Jurist: Auch ich war lange „für“ Arndt…

Jan Fluschnik hat in unser Gästebuch geschrieben und zwar einen ganzen Aufsatz. Darin begründet der Jurist,  der zurzeit Mitarbeiter und Doktorand an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät ist, warum er zunächst „für“ Arndt war und nun – nach intensiver Beschäftigung mit der historischen Person – „gegen Arndt“ ist. [Wenn diese Anmerkung der Redaktion noch erlaubt ist: Uns ist kein Fall bekannt, bei dem es bisher anders herum verlief].

​“Vorab: Ich gebe zu, ich war auch lange Zeit Arndt-Befürworter. Und warum? Weil ich den Kern der Diskussion falsch erkannt habe (wozu auch Uni ohne Arndt beigetragen hat, aber das ist hier kein Thema). Prof. Echternkamp bringt es auf den Punkt: Was bleibt von Arndt in unserer Zeit? Eine auszugsweise Lektüre des deutschtümelnden und germanozentrierten Werkes ,,Pro populo Germanico“, das noch zu den harmloseren Arndtschen Werken zählt, tat bei mir ein Übriges. Deshalb hier meine überarbeitete Abwägung:

  1. Sicher hatte Arndt Verdienste aufzuweisen: Abschaffung der Leibeigenschaft, Eintritt für Meinungs- und Pressefreiheit bis hin zum Berufsverbot, Militärkatechismus, Einsatz für eine frühdemokratische Verfassung… Aber das ist nicht entscheidend.
  2. Entscheidend ist, dass Arndt einen Großteil seines Schaffens als politischer Publizist darauf verwendet hat, den Deutschen jene gefährliche Mixtur aus Überlegenheitsgefühl, Zukurzgekommenseins, (militärische) Stärke demonstrieren, Misstrauen und Abschottung gegenüber anderen Völkern vermitteln wollte. Und darin, genau darin war er lange Zeit sehr erschreckend erfolgreich.

Für was wurde denn Arndt gefeiert im Kaiserreich, im Ersten Weltkrieg, im Dritten Reich, im Zweiten Weltkrieg? Doch nicht für die Verdienste unter 1., die wir heute gut finden. Nein, sondern genau für die Eigenschaften, die ich als 2. aufgeführt habe und die wir heute aus bitterer historischer Erfahrung ablehnen. Man muss sich nur die historischen Fakten anschauen, und man sieht, welche Nummer die Geschichte der jungen deutschen Nation in fataler Weise lange Zeit geprägt hat: Nicht Eintritt gegen Leibeigenschaft, für Meinungs- und Pressefreiheit oder für eine Militärethik.

Nein, sondern geprägt hat Nr. 2: Dieses Gedankengut legte den Grundstein für eine Reichseinheit, die aus einem Krieg und anschließender Demütigung des Arndtschen ,,Erbfeindes“ Frankreich entstand. Dieses Gedankengut legte den Grundstein für einen starken Kaiser, der für Deutschlands ,,Platz an der Sonne“ ohne Rücksichten eintrat. Es legte den Grundstein für deutschen ,,Nachholbedarf“ bei den Kolonien, bei denen man nicht mehr gegenüber anderen Mächten ,,benachteiligt“ werden wollte. Das Gedankengut legte den Grundstein für weitgehende internationale Isolation vor dem Ersten Weltkrieg aufgrund von Arroganz. Das Gedankengut legte den Grundstein für den Traum deutscher Hegemonie über Europa und den Ersten Weltkrieg gegen die anderen ,,bösen Völker“, die Deutschland seine neue Rolle angeblich ,,nicht gönnen“ wollten.

