Gedanken zur Aktualität der Arndt-Debatte

Der Minarett-Streit in der "BILD" zeigte wie auch heute Vorurteile & Ressantiments gegenüber Moslems und Türken genutzt werden können. Die Geschichte zu diesem Bild im Link am Ende des Textes.

Es ist auffällig, dass Arndt stets von „die Franzosen“ sprach – anstatt Napoleon direkt verantwortlich zu machen.

Diese Redeweise ist der Ausdruck von Arndts Pauschalurteilen: „Die“ Polen, „die“ Iren und „die“ Franzosen gibt es ebenso wenig in der Realität wie „die“ Deutschen oder „die“ Juden. Jedoch kann man an dem Ausmaß, in dem etwa die Redeweise von einer angeblichen „Deutschstämmigkeit“, entsprechend „türkischstämmig“ ermessen, wie weit diese Form des Realitätsverlustes, den Arndt mit seinen Schriften damals bediente heute verbreitet ist.

Das ist bis heute so geblieben, denn wir leben nach wie vor im Zeitalter des Nationalismus, auch wenn viele zu tun, als hätten wir diesen längst überwunden. Die napoleonische Herrschaft bloß als „Unterdrückung“ und „Fremdherrschaft“ hinzustellen, ist ebenfalls eine Ausdrucksform des angeblich „gesunden“ nationalen Volksempfindens und hat nichts mit einer differenzierten Geschichtsbetrachtung zu tun.

Gegen die Auffassung, bei der napoleonischen Herrschaft habe es sich ausschließlich um „Unterdrückung“ gehandelt, spricht sowohl die Tatsache, dass die französischen Armeen als Befreier begrüßt wurden, als sie nach Deutschland kamen, da sie die feudalen Herrschaftsverhältnisse abschafften (gegen die Arndt ja auch war) und u. a. auch das französische Zivilrecht, den Code Napoleon, einführten. Neben zahllosen anderen Fakten spricht gegen eine solche Auffassung vor allem schon die Tatsache , dass sich die Rheinländer, als das Rheinland 1815 preußisch wurde, die Einführung des preußischen Rechts verbaten und das französische Zivilrecht, den Code Napoleon, den besagter Napoleon dort eingeführt hatte, beibehielten. Arndt wusste das; als Bonner lebte er selbst unter dem Code Napoleon, schreibt aber, so weit wir das wissen, nichts dazu. Wo die Wirklichkeit seine Bilder störte, klammerte er sie aus. Der Code Napoleon galt im Rheinland bis zum Jahre 1900, erst dann akzeptierten die führenden rheinischen Kreise die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB).

Von daher berührt die kritische Beschäftigung mit Arndt sehr viel grundsätzlichere gesellschaftliche Probleme, als dies unserer Beobachtung nach den meisten bewusst ist. Nicht zuletzt erleben wir fast täglich in der Ostsee-Zeitung, wie das dumpfe Volksempfinden, dass sonst eher zurückgehalten wird, nach oben gespült wird. Darin besteht Arndts Aktualität, denn er bedient die nationalistischen und rassistischen Ressentiments.

Nicht zuletzt wollte Arndt, von dem gewisse Kreise sagen, er sei angeblich für die Meinungsfreiheit eingetreten, alle Schriftsteller, die wie Prof. Kosegarten anderer Meinung als er waren, „in Säcke stecken“ und „ersäufen“. Die Auseinandersetzung zwischen Arndt und Kosegarten ist viel grundsätzlicher, weitreichender und bedeutender, als es zunächst den Anschein hat. Kosegarten sieht auch schon 1813, dass es hier nicht um „Befreiung“ ging, jedenfalls nicht des deutschen Volkes, die auch nicht kam. Die Fürsten traten einfach nur an die Stelle Napoleons. Arndt diente eben auch nicht dem Volk, sondern dem russischen Zaren.

Quelle: Eine E-Mail Zuschrift

Foto & die Geschichte dazu: Bild-Blog

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