Die Arndt Diskussion im Debattierclub. Eine Stellungnahme

Auch Prof. Dr. Werner Buchholz, , Inhaber des Lehrstuhls für pommersche Landesgeschichte an der Universität Greifswald, war bei der Debatte im Debattierclub anwesend. Auch er wirft einen kritischen Blick auf die Debatte:

Historiker und Arndt-Experte Prof. Dr. Werner Buchholz

Die beiden Studierendeninitiativen „Pro-Arndt“ und „Uniohnearndt“ trafen sich am Don­­ners­tag, 26. November 2009, im Audimax zu einer Debatte über Ernst Moritz Arndt un­ter der Lei­tung des Debattierklubs. Die Debatte unterlag den strengen Regeln des Debattierklubs und dessen Gebot des gegenseitigen persönlichen Respekts der Diskussionspartner.

Die Pro-Arndt-Initiative schöpfte die an sich eingeschränkten Möglichkeiten, po­si­tive Ar­gu­men­te für den Namenspatron ins Feld zu führen, recht gut aus: Volks­­mär­chen, ein paar Hei­matgedichte, eine Schrift gegen die Leib­eigenschaft und eine Stellungnahme, die als Eintreten für den Umweltschutz klassifiziert wurde. Leider wurde der letztere Gesichtspunkt nicht näher ausgeführt. Sollte damit Arndts Stellung­nahme zum Umgang mit dem Flamers­heimer Erbenwald gemeint sein, so wäre dem beizupflichten. Allerdings hat Arndt seine Ausführungen zu diesem konkreten Fall nirgends systematisiert oder gar zu einem Programm des Umweltschutzes ausgebaut. Es handelt sich um eine mehr oder weniger zufällig entstandene Schrifte zu einem Einzelfall. Aber immerhin.

Es gibt meiner Auffassung nach durchaus noch ein paar weitere Schriften, die man für Arndt ins Feld führen könnte. Dazu darf ich auf meine Veröffentlichungen verweisen.

Die Initiative Uniohnearndt stellte Antisemitismus, Nationalchauvinismus sowie die rassistisch motivierte Verachtung Arndts für zahlreiche andere Völker in den Mittelpunkt ihrer Argumentation. Diese Seiten des Namenspatrons wurden von der Pro-Arndt-Initiative nicht bestritten und bezeichnete dies als „bedauerlich“. Ob das eine angemessene Würdigung ist, zumal ja schon bei den Judenverfolgungen zu Arndts Lebzeiten Tote zu beklagen waren, mag dahingestellt bleiben. bei den  gewürdigt sind, ist natürlich eine Frage der persönlichen Bewertung.

Deutlich wurde, dass in den Augen der Arndt-Befürworter die Märchen und Sagen, die Stellungnahme gegen die Leibeigenschaft sehr viel stärker zu Gewicht schlagen sollten als etwa Arndts Antisemitismus und seine öffentliche Drohung mit Judenverfolgungen.

Leider entbehrten zahlreiche der nachfolgenden freien Beiträge aus dem Publikum sowohl der Sachlichkeit als auch des gegenseitigem Respekts.

Gleich der erste Redner unterstellte den 1200 Studierenden der Vollversammlung im Juni 2009, lediglich aus „Selbsthass“ für die Ablegung des Namens Arndt gestimmt zu haben. „Diese Leute“, so sagte er, würden „zuweilen“ an palästinensischen Demonstrationen teilnehmen. Belege? Keine! Dessen ungeachtet glaubte er hier die schlimmste Form des Antisemitismus vor sich zu haben. Nachdem er die 1200 Teilnehmer der Vollversammlung geschlossen auf eine Anti-Israel-Demonstration phantasiert hatte, setzte er Israel-Kritik mit Antisemitismus gleich. Dennoch bediente er selbst sich einer antisemitischen Begrifflichkeit, in dem er „Jude“ in den Gegensatz zu „Deutscher“ setzte. Hier wurde er denn auch aus dem Publikum heraus korrigiert.

Die nachfolgenden Redner behielten – bis auf wenige Ausnahmen – das Muster dieses Beitrages bei: Vermeidung inhaltlicher Stellungnahmen zu Arndt, stattdessen persönliche Angriffe auf die Arndt-Kritiker und deren Stilisierung zum Feind­bild.

Nachdem der erste Redner die 1200 Teilnehmer der Vollversammlung als „Selbsthasser“ und Kryptoantisemiten klassifiziert hatte, setzte der nächste den Reigen der persönlichen Angriffe fort und bezeichnete die Arndt-Kritiker als „professorenhörig“. Diese hielten alles für richtig, was ein Professor sage. Den fast schon körperlich greifbaren Widerspruch in seiner Stellungnahme erkannte er allem Anschein nach nicht. Dabei gäbe es doch, so fuhr er fort, in den Geisteswissenschaften, besonders in der Geschichtswissenschaft, „immer nur Meinungen“, die „mal mehr, mal weniger mehrheitsfähig“ seien. Es wäre aufschlussreich zu erfahren, welchem akademischen Fach solche Vorstellungen genährt werden, die sogar so elementare Erkenntnisse, wie den Unterschied zwischen Meinung und Faktum nicht nur nicht zu kennen scheinen, sondern darüber hinaus auch leugnen? Die nachfolgende Rednerin widersprach solchem ebenso absoluten wie willkürlichen und destruktiven Relativismus. Dabei spiegelte es die Situation, wenn sie ihren Widerspruch zwar schlüssig, aber letztlich doch mit Selbst­verständlichkeiten begründen musste.

Einem weiteren Redner war die Arndt-Figur am Rubenow-Denkmal Beweis genug für dessen vortreffliche Eignung als Namenspatron. Für stellte ein Denkmal also eine unbezweifelbare Autorität dar.

Nicht fehlen durfte natürlich der obligatorische Hinweis, Arndt müsse in seine Zeit eingeordnet werden. Auch der durch ständige Wiederholung nicht weniger missverständliche Hinweis, Deutschland sei damals von „den Franzosen besetzt“ gewesen, wurde nicht ausgelassen. Es durfte sich hier wohl um die gängigste Varianten handeln, der inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen und die Arndt-Kritiker zum Feindbild zu sti­li­sieren, wird diesen hier doch willkürlich unterstellt, dass sie das, was hier scheinbar ein­­gefordert wird, bisher vermeintlich versäumt haben.

Ernst Moritz Arndt redivivus! Wie hatte doch gleich der bayerische General­staats­prokurator im Zuge seiner Ermittlungen gegen Ernst Moritz Arndt wegen Ver­leumdung des Feldmarschalls Wrede argumentiert, in deren Ergebnis der heutige Namenspatron der Universität Greifswald zu einer Ge­fängnisstrafe verurteilt wurde: „Einen auch nur entfernten Beleg für die Wahr­heit dieser Aufstellungen (= Behauptungen Arndts), über deren Schwere und Tragweite der Verfasser sich unmöglich täuschen konnte,…, sucht man in dem ganzen Buche (= Arndts Wanderungen und Wandelungen mit dem Freiherrn vom Stein) vergebens.“

Als Arndt auch dann noch an seinen unwahren Äußerungen festhielt, nachdem der Gegenbeweis geführt war – in Greifswald hatte man ihm gerade ein Denkmal gesetzt -, beurteilte der Generalstaatsprokurator diese Haltung als „hartnäckiges Fest­­hal­ten an der Unwahrheit…, die dadurch zur Lüge wird“.

Ihm hatte das Denkmal den Blick auf die Realität nicht verstellen können.

Wer hätte erwartet, dass die Ermittlungen der bayerischen Justiz und deren Auswertung auch anderthalb Jahrhunderte später an Aktualität nichts eingebüßt haben?

Was die übrigen Beiträge der Zuschauerrunde im Anschluss an die Podiumsdiskussion am 26. November 2009 im Audimax betrifft, so entsprachen diese dem genannten Muster. Der eine oder andere mag sich in seiner Vorgehensweise auch dadurch bestärkt gesehen haben, , dass die für die lokale Diskussionskultur maßgeblichen Instanzen selbst dieses Muster vorgegeben haben beziehungsweise dieses stillschweigend dulden. Diese Beiträge sollen daher hier nicht wiederholt werden.

Gerade vor diesem Hintergrund hebt sich der Verlauf der Debatte auf dem Podium noch einmal ganz besonders positiv ab. Der Debattierklub erwies sich hier wieder einmal als eine Einrichtung, die in verdienstvoller Weise demokratische Kompetenzen, gegenseitige Toleranz und Respekt fördert. Darauf ist es zurückzuführen, wenn die Zuhörer in der ersten Hälfte der Veranstaltung in den Genuss einer inhaltlich ertrag- und lehrreichen Diskussion kamen. Diese positive und in jedem Fall konstruktive Diskussion wird natürlich durch die nachfolgenden Beiträge in keiner Weise beeinträchtigt. Dafür sei dem Debattierklub wie auch den Diskutanten der beiden Studierenden-Initiativen auf dem Podium herzlich gedankt!

Greifswald, den 10. Dezember 2009
Prof. Werner Buchholz

Die Initiative hatte zu dem Thema selbst hier ein Fazit gezogen. Außerdem kann man sich die gesamte Veranstaltung noch einmal hier anhören. Wir haben dort auch alle Argumente des Publikums im Detail besprochen.

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