Senats-Kommission hört keine unabhängigen Arndt-Kritiker an

uni-hauptgebäude

Die Anhörung findet im Uni-Hauptgebäude statt

Bei der Anhörung der Universität Greifswald durch die Senats-Kommission soll anscheinend nur in eine Richtung geprüft werden. Denn die Liste der anzuhörenden Wissenschaftler enthält keine unabhängigen Arndt-Kritiker. Stattdessen hört sich die Kommission sogar selbst an.

Im Juni forderten 95 % der 1200 Studenten bei der größten Vollversammlung in der Geschichte der Universität die Ablegung des antisemitischen & rassistischen Namenspatrons „Ernst Moritz Arndt“, der der Universität 1933 durch Hermann Göring verliehen wurde.

Im Juli setzte der Senat der Hochschule dazu eine Kommission ein, die jedoch überwiegend mit Arndt-Befürwortern besetzt wurde. Nun führt diese Kommission eine erste „wissenschaftliche“ Anhörung durch. Doch diese verkommt zur Farce: „Die Liste der Angehörten enthält vor allem Arndt-Befürworter, die offenbar Stichworte liefern sollen, damit man Arndt behalten kann“, ist Martin Schubert, Pressesprecher der Initiative „Uni ohne Arndt.de“ enttäuscht: „Wie soll an dieser Universität je eine kritische Aufarbeitung über die Zeit des Dritten Reichs beginnen, wenn man sich nicht einmal traut ehrlich über den antisemitischen Namenspatron zu sprechen?“

geschichte-uni-greifswald

Im Folgenden: Alle Namen und Haltungen, sowie der genaue Termin.

Details nach dem Klick…

(Offiziell ist übrigens weder die Liste der Wissenschaftler noch der Termin bekannt gegeben worden. Die Informationen  wurden der Initiative aus verschiedenen Quellen zugespielt.)

Termin: Freitag 11.12. von 9.10 Uhr bis 14 Uhr
Ort: Historische Aula im Universitätshauptgebäude

Ein Blick auf die Namen:

Die einzigen „neuen“ Stimmen von außerhalb sind zwei klare Arndt-Befürworter:

  • Prof. em. Reinhart Staats (Univ. Kiel / Kirchengeschichte), Aus seinen Veröffentlichungen geht ein recht verklärter, einseitiger Blick auf Arndt hervor. Staats konzertiert sich unter Ausblendung seiner politischen Schriften auf Arndt als Christenmenschen (z.B.: „Der Wert des christlichen Politikers Ernst Moritz Arndt für nichtchristliche politische Systeme. […]“)
  • Dr. Jörg Echternkamp arbeitet für das „Militärgeschichtliches Forschungsamt der Bundeswehr“. (*Update*: Unsere Sorge hier ursprünglich geäußerte Sorge war völlig unbegründet. Dr. Echternkamp hat sich in einer ausgesprochen beeindruckenden Rede für eine Umbenennung ausgesprochen.)

Dazu ein altbekannter Arndt-Freund:

  • Prof. em. Karl-Ewald Tietz: Tietz ist quasi schon qua Amt, als Vorsitzender der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft e.V., zu einer positiven Einstellung zu Arndt verpflichtet. Eine „unabhängige“ Einschätzung ist hier gar nicht möglich.Würden Sie den Vorsitzenden von Exxon Mobile oder Eon zu einer wissenschaftlichen Anhörung zum Klimawandel als Experten anhören? „Wir sind empört, dass der Kommission dieser offensichtliche Gewissenskonflikt egal ist.“, so Schubert. Offener kann die Kommission gar nicht dokumentieren, dass sie letztlich den Namen nur beibehalten will. (*Update*: Prof. Tietz hat sich zwar für die Beibhaltung des Namens ausgesprochen, sich jedoch sehr ehrlich und kritisch mit Arndt auseinander gesetzt, was wir hier lobend erwähnen wollen!)

