Debattierclub-Nachlese: „Eindrücke eines vorher Unbeteiligten“

Diesen Text haben wir von unserem Kommilitonen Ewald Leppin mit der Bitte um Veröffentlichung zugeschickt bekommen. Er fasst darin seine Eindrücke zur Arndt-Debatte am 26.11. zusammen. Die Initative Uni ohne Arndt hatte dazu bereits hier und hier etwas geschrieben. Die Stellungnahme von Leppin ist jedoch nicht von uns:

Freier Kommentar von Ewald Leppin:

publikum

Viel Publikum bei der Arndt-Debatte

Viele waren zur Veranstaltung des Debattierclubs ins Audimax gekommen, ich bin mehr zufällig dort gelandet, ließ mich „mitschnacken“. Und es hat sich gelohnt, obwohl ich hinterher etwas erschrocken und verärgert war:

Gelohnt hat sich’s deshalb, weil ich gemerkt habe, dass sie mich – den Neustudent aus der Rentnergeneration – doch etwas angeht, die Namenspatron-Debatte und: Man sollte sich doