schritt 6 – Verächtlichmachung über (teils gefälschte) Leserbriefe:

Am selben Tag mit der „versteckten“ Richtigstellung von Klüter werden zwei Leserbriefe von – wen wird es überraschen – empörten Greifswaldern veröffentlicht. Einer bezieht sich sogar expliziet auf den von der Ostsee-Zeitung erfundenen „unsäglichen Vergleich„. Auch die Reihenfolge der Leserbriefe ist interessant: Zunächst kommt die Kritik am eben angeblich von Klüter stammenden „unsäglichem Vergleich“, erst dann die Richtigstellung von Klüter. Wie hätte es gewirkt, wenn die Reihenfolge anders herum wäre? Hätte sich dann nicht auch der OZ Leser gefragt, ob sich die Kritik aus anderen Leserbrief nicht erledigt hat? Hmm – also lieber Klüter nach hinter. Das gleiche Spiel in der Überschrift der Leserbriefspalte. Zwar wird dort Klüters Richtigstellung aufgegriffen, allerdings nicht der Satz „Die Überschrift war falsch„, sondern der Satz “ Ich habe die Senatsentscheidung nicht mit einem Nazi-Beschluss verglichen“. Letzteres hört sich wie eine Art „Rückzug“ oder einem „späten Eingeständnis“ an, wie man es von Politikern gewohnt ist, wenn sie merken, dass ihre Position nicht halbar ist. „Ich habe… nicht…“ bezieht das Problem zudem auf Prof. Klüter, nicht auf die Ostsee-Zeitung. „Ich habe… nicht…“ suggeriert außerdem das hier Aussage gegen Aussage steht. Da die Ostsee-Zeitung ja weder eine Richtigstellung noch den Originaltext je veröffentlicht hat, ist es dem Leser auch nicht möglich objektiv nachzuvollziehen, wer Recht hat. War die Überschrift einfach nur frech, ist dies hier echte Verleumdung.
Die zwei Kritik-Leserbriefe sind übrigens sowohl länger als der Prof. Klüter zur Verfügung gestellter Leserbrief-Platz für die „versteckte“ Richtigstellung, aber auch länger als die drei zitierten Sätze von Prof. Klüters Ursprungsstatement. Klüters eigener Leserbrief, den der Professor zusammen mit der Bitte um Richtigstellung einreichte, wurde hingegen überhaupt nicht veröffentlicht. Ihr könnt ihn wieder nur bei uns lesen.
Spannend ist auch ein zweite Kritiker Leserbrief einer gewissen „Simone Paluske“. Den Familiennamen gibt es  nicht im Telefonbuch. Und damit meine ich nicht das Greifswalder Telefonbuch, sondern das gesamte deutsche Telefonbuch. Die Frau scheint also auch keine Verwandte zu haben. Sie hat übrigens auch keine Verwandte wenn man das „l“ und das „u“ umdreht – ein einfacher Schreibfehler scheint es also auch nicht zu sein. Noch spannender aber: Es findet sich kein einziger Treffer über sie im Internet. Es gibt also keine „Simone Paluske“ oder „Paulske“: Weder in Greifswald, noch in Chicago oder Haiti. Zumindest kann man festhalten, dass dies ihre global erste öffentliche Erwähnung in ihrem Leben ist. Schon komisch oder? Uns erinnert der Leserbrief dafür vom Schreibstil und Inhalt einen von uns heißt geliebten Hobby-Rentner und Arndt-Fan… Zumindest früher soll sich die Ostsee-Zeitung aber auch selbst ihre eigene Leserbriefe geschrieben haben. Frau Paluske: Wenn es Sie gibt: Melden Sie sich bitte bei uns. Wir nehmen dann dieses Statement gerne wieder offline: uniohnearndt [at] googlemail.com oder 0176 20336676 oder einfach in den Kommentaren. Jeglicher halbwegs glaubhafter Nachweis über Ihre Existenz wird akzeptiert!
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Unsere Fragen an die Ostsee-Zeitung:
  • Glauben Sie ernsthaft, dass sich noch EIN Arndt-Kritiker öffentlich äußert, wenn Sie eine derartitige Hetzkampagne führen?
  • Ist das der „richtige Umgang“ mit einer so schwierigen und heiklen Debatte?
  • Wann veröffentlichen Sie das Statement von Prof. Baumgartner?
  • Überprüfen Sie die Identität auffälliger Leserbriefen überhaupt?