Weiter geht’s. Nun wird’s besonders merkwürdig:

  • Dr. Irmfried Garbe (Kirchengeschichte), Dr. Reinhard Bach (Romanistik) und Prof. Dr. Kyra Inachin (Neuste Geschichte) sind alle drei selbst Mitglieder in der Kommission. Hier kann sich die Kommission die gewünschten Statements gleich selbst schreiben.

Zudem sind Garbe und Bach sind bekannte Arndt-Befürworter:

  • Dr. Garbe hatte die engagierten Studenten der Initiative in einem Interview in der Lokalzeitung bereits der „Demagogie“ bezichtigt. Und das wohlgemerkt nur, weil sie es „wagen“ die Frage nach der moralischen Richtigkeit des Namens zu stellen.
  • Prof. Bach hat sich ebenfalls öffentlich für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen. Er hat sich aus Sicht der Initiative durch seinen Versuch, Arndts Antisemitismus zu leugnen (ebenfalls in der Lokalzeitung), disqualifiziert. Diese Behauptung konnte er jedoch in der Debatte mit Antisemitismus-Experten Prof. Herzig aus Hamburg nicht halten. Entschuldigt hat sich Bach jedoch nicht. Bach hält bis heute an seiner positiven Einstellung zu Arndt fest.

Ein Kritiker – oder nicht?

  • Der einzige „Kritiker“ wird Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann sein (Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit). Stamm-Kuhlmann beschwerte sich jedoch bereits nach der Arndt-Debatte im Jahre 2001 über den politischen Druck auf die Wissenschaftler. Der damalige Rektor warf den Professoren in der Ostsee-Zeitung öffentlich vor, „den Korpsgeist der Universität zu verletzen“.Die Initiative kritisiert auch hier, dass die Kommission nicht auf Gewissenskonflikte Rücksicht nimmt. „Wer sagt schon gegen seinen Arbeitgeber aus, solange man dort noch in Lohn und Brot steht?“, fragt Student Martin Schubert: „Professoren der Universität Greifswald hätten die absolute Ausnahme darstellen müssen, als Kritiker fallen sie jedoch in jedem Fall aus.“ (*Update*: Prof. Stamm-Kuhlmann ließ sich nicht beeinflussen und blieb bei seiner kritischen Haltung. „Ich kann mir sehr gut eine „Universität Greifswald“ vorstellen“.)

Interessant ist auch ein Blick auf die Liste derjenigen, die abgesagt haben, denn hier finden sich durchgehend nur Arndt-Kritiker:

  • Prof. Dr. Hubertus Buchstein, (Uni Greifswald /  Politische Theorie und Ideengeschichte)
  • Prof. Dr. Werner Buchholz, Greifswald (Uni Greifswald / Pommersche Geschichte und Landeskunde)
  • Prof. Dr. Karen Hagemann, (Uni Raleigh/Nordkarolinien / Modern German and European history)
  • Prof. Dr. Herfried Münkler, Berlin (Humboldt Uni Berlin / Theorie der Politik)

Was die Absagen der Arndt-Kritiker verursacht hat, wissen wir im Einzelnen nicht. Es fällt jedoch auf, dass nur Arndt-Kritiker absagten. Eine/r sagte uns jedoch, dass er/sie eine Anhörung durch eine Kommission ablehne, von denen einige Mitglieder auch für den unwissenschaftlichen Text auf der Uni-Homepage verantwortlich sind. Einer Bewertung durch Personen, die sich selbst im wissenschaftlichen Betrieb derart disqualifiziert hätten, lehne man ab. Zudem lehne er/sie den nicht-öffentlichen Charakter der Veranstaltung ab. Die Debatte gehöre in die Öffentlichkeit, nicht hinter die verschlossenen Türen einer intransparenten Kommission.

Wer wurde gar nicht erst eingeladen?

