Arndt Ausgaben in der DDR verfälscht

Woher stammt in Greifswald das extrem positive Arndt-Bild? Stören sich die Menschen hier nicht an Arndts Rassismus und Antisemitismus? Dass die Greifswalder rechtsextremer sind als anderswo, halten wir für unwahrscheinlich. Dass jedoch in der DDR Geschichtsforschung (und entsprechend an den DDR-Schulen) ein falsches Arndt-Bild vermittelt wurde, diese Einsicht erhärtet sich.

Prof. Klüter hat in seinem Aufsatz, den wir bereits gestern veröffentlichten, herausgestellt, wie stark Arndts Werke in der DDR manipuliert wurden:

„Jenes Erfolgswerk erschien in der ehemaligen DDR im Greifenverlag (Rudolstadt) in einer Neuausgabe (Arndt 1953). Sie ist vielleicht die einzige, die nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt und somit auch heute leicht lesbar ist. Vergleicht man sie allerdings mit älteren Ausgaben, beeindruckt sie durch ihre Kürze. Den 264 Seiten von 1953 stehen 378 in der Auflage der Weidmannschen Buchhandlung von 1842 und 354 in einer etwas kleiner gedruckten Ausgabe Des Georg Müller Verlags von 1913 gegenüber. In der Ausgabe von 1953 fehlen 60 Seiten, auf denen Arndt seine Vorstellungen zur Agrarverfassung darlegt und begründet. Am Schluss fehlen weitere 20 Seiten, in denen Arndt seine Version der Zukunft Deutschlands und Europas zeichnet. Die übrigen Kürzungen betreffen einzelne Sätze, die in der damaligen DDR-Wirklichkeit ebenfalls fehl am Platze schienen, z. B. über unabdingbare Königstreue und ähnliches. Übrig bleibt in der Fassung von 1953 ein geglätteter, über weite Strecken entschärfter, sympathischer Lesebuch-Arndt. Dieses Arndt-Bild wurde auch in der Sekundärliteratur (z. B. Schildhauer et al. 1969) gepflegt und hat möglicherweise dazu beigetragen, dass Arndt in Greifswald so viele Fürsprecher gefunden hat.

In den „Wortmeldungen zu Ernst Moritz Arndt“ [eine Veröffentlichung unser geschätzten Arndt-Bewahrer] wird auf jene eklatanten Differenzen zwischen Neu- und Originalausgaben nicht eingegangen, und auch die Arndt-Gesellschaft verschweigt sie. Es ist das Verdienst der University of Michigan, dass eine Facsimile-Vollversion der „Erinnerungen“ von 1842 im Internet zu finden ist.“

Und was hat die DDR da weggekürzt? Schauen wir doch einmal in die „gekürzten“ Seiten hinein:

„Darin begründet Arndt politische Imperative über Krieg und Frieden mit geographischen Lagebeziehungen. Diese Geopolitik wird genutzt, um die eigene Aggressivität als naturgegeben aus den räumlichen Verhältnissen abzuleiten. Mit Hilfe nationaler Stereotypen werden Angst und Verachtung anderen Staaten gegenübererzeugt. Damit wird in der Bevölkerung latente Aggressivität aufgebaut. Arndt hatte schon früh damit begonnen, solche Stereotypen zu formulieren. Im Spätwerk werden sie weiter verfeinert und suggestiv wiederholt. Der Aufbau nationaler Stereotypen, die nach und nach verfeinert und im Spätwerk Arndts suggestiv wiederholt. Die unterschiedlichen räumlichen Kategorien „Heimat“ und „Administrativraum“ vermischt Arndt zu einer quasi-religiösen Vorstellung von „Vaterland“. Anstelle des feudalen Landesherrn und der ihm zu erbringenden Gefolgschaft tritt nun „Vaterland“ als Motivationsrahmenfür den straffreien Totschlag im Kriege. Dieses „Vaterland“ wird dabei als Sprachraumdefiniert, wobei die existierenden politisch-territorialen Grenzen in Fragegestellt werden. Arndts politische Ziele sind eindeutig: er strebte einen großendeutschen Staat unter Einbeziehung der Benelux-Staaten und anderer Territorien an – auch unter dem Risiko eines große europäischen Krieges, den der ältere Arndt als unvermeidlich ansah.“

In Gänze hier nachlesbar. Das diese manipulative Sicht auf Arndt in der Region Vorpommern, die mit Arndt historisch verbunden war, ebenfalls verbreitet wurde, ist wahrscheinlich. Wir können jedoch die neuen Erkenntnisse und die Originale nicht länger leugnen und müssen uns Arndts völkischer Vergangenheit und seine Rezeption durch die Nazis damals und heute offen stellen. Wegschauen und das was nicht gefällt einfach aus den Bücher zu kürzen, darf nicht länger die Maxime der Universität Greifswald sein.

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5 Antworten auf “Arndt Ausgaben in der DDR verfälscht

  1. Marco_Wagner

    "Und was hat die DDR da weggekürzt? Schauen wir doch einmal in die “gekürzten” Seiten hinein:

    “Darin begründet Arndt politische Imperative über Krieg und Frieden…"

    Ich wusste gar nicht, dass Arndt von sich in der Dritten Person schrieb. 😉
    Ihr habt jedenfalls nicht in die gekürzten Seiten, sondern in die Interpretation Klüters hinein gesehen.
    Natürlich ist Klüter Wissenschaftler und folglich ist es eine "wissenschaftliche Erkenntnis". Allerdings sollte jede wissenschaftliche Erkenntnis auch hinterfragt werden (dürfen). Das macht natürlich mehr Arbeit. Und man hätte in die zwanzig gekürzten Seiten selbst hinein schauen müssen. Durch den einleitenden Satz "schauen wir mal in die 20 gekürzten Seiten hinein" und die Vorlegung der Interpretation Klüters im Folgenden postuliert ihr die Annahme des Geografieprofessors als die unumstößliche Wahrheit, der man angeblich nicht widersprechen könne.

  2. Marco_Wagner

    Wenn ihr also schreibt, "schauen wir mal in die gekürzten 20 Seiten hinein", dann muss dann logischerweise wenigstens auszugsweise aus den 20 Seiten zitiert werden und nicht Herr Professor Klüter.
    Und zum Thema Geschichtsfälschung: Von einem einzigen Buch aus dem Greifenverlag auf sämtliche Sekundärliteratur über Arndt schließen zu wollen, ist ziemlich oberflächlich.

  3. Manfred Peters

    DDR verfälscht, manipulative Sicht auf Arndt, DDR da weggekürzt …!?

    Schon mal etwas von "Negation der Negation" gehört?
    – ret_marut wird es Euch sicher gerne erklären!
    Hier nur soviel: "… objektiv wirkendes allgemeines Grundgesetz der materialistischen Dialektik, dem zufolge die Entwicklung als ständige Negation bestehender Qualitäten dergestalt vor sich geht, dass … die Entwicklung somit wesentliche Seiten der ursprünglichen Qualität auf höherer Ebene gleichsam wiederholt."*
    Oder auch hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Negation_der_Negatio

    Also bitte etwas vorsichtiger mit den Begriffen Verfälschung, Manipulation usw..
    Ansonsten schließe ich mich der Kritik von Marco Wagner an.

    *Philosophisches Wörterbuch, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1971

    1. Marco_Wagner

      In der Tat ist es so, dass Arndt in der DDR-Wissenschaftsliteratur deutlich "geglättet" erscheint und die Juden- und Fremdenfeindlichkeit entweder gar nicht erwähnt wird, oder aber als chauvinistisch bezeichnet wird.

      Andererseits ist es heute so, dass der eine oder andere eifrig darum bemüht ist, bestimmte positive Leistungen Arndts ins Gegenteil verkehren zu wollen und dies mit Hilfe ausgezeichnet ausgefeilter Rabulistik tut (wobei ich das nicht der UoA vorwerfen möchte). Oder dass einfach jene positiven Leistungen verschwiegen oder als bedeutungslos angesehen werden. Von einem objektiven Arndt-Bild ist man von dieser Seite also auch noch weit entfernt.

      Auch in der Bundesrepublik wird Arndt "verfälscht".
      Wobei es in der Geschichtsschreibung immer so ist, dass bestimmte Dinge, die ein Historiker nicht für besonders wichtig erachtet, weglässt und dadurch zwangsläufig die Geschichte bzw. einen Sachverhalt verfälscht.

  4. Marco_Wagner

    Ach und noch etwas: Diese eine Arndt-Buchausgabe ist beim besten Willen nicht repräsentativ für alle Arndt-Buchausgaben, die in der DDR erschienen sind.
    Ein Gang in die Fachbibliothek Germanistik reicht dabei vollkommen aus, um diese plakative Behauptung zu widerlegen. Am Ende des Kellerganges (in Richtung Rubenowstraße gegangen) stehen zwei Arndt-Ausgaben. Einmal gesammelte Märchen. Da wurde nichts weggekürzt (zugegeben: warum auch?). Bei den Gedichten wurde in diesem Band auch nichts gekürzt und die Schrift "Beherzigungen vor dem Wiener Kongress" u.a. sind auch nicht verfälscht, sondern vollständig (ich habe sowohl die Originalversion von "Beherzigungen…" als auch den Abdruck in der DDR Arndt-Ausgabe von 1962 gelesen).

    (Wobei es Sebastian Jabbusch bisher selten gelungen ist, einen Text vom Format eines, wie man in Großbrittannien sagen würde, Quality-Papers zu schreiben. Artikel im Stil der Yellow-Press sind da viel eher sein Spezialgebiet)

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