Was nun? – Kommentar von Prof. Baumgartner

Kommentar von Prof. Dr. em. Walter Baumgartner zur Entscheidung des Senats, Ernst Moritz Arndt weiter als Namenspatron zu führen

„Der Senat hat eine politische Entscheidung getroffen, kein wissenschaftliches Urteil ausgesprochen. Letzteres kann er auch gar nicht und kann er auch nicht gewollt haben (er hätte sich allerdings von wissenschaftlichen Expertisen leiten lassen können). Die Entscheidung mag man bedauern, man muss sie vorerst akzeptieren.

Eine andere Sache ist es, wie die Uni jetzt mit ihrem anerkanntermaßen problematischen Namen umgeht. Ein Konzept dafür, wie es die Befürworter des Namens in der Namenskommission fordern, liegt in weiter Ferne. Die rudimentäre Debatte im Senat hat sich weder auf die Pro- noch auf die Kontraargumente der Namenskommission bezogen. Dass in der Kommission und in der wissenschaftlichen Debatte pro und kontra argumentiert wurde, kann jedoch nicht heißen, dass ab sofort alles richtig ist, was immer man zu behaupten Lust hat. Arndt ist z.B. kein Demokrat gewesen, wie die Pressestelle kolportiert und die Zeitungen referieren. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft ist das Gegenteil richtig. Die Wissenschaftler unter den Arndt-Befürwortern haben denn auch nie etwas anderes behauptet, sie sprechen höchstens vorsichtig davon, Arndt sei „ein Demokrat im weitesten Sinne“ gewesen. Das heißt doch: Arndt könnte gewissermaßen gerade noch knapp als Demokrat durchgehen, wenn man nicht so genau hinguckt. Ganz analog liegt die Problematik bei Arndts Antisemitismus, Fremdenhass und völkischem Nationalismus und bei seinen mediokren Leistungen als Dichter und Historiker. Der Senat hat keine Lehrmeinung revidiert, er hat nur beschlossen, dass für ihn aus dem überwiegend Arndt-kritischen Bild der Forschung in der Germanistisk, der Romanistik, der Skandinavistik, der Geschichte, der politischen Ideengeschichte und der Geographie kein Handlungsbedarf in Bezug auf den Namen der Universität resultiert.

Wenn die Uni aber jetzt über ihren Namenspatron reden will, muss sie sehr genau das Positive, das ihre Motivation für den Namen ist, herausarbeiten. Und das muss – anders als die politische Geschmacksentscheidung, die getroffen wurde – wissenschaftlich belegbar und verantwortbar sein. Denn sonst hätten wir es mit einer Universität zu tun, die sich ganz offensichtlich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse schert. Paradoxerweise heißt das, dass man jetzt, nachdem sie für die (politische) Senatsentscheidung nicht maßgeblich waren, eben doch die hiesigen Arndt-Experten konsultieren muss. Zuallererst müsste der von verschiedenen Seiten zu Recht scharf kritisierte vernebelnde Text über Arndt auf der Uni-Homepage durch eine verantwortbare neue Fassung ersetzt werden. Dazu gibt es qua venia zuständige Historiker und Germanisten an Greifswalds Universität.“

Prof. Baumgartner war Mitglied der Namenskommission des Senats. Er hatte sich hier und hier ausführlich für die Ablegung des Namens eingesetzt.

Einem neuen Text über Arndt auf der Uni-Homepage forderte auch die Vollversammlung vom Dezember 2009. Der Beschluss wurde vom StuPa bestätigt.

Die Studierendenschaft fordert die Universität auf, die offizielle Arndt-Darstellung auf der Universitätshomepage zu entfernen und einen neuen schreiben zu lassen.
Die Studierendenschaft hält die Forderung der Vollversammlung vom Juni 2009, nach denen die Universität endlich über die „problematischen Aspekte“ Arndts informieren sollte, für nicht erfüllt. Diese Aspekte umfassen insbesondere Arndts Antisemitismus, Rassismus und völkischen Nationalismus. Sie sollten weder verschwiegen noch beschönigt werden. Die Studierendenschaft hält eine kritische Arndt-Darstellung für essentiell, um mit dem Namenspatron überhaupt verantwortungsvoll umzugehen zu können, und fordert die Hochschulleitung dazu auf, ausführlicher über die wesentlichen Aspekte des Wirkens und Werkes Ernst Moritz Arndts zu informieren.“

Auch die Initiative „Uni ohne Arndt“ fordert einen „aktiven“ Umgang mit Arndt. Als erstes sollte der Senat den Rektor mit der Neufassung des Arndt-Textes beauftragen. Der Text der Universität stellt Arndt noch immer verfälscht dar.

Foto: privat, nicht CC.

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11 Antworten auf “Was nun? – Kommentar von Prof. Baumgartner

  1. Marco_Wagner

    Das ist doch mal ein schöner Kommentar!

    So wie es jetzt ist, also mit dem Unitext und einfach nur: wir entscheiden uns für die Beibehaltung, reicht nicht aus.
    Letztlich hat die Namenskommission ja pro und Contraargumente heraus gearbeitet. Da der Senat nun entschieden hat, den Namen zu behalten, ist sie in der Pflicht, zu begründen, warum die Uni den Namen trägt.
    Wenn jemand fragt, warum die Uni den Namen EMAU trägt, kann man auf Basis des Unitextes zur Zeit nur sagen, weil der Stahlhelm 1933 den Uninamen vorgeschlagen und Göring die Umbenennung genehmigt hat.

    Denn ansonsten steht im Unitext nur, dass sich Arndt von Herder, Fichte, Kant usw. hat beeinflussen lassen, dass Klemperer und Co Arndt rezipiert haben und das viele Aussagen Arndts "restlos der Vergangenheit" angehören. Das ist beim besten Willen kein Grund, dass die Uni heute noch den Namen trägt.

  2. Marco_Wagner

    Und als Begründung nur den Stahlehm anführen zu können ist mehr als fatal. Auch zu sagen, wir behalten deshalb den Namen um gegen Zeitgeisthörigkeit zu demonstrieren, ist zweifelhaft, da die Umbenennungskampagne von antifaschistischen Zeitgeist geleitet wurde.

    Was spricht gegen einen Text auf der Uniseite, dass die Uni deshalb den Namen trägt, weil Arndt sich für die Abschaffung der Leibeigenschaft, die nationale Einheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Parlamentarismus (bzw. mehr Partizipation für das Volk) eingesetzt und seine Schriften maßgeblich das Denken von 48er Revolutionären und Ur-Sozialdemokraten wie Blum, Mehring oder Liebknecht beeinflusst hat?
    Und was spricht dagegen, dass auf dem Unitext andererseits angesprochen wird, dass Arndts Antisemitismus/ Judenfeindlichkeit und Arndts Rassismus/Fremdenfeindlichkeit nun mal Konterrevulutionäre bzw. Reaktionäre magisch angezogen hat?

      1. Marco_Wagner

        Ich hab mich mal mit Thorben kurz darüber unterhalten. Er meinte, dass wir erst einmal abwarten sollten, ob die Uni nicht selbst einen neuen Text erstellt. Genau innerhalb der gesamten AG haben wir uns bisher noch nicht darüber unterhalten.

        Ich denke auch, dass wir erst einmal bis spätestens Mitte des Semesters warten sollten, ob die Uni nicht selbst ihren Text überarbeitet (wäre ja die logische Konsequenz). Danach könnten wir einen entwerfen. Da hätte ich nichts dagegen einzuwenden.
        Material haben wir ja haufenweise zur Verfügung. Zum einem unsere eigenen Ausarbeitungen, zum anderen die Ausführungen der Wissenschaftler.
        So lange der Streit um den Namen noch nicht entschieden war, war der doch äußerst neutrale, aber dadurch wieder nur an der Oberfläche kratzende Unitext sinnvoll, da man ja noch nicht wusste, wie es weiter geht.