Das Motiv der Namensgebung (siehe Rede des damaligen Rektors hier) war Arndts Antisemitismus, Rassismus, völkischer Nationalismus und Volkshass, der 1933 den „Geist der Neuen Zeit“ verkörperte. Die Studenten der Initiative verstehen nicht, warum zu diesen Motiven der Namensverleihung keine Experten eingeladen wurden. Zum Beispiel:

  • PD Dr. Birgit Aschmann (Historikerin an der Uni Kiel, Habilitation u.a. über Arndts Nationalismus)
  • Peter Fasel (Historiker aus Würzburg, beschäftigte sich mit Arndts ausgeprägtem Rassismus & Antisemitismus)
  • The American Jewish Committee aus Berlin oder der Zentralrat der Juden in Deutschland
  • Ein Vertreter der Französischen Botschaft
  • Ein Vertreter des Regionalzentrums für Demokratische Kultur in Anklam (um über Arndts Rezeption durch die heutigen Neonazis zu berichten)
  • Ein Vertreter der Amadeu Antonio Stiftung aus Berlin (um Arndts Rassenideen mit heutigen Ethnopluralismus -Konzepten und ihren Verwirklichungen in so genannten „National befreiten Zonen“ zu vergleichen)
  • Professor für Ethik / Moralfragen
  • Ein Experte für Marketing

Sind deren wissenschaftlichen oder fachlichen Erkenntnisse für die Kommission unrelevant? Offenbar will die Kommission solche Experten nicht einmal anhören. Es könnte schließlich herauskommen, dass Nationalismus und Rassismus auch heute noch ein Problem darstellen und dass Arndts Texte bis heute aktuell sind (siehe hier, hier, hier, oder hier).

Stattdessen sind nun Vorträge zu Arndt, den (angeblichen) Demokraten, den (angeblichen) Pazifisten und den gottesfürchtigen Menschen zu erwarten.

Die weiteren Kritikpunkte der Initiative:

  • Die Initiative kritisiert zudem die Geheimhaltung der Anhörung. Selbst fünf Tage vor der Anhörung gibt es weder eine Pressemitteilung, noch irgendeine Ankündigung, geschweige denn Poster oder eine E-Mail an alle Studenten. Dies entspricht dem Bekannten Muster der Geheimhaltung und Manipulation.
  • Weder bei dieser Anhörung, noch in der zweiten geplanten Anhörung im Januar sollen die Studenten angehört werden. Stattdessen ist eine Anhörung der Bürger Greifswalds geplant. Die Initiative versteht nicht, warum die Studenten derart übergangen werden.
  • Die Kommission arbeitet weiter komplett intransparent. Nicht einmal Protokolle veröffentlicht die Gruppe. Auch Senatsmitglieder sind ausgeschlossen. Es sehr ungewöhnlich für eine Senats-Arbeitsgruppe, sämtliche andere Senatoren derart auszuschließen.

Fazit:

„Damit scheint sich diese Anhörung in die von Anfang an befürchtete beziehungsweise erwartete Richtung zu bewegen. Denn die Arndt-Befürworter sind – mit einer Ausnahme – unter sich. Wir erwarten fröhliche Lob-Dudelei und gute Traditionspflege“, so Martin Schubert.

Bild: „Three Monkeys“ via Wikimedia; Foto: Hauptgebäude von mplabs via Flickr

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8 Antworten auf “Senats-Kommission hört keine unabhängigen Arndt-Kritiker an

  1. Marco_Wagner

    Eine Anmerkung noch zu Herrn Bach:
    Ihr habt ja da auf eure Auseinandersetzung mit Bachs Interview verlinkt.
    In dem sagt er, dass es andere Menschen dieser Zeit gäbe, die für Antisemitismus stehen.
    Des weiteren behauptet ihr darin, dass Bach keine Publikation/ Schrift über Arndt veröffentlicht hätte.
    Das ist falsch.
    Es gab eine Veröffentlichung: Und zwar: "Ernst Moritz Arndt und die Franzosen", in: HEMAG: Ernst Moritz Arndt weiterhin im Widerstreit der Meinungen, Heft 8, 2003. (Den man ja bei euch auf der Seite auch herunter laden kann).

    1. Sebastian Jabbusch

      Hallo Marco,

      bitte lies genau! Herr Bach behauptet er habe "sich seit 2001 intensiv mit Ernst Moritz Arndt befasst“ und sei dabei "zu neuen Erkenntnissen gelangt".

      Die Veröffentlichung aus dem Jahr 2003, die Du ansprichst, ist sein Vortrag aus dem Jahr 2001, liegt also noch _vor_ den "neuen Erkenntnissen", die Bach gehabt haben will.

      Was wir an Herrn Bachs Interview kritisieren war und ist, dass er Behauptet "neue Erkenntnisse" zu haben, diese aber offensichtlich nicht veröffentlichen will (oder kann)?

      Übrigens: In seinem Vortrag aus dem Jahr 2001, welcher 2003 veröffentlicht wurde, sprach sich Bach wegen Arndts-Franzosenhass sehr sehr kritisch GEGEN Arndt als Namenspatron aus! Diesen Aufsatz und das gesamte Buch haben wir außerdem als PDF veröffentlicht.

      Hier gibts Infos: http://jabbusch.tose.de/uniohnearndt/2009/11/uni-

  2. Marco_Wagner

    Bach schreibt darin auf S. 72 über die Judenbilder Arndts:
    "Was indessen die prejorative Darstellung der Juden bei Arndt angeht, so bleibt sie, wie ein Vergleich mit den Ergebnissen jüngster Untersuchungen zum Thema Antijudaismus/ Antisemitismus unschwer erkennen lässt, weit hinter den zum Teil massiv antijudaistischen Positionen bei Kant, Fichte, Heine, Bauer, Marx und Engels zurück, die den Forschungen zufolge den Übergang zum rassistischen Antisemitismus markieren."
    Bach bezieht sich dabei auf folgenden Text:
    Andree Lerousseau: Le judaisme dans la philosophie allemande 1770-1850, Paris 2001.

    Daraus resultiert auch Bachs Aussage, dass Arndt kein Antisemit sei (sondern eben "nur" Antijudaist).
    Wenn ihr schon bei Herr Prof. Tietz erwähnt, dass er Vorsitzender der EMA-Gesellschaft ist, sollte es aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass Herr Prof. Buchholz Mitglied der selben Vereinigung ist. (Wenn schon denn schon :))

    1. Sebastian Jabbusch

      Ja – ich hatte mich auch schon per E-Mail mit Prof. Bach ausgetauscht. Bach argumentiert sehr stark über Sekundärliteratur, z.B. dass Arndt in irgendwelchen Lexika oder Nachschlagewerken über Antisemitismus nicht aufgeführt sei.

      Dies ist richtig und hat mehrere Ursachen. Zum einen steht Arndts Antisemitismus tatsächlich nicht im Kern von Arndts Hauptwerk (was ihn aber nicht besser macht). Zweitens steht Arndt noch an der Schwelle vom Übergang vom Antijudaismus zum Antisemitismus. Trotzdem bestimmt er gerade deshalb letzteren mit. (Beide sind übrigens zu verurteilen). Drittens hat Arndt kein eigenes Buch zum Antisemitismus herausgegeben. Der Antisemitismus taucht stattdessen in vielen Werken "immer mal wieder" auf…

      Mein persönliches Fazit ist daher: Arndt ist zweifelsfrei nicht DER Antisemit seiner Zeit. Aber er ist zweifelsfrei EINER.

      Prof. Herzig und Prof. Stamm-Kuhlmann haben dies recht eindrucksvoll nachgewiesen. Ich empfehle dazu hier zu lesen:

      http://jabbusch.tose.de/uniohnearndt/2009/08/arnd

      Zu Buchholz: Ja und? 😉

  3. Nathan Nörgel

    Kleine Anmerkung eines Nörglers. Wenn Ihr hier schon Irmfried Garbe als Arndt-Befürworter benennen wollt, solltet Ihr im keine Demagogie vorwerfen. Lest einfach mal das verlinkte Interview richtig gründlich. Sowas unsauberes darf in der Debatte einfach nicht vorkommen.

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