Nach dem Klick lesen Sie die von der OZ nicht abgedruckte Antwort von Prof. Klüter auf die unsägliche Diffamierung durch CDU-Frontmann Axel Hochschild. Weiterlesen

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Was nun? – Kommentar von Prof. Baumgartner

Kommentar von Prof. Dr. em. Walter Baumgartner zur Entscheidung des Senats, Ernst Moritz Arndt weiter als Namenspatron zu führen

„Der Senat hat eine politische Entscheidung getroffen, kein wissenschaftliches Urteil ausgesprochen. Letzteres kann er auch gar nicht und kann er auch nicht gewollt haben (er hätte sich allerdings von wissenschaftlichen Expertisen leiten lassen können). Die Entscheidung mag man bedauern, man muss sie vorerst akzeptieren.

Eine andere Sache ist es, wie die Uni jetzt mit ihrem anerkanntermaßen problematischen Namen umgeht. Ein Konzept dafür, wie es die Befürworter des Namens in der Namenskommission fordern, liegt in weiter Ferne. Die rudimentäre Debatte im Senat hat sich weder auf die Pro- noch auf die Kontraargumente der Namenskommission bezogen. Dass in der Kommission und in der wissenschaftlichen Debatte pro und kontra argumentiert wurde, kann jedoch nicht heißen, dass ab sofort alles richtig ist, was immer man zu behaupten Lust hat. Arndt ist z.B. kein Demokrat gewesen, wie die Pressestelle kolportiert und die Zeitungen referieren. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft ist das Gegenteil richtig. Die Wissenschaftler unter den Arndt-Befürwortern haben denn auch nie etwas anderes behauptet, sie sprechen höchstens vorsichtig davon, Arndt sei „ein Demokrat im weitesten Sinne“ gewesen. Das heißt doch: Arndt könnte gewissermaßen gerade noch knapp als Demokrat durchgehen, wenn man nicht so genau hinguckt. Ganz analog liegt die Problematik bei Arndts Antisemitismus, Fremdenhass und völkischem Nationalismus und bei seinen mediokren Leistungen als Dichter und Historiker. Der Senat hat keine Lehrmeinung revidiert, er hat nur beschlossen, dass für ihn aus dem überwiegend Arndt-kritischen Bild der Forschung in der Germanistisk, der Romanistik, der Skandinavistik, der Geschichte, der politischen Ideengeschichte und der Geographie kein Handlungsbedarf in Bezug auf den Namen der Universität resultiert.

Wenn die Uni aber jetzt über ihren Namenspatron reden will, muss sie sehr genau das Positive, das ihre Motivation für den Namen ist, herausarbeiten. Und das muss – anders als die politische Geschmacksentscheidung, die getroffen wurde – wissenschaftlich belegbar und verantwortbar sein. Denn sonst hätten wir es mit einer Universität zu tun, die sich ganz offensichtlich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse schert. Paradoxerweise heißt das, dass man jetzt, nachdem sie für die (politische) Senatsentscheidung nicht maßgeblich waren, eben doch die hiesigen Arndt-Experten konsultieren muss. Zuallererst müsste der von verschiedenen Seiten zu Recht scharf kritisierte vernebelnde Text über Arndt auf der Uni-Homepage durch eine verantwortbare neue Fassung ersetzt werden. Dazu gibt es qua venia zuständige Historiker und Germanisten an Greifswalds Universität.“

Prof. Baumgartner war Mitglied der Namenskommission des Senats. Er hatte sich hier und hier ausführlich für die Ablegung des Namens eingesetzt.

Einem neuen Text über Arndt auf der Uni-Homepage forderte auch die Vollversammlung vom Dezember 2009. Der Beschluss wurde vom StuPa bestätigt.

Die Studierendenschaft fordert die Universität auf, die offizielle Arndt-Darstellung auf der Universitätshomepage zu entfernen und einen neuen schreiben zu lassen.
Die Studierendenschaft hält die Forderung der Vollversammlung vom Juni 2009, nach denen die Universität endlich über die „problematischen Aspekte“ Arndts informieren sollte, für nicht erfüllt. Diese Aspekte umfassen insbesondere Arndts Antisemitismus, Rassismus und völkischen Nationalismus. Sie sollten weder verschwiegen noch beschönigt werden. Die Studierendenschaft hält eine kritische Arndt-Darstellung für essentiell, um mit dem Namenspatron überhaupt verantwortungsvoll umzugehen zu können, und fordert die Hochschulleitung dazu auf, ausführlicher über die wesentlichen Aspekte des Wirkens und Werkes Ernst Moritz Arndts zu informieren.“

Auch die Initiative „Uni ohne Arndt“ fordert einen „aktiven“ Umgang mit Arndt. Als erstes sollte der Senat den Rektor mit der Neufassung des Arndt-Textes beauftragen. Der Text der Universität stellt Arndt noch immer verfälscht dar.

Foto: privat, nicht CC.

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