        1. Manfred Peters

          Glaubst Du wirklich, dass S.J. bereit ist auf gleicher Augenhöhe mit Euch zu beraten?
          Fast gleichzeitig mit seinem Angebot oben, hat er diesen Kommentar in den Fleischervorstadt-Blog geschrieben!:
          "Sebastian J. says:
          March 27, 2010 at 2:02 pm
          Der Drops ist noch lange nicht gelutscht. Solange die Uni nach einem Rassisten und Antisemiten benannt ist, wird es (hoffentlich) immer Studenten und Professoren geben, die dagegen mobil machen.
          Es ist ja gerade absurd, dass diejenigen, die für das “Ende” der Debatte sind, diejenigen sind, die Arndt befürwortern.[sic!] Wer ein Ende der Debatte will, sollte für die Ablegung des Namens sein.
          Da man aber rivisionistisch [sic!] ist und an seinem ganz persönlichen Arndt-Bild festhalten will werden einfach die Arndt-Kritiker einem nach dem anderen verhöhnt, verspottet …
          Ein Skandal!
          Arndt Schriften gehören versteckt, nur der Name – den möchte man doch bitte erhalten…
          naja – ich bin gespannt wie es weiter geht! Eins ist nur sicher: Die Debatte _wird_ weiter gehen. Wenn sie sich wohl auch nicht mehr um die “Ablegung” des Namens drehen wird."

          1. ret_marut

            Wieso, daß die Debatte weitergehen wird, weil die Ursache des Konfliktes nicht behoben wurde, ist doch eine objektive Tatsache, das wird sicher auch ein Manfred Peters unterzeichnen, oder?

            Die Frage ist doch, wann die Diskussion wieder aufflammen wird, wer da die Protagonist_innen sein werden und auf welchem Niveau die Debatte dann geführt wird. Zum Wann kann ich ihnen nichts sagen, aber die Protagonist_innen werden sicher nicht diejenigen sein, die heute die Initiative Uni ohne Arndt bzw. Pro-Arndt AG bilden, wahrscheinlich aber einige der bisher beteiligten Profs, … vielleicht ja auch ein Manfred Peters??
            Ich hoffe jedenfalls, daß die Höhe des Diskussionsniveaus, die wir in die Debatte gebracht haben, beibehalten wird und nicht wieder in die tumbe und eher sinnfreie Polemik zurückgeschritten wird.

            Die Uni hat mit Arndt weiterhin eine Leiche im Keller, deren völkisch-nationalistischer Mief immer mal wieder hochkommt.

          2. Manfred Peters

            Wieder einmal das Thema wesentlich verfehlt:
            Es ging darum ohne Vorbedingungen, auf mindestens gleicher Augenhöhe, das Thema weiter zu behandeln. Das wäre ja noch ein Entgegenkommen, denn die Pro-Arndt-Seite hat im demokratischen Abstimmungsprozess mehrfach gewonnen.
            Wenn man Eure Diskussion zur "Hetze der OZ" oben mit dem "Hobby-Denunzianten" an der Spitze verfolgt, kann einem schon Bange werden.

  3. Marco_Wagner

    Und was spräche dann dagegen, abschließend in einem solchen Unitext zu resümieren, dass sie sich mit der Namensbeibehaltung in der Tradition der progressiven Gedanken Arndts setzt, sich von dem Antisemitismus/ Rassismus distanziert?

    Bleibt zu hoffen, dass sich die ehemaligen Mitglieder der Senatskommission dafür einsetzen, dass ein neuer Unitext kommt.

    Eigentlich waren sich doch alle darin einig, dass es so, wie es bisher lief, nicht mehr weiter gehen kann, in Bezug auf den Namenspatron. Oder habe ich mich da vielleicht getäuscht?

  4. AufgeklärterDemokrat

    Sehr gut Marco!
    Ich stimme dir voll zu. Und endlich sind beide Parteien vereint. Ich dachte schon hier tobt ein Krieg (so wie damals zu Arndts Zeiten). Die Debatte hat mir schon zuviel Bauchschmerzen gemacht. Arndt hat sehr negative Seiten aber halt auch sehr positive Seiten.

    Vielleicht sollte die Uni sich zusätzlich ganz allgemein von Fremdenfeindlichkeit distanzieren.

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