Es legte den Grundstein für das erneute Gefühl nach dem Ersten Weltkrieg, als große Nation gedemütigt und schon wieder ,,zu kurz gekommen“ zu sein. Und schließlich kamen die Nazis, die dieses Gedankengut noch ins Unendliche pervertierten. Das war alles nicht allein Arndts Schuld. Aber die begeisterte Aufnahme der berüchtigten Arndt-Werke zu den genannten Zeiten zeigt, dass die von Arndt propagierte Ideologie das brauchbare Fundament für diese fatale Entwicklung lieferte. Und dann kann man noch so sehr vom ,,Krieg aus Notwehr“ schwafeln – ist solch ein Gefühl verankert, wie Arndt es erfolgreich schaffte, dann findet sich der ,,Notwehrgrund“ ohne Probleme. Schließlich waren beide Weltkriege reine ,,Selbstverteidigungskriege, um das ,,ungerecht behandelte deutsche Volk zu erlösen“. All das war Arndts übersteigerter ,,Wirkungserfolg“ und nicht die Verdienste unter 1. Und genau deshalb ist Arndt in der Bundesrepublik (wie schon im Ansatz in der Weimarer Republik) ziemlich in der Mottenkiste verschwunden. Weil es noch präsent war, was Arndts Ideologie so erfolgreich anrichtete.

Aufgrund der echten Verdienste unter 1. mag man Arndt einen regionalen Straßennamen oder einen Platz auf dem Rubenowdenkmal zubilligen. Aber keinesfalls den Platz eines Namenspatrons einer Hochschule, die sich ,,Universitas“ nennt. Zu dieser besonderen Ehrung passt die von Arndt unter 2. betriebene lebenslange belanglose germanozentrierte Weltsicht nicht, die die Leute über Generationen wie oben gezeigt beeinflusste.

Aber kommt man da nicht wieder raus, indem man sich von Teilen des Arndt-Werkes distanziert? Wieder nein! Wie soll das aussehen? Ein Namenspatron, von dessen – umfangreichen – Werkteilen mit der größten Wirkungskraft man sich distanzieren muss? Einen verzweifelten, fast schon grotesken Versuch in diese Richtung findet sich auf der Uni-Homepage. Dort werden zunächst alle Verdienste und Nicht-Verdienste zusammengewürfelt und zum Schluss heißt es zum ganzen Absatz ganz allgemein: ,,Diese Vorstellungen gehören restlos der Vergangenheit an, andere hatten ihre Zeit, manche sind aktuell, wie das kulturprägende Gedankengut von Romantik und Aufklärung überhaupt.“ Grammatikalisch ein echter Fauxpas. Was bedeutet denn das? Es liest sich so: Arndts zuvor zusammengefasstes Gesamtwerk hält man zum größten Teil für veraltet, ohne präzise zu werden. Einen Teil seines Werks, wiederum ohne Konkretisierung hält man für aktuell, wobei auffallend allgemein Romantik und Aufklärung ohne direkten Arndt-Bezug gelobt werden. Da bleibt von einem ,,Wertekanon“ Ernst Moritz Arndts als Namenspatron irgendwie nichts übrig…

Daher nochmal zum Entscheidenen, die Arndt-Gegner in der Uni-Kommission zitiert:

„Wegen der judenfeindlichen, antifranzösischen und generell xenophoben Parolen, die Arndt mit über 100-jähriger Wirkung verbreitet hat, löst er heute Irritationen aus. Arndts aggressive Parolen waren und sind dazu prädestiniert, aus dem Zusammenhang gelöst in Umlauf gebracht zu werden. Seine historischen Verdienste um die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Vertreibung von Napoleons Truppen spielen in der Wirkungsgeschichte eine geringfügige Rolle. Im Kontext neuerer Wissenschaftsparadigmen (Colonial Studies, Gender Studies, Interkulturelle Kommunikation, etc.) und aktueller politischer Probleme gilt Arndt als Paradebeispiel für den exkludierenden Nationsbegriff, der sich in der Abwertung des Anderen konstituiert und fundamentalistische Tendenzen begünstigt.“

Jemand, dessen Äußerungen Vorlagen für feindselige Propaganda für zwei Weltkriege lieferte, ist für mich als Namenspatron trotz aller Verdienste fehl am Platz. Von ,,Universitas“ ist bei einem Hauptwerk, das den Deutschen ein Überlegenheits- und Übervorteilungsgefühl gegenüber anderen Völkern einimpfen sollte und darin erfolgreich war, keine Rede. Und eine ,,Universität Greifswald“ verkörpert in ihrem Namen mehr regionalen Bezug zur Stadt als jeder Ernst Moritz Arndt: Kurz und knackig.“

Uni ohne Arndt dankt für die Stellunganahme und die Erlaubnis sie auch hier in den News veröffentlichen zu dürfen. Auch ihr könnt Eure Position (auch kürzer) in unserem Gästebuch veröffentlichen!

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2 Antworten auf “Jurist: Auch ich war lange „für“ Arndt…

  1. Jan Fluschnik

    ​Nun sind die Würfel also zugunsten von Patron Arndt gefallen, wofür es gute Argumente geben mag und was ich als guter Demokrat akzeptieren kann.

    Die Uni sollte jetzt die guten Ergebnisse der ganzen Diskussion nutzen und sich zu Arndt differenziert positionieren. Der Text auf der Uni-Homepage Marke Eiertanz zwischen Zustimmung und Distanzierung genügt dem nicht und wirkt, als ob man nicht so richtig weiß, was man mit Arndt eigentlich anfangen soll (siehe dazu oben in meinem Beitrag). So ein Text hat aber Imagewirkung und sollte daher das zeigen, was die Diskussion gebracht hat:

    In die Arndtsche Tradition des Einstehens für Meinungs- und Pressefreiheit bis hin zum Berufsverbot, für eine Verfassung mit Bürgerrechten, für deutsche Einheit, für Militärethik und gegen Leibeigenschaft kann man sich stellen. In die Arndtsche Tradition von arrogantem Nationalismus bis hin zur Fremden- und Judenfeindlichkeit dagegen nicht.

    Was spricht gegen eine solch klare offizielle Positionierung der Uni zu den Traditionen Arndts? Eben. Nichts.

  2. Jan Fluschnik

    13.01.2013

    Im Rückblick von bald 3 Jahren die Universität (bisher) die Chance liegen gelassen, aus ihrer Entscheidung zur Beibehaltung des Namens Ernst Moritz Arndts eine kluge zu machen.

    Nach erneuter, vertiefter Lektüre des oben genannten Werkes ,,Pro populo Germanico" muss ich zugeben, dass das Werk deutlich mehr klügere, differenziertere und fortschrittlichere Elemente enthält, als ich damals bemerkt habe.

    Ich bleibe aber dabei, dass Arndt zwei Gesichter trägt, die beispielhaft für die neuere deutsche Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert stehen. Einerseits das Eintreten für Einigkeit Deutschlands, Recht, Gerechtigkeit und Freiheit. Andererseits deutsches Überlegenheitsgefühl, rassistische Tendenzen, Abgrenzung gegenüber anderen Völkern. Die Tragik deutscher Geschichte liegt nun darin, dass die Generationen zwischen 1870 und 1945 aus Arndts Werken ausgerechnet und überwiegend das ,,andererseits" weiterverfolgten. Sie leiteten aus Arndts Werken deutschen Größenwahn, Judenfeindlichkeit und Hass auf Fremdes ab und ignorierten Arndts Rufe nach gesundem Selbstvertrauen, Freiheit, Recht und Gerechtigkeit. Dadurch wurden Deutschland und Europa zwischen 1914-1918 und 1933-1945 fast vernichtet. Aber genau das haben eben vorwiegend andere Generationen zu verantworten als Ernst Moritz Arndt. Daher irrte auch ich oben, indem ich die Ideen Arndts zu sehr mit seiner Rezeption zwischen 1870 und 1945 gleichsetzte.

    Was sind nun die Chancen der heutigen Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald? Ganz einfach: Sie muss endlich aufzeigen, wie eng Fortschritt und Verderben in der deutschen Geschichte nebeneinander lagen (und vielleicht noch immer liegen). Diese Widersprüche zeigen sich besonders nah beieinander im Leben und Werk Arndts. Ich bleibe daher dabei: Gerade weil die Universität Greifswald Ernst-Moritz-Arndt weiter im Namen führt, hat sie eine besondere Verpflichtung, sich in Lehre und Forschung vertiefter mit Arndts Werken auseinanderzusetzen: Um ganz klar zu zeigen, welche Ideen Arndts schon damals in eine bessere Zukunt wiesen – und welche hingegen zu Tod, Krieg und Verderben führ(t)en.

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