Prof. Dr. Helmut Klüter für Umbenennung

Die am kommenden Montag beginnende Urabstimmung zu Ernst Moritz Arndt erregt die Gemüter – sogar über den Kreis der Studierenden hinaus. Neben der Infozeitung zu Arndt, die von der StuPa-AG zum Uni-Namen herausgegeben wurde, publizierte der Greifswalder Kirchenhistoriker Dr. Irmfried Garbe ein Din-A4-Zeitung mit dem Titel „Drucksache Arndt – Wortmeldungen zu Ernst Moritz Arndt“, das mehrere Aufsätze enthält, die ausschließlich von Arndt-Bewahrern stammen.

Prof. Dr. Helmut Klüter, Lehrstuhlinhaber für Regionale Geographie, äußert sich in einem Gastbeitrag für den webMoritz zu dem Heft und fordert Professoren und Studenten auf sich von diesem Heft zu „distanzieren“. Seine Argumentation ist auf dem webMoritz in voller Länge nachlesbar. Wir wollen hier nur sein Fazit zitieren:

Fassen wir zusammen:

  1. Für eine moderne Universität ist es blamabel, wenn sie sich bei ihrer Namensgebung auf eine zweifelhafte Initiative des faschistischen „Stahlhelms“ von 1933 stützt. Die damalige Umbenennung ist aus heutiger Sicht inakzeptabel.
  2. Im Zeitalter des Internets kann man Arndts „Werk“ nicht länger geheim halten. Unsere internationalen Partner haben die Möglichkeit, zu erfahren, wer da als Namenspatron fungiert. Als einzelner Wissenschaftler hat man dann nur noch die Möglichkeit, sich von der Aktion 1933 zu distanzieren. Was ist ein Image wert, wenn man sich davon distanzieren muss?
  3. Bereits vor dem Zeithintergrund des frühen 19. Jahrhunderts und vor allem in Bezug auf damalige Angewandte Theologie erscheint Arndt hoffnungslos veraltet. Der Protestantismus hat das Glück, dass einige romantische Ideen dieser Zeit durch Grundtvig und andere Theologen für die heutige Kirche uminterpretiert und für die gesellschaftliche Praxis gerettet werden konnten. Das sollte aber keineswegs Arndt zugerechnet werden.
  4. Mit der religiös verbrämten Verquickung von „Vaterland“; „Muttersprachraum“ und -komplementär dazu – dem Hass auf andere Völker hat Arndt wesentliche Bausteine dafür geliefert, Aggression gegen andere Staaten auch in Friedenszeiten latent zu halten. Die kriegerischen Entladungen haben 1918 und 1945 haben zwei deutsche Administrationen in den Untergang geführt. Ist das noch nicht genug?
  5. Diejenigen, die dennoch für Arndt als Namenspatron plädieren, führen einen merkwürdigen Stellvertreterkrieg: Sie sezieren Arndt, seine Biographie und die entsprechenden Vergangenheiten. Daraus basteln sie ihre eigene, gegenwärtige, humpelnde, kriegsträchtige Tradition und ihre ebenso konservativ angeschrägte, schon von Motten zerfressene Identität. Genau diese möchten sie durch den Namen der Hochschule bestätigt sehen. Sie machen aus dem Universitätspatron ein Universitätsgespenst. Der Widergänger muss episodisch neu beschworen werden, denn „die Konstruktion von Vergangenheit und Deutung der Gegenwart muss immer wieder neu erfolgen…“ (Alvermann 2010, S. 30). Für derartige Geisterbeschwörungen sollte unsere Universität sich zu schade sein.

Prof. Dr. Helmut Klüter ist damit keineswegs der erste Wissenschaftler der sich für die Umbenennung ausspricht, sondern fast der zwanzigste. Die volle Auflistung findet ihr hier.

Text & Bild: via webMoritz.de

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4 Antworten auf “Prof. Dr. Helmut Klüter für Umbenennung

  1. Manfred Peters

    Eine Frage: Welchem Provinzialismus ist der Namenspatron Kaiser-Wilhelm II. der Universität Münster zuzuordnen?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Westf%C3%A4lische_Wi
    Bitte jetzt nicht die stereotype Antwort: Wir vertreten nur die Uni Greifswald, was um uns herum passiert, ist uns egal.
    Zitat Prof. Klüter:"2. Die „Wortmeldungen zu Ernst Moritz Arndt“ sind ein typisches Dokument des Greifswalder Provinzialismus. …" Da ist er also als Ergebnis wissenschaftlicher Analyse: "Greifswalder Provinzialismus". Es macht sich gut, wenn man aus dem Elfenbeinturm sein gesellschaftliches Umfeld öffentlich beschimpft ( neudeutsch "Vorpommern Bashing").
    Dass das zum Lehrauftrag eines "Lehrstuhlinhabers für Regionale Geographie" gehört, ist für mich eine neue Erkenntnis. Bisher schätzte ich Prof. Klüter ob seiner interessanten Beiträge zur Diskussion über die geplante Kreisgebietsreform.
    Übrigens: Eine Wortmeldung von Prof. Klüter zum Kaiser(Wilhelm II.-Gedächtnis)saal in der Stadthalle, dessen Einweihung gerade "Schwarze Begeisterungsstürme" in der Bürgerschaft und OZ hervorgerufen hat, ist mir wohl entgangen.

    1. Uni-ohne-Arndt Team Autor

      Ich hoffe Sie wollen Kaiser Wilhelm II. jetzt nicht mit Arndt gleichsetzen? Uns gruselt etwas bei solchen unhistorischen und völlig unnötigen Vergleichen. Beide Diskussionen sind getrennt zu führen und haben rein gar nichts miteinander zu tun.

      1. Manfred Peters

        Was hat denn Karl Marx und Wilhelm Pieck mit Arndt zu tun?
        Zitat Eure Homepage:
        "1990 …. Nach der Wende werden die Namen der Universitäten Leipzig (Karl Marx) und Rostock (Wilhelm Pieck) abgelegt. Eine Debatte in Greifswald gibt es – unseres Wissens – damals nicht."
        Ich glaube Ihr habt meinen Kommentar schon richtig verstanden, sonst würde es mich gruseln ob Eures Denkvermögens.
        Es gibt in den alten Bundesländern übrigens zumindest noch eine weiter Uni, die einen wirklichen praktizierenden Judenhasser und Judenverfolger als Namenspatron hat. Über die Haltung
        Kaiser Wilhelm II. zu den Juden brauchen wir uns neben seinen anderen Untaten doch wohl nicht streiten.
        "Mit seiner Geringschätzung alles Zivilen, seiner Verachtung der Slawen, seinem Hass auf die Juden, seinen ausufernden Weltmachtfantasien vertrat er Haltungen und Ideen, die von den Nationalsozialisten aufgegriffen, radikalisiert und in die Tat umgesetzt wurden. Insofern ist es durchaus berechtigt, ihn als einen Vorboten Hitlers zu bezeichnen"*
        * John C. G. Röhls Biografie des Kaisers. In: Die Zeit, Hamburg, Nr. 41, 1. Oktober 2008.

        1. Marco_Wagner

          Ich kann Ihnen an der Stelle nur zustimmen.

          Was Arndt und KW II. voneinander grundsätzlich unterscheidet, sind vor allem die "ausufernden Weltmachtfantasien". Denn solche hatte Arndt nie entwickelt und diese auch immer abgelehnt. Vor allem im "Katechismus für den teutschen Kriegs- und Wehrmann."
          Herr Professor Klüters Ausführungen zu seinem Fachgebiet (regionale Geographie) schätze ich wirklich sehr und sie sind auch sehr interessant.
          Aber die Diffamierung von Menschen (siehe 5.), die in Punkto Arndt eine andere Meinung als er vertreten, die hat mich bei ihm wirklich sehr enttäuscht. Meiner Meinung nach hat er sich in diesem Punkt (leider) nicht der Autorität eines Professors würdig gezeigt. Das selbe betrifft auch den SPD-Politiker Jost Ae, der die Diffamierung ja noch ein wenig deutlicher zum Ausdruck brachte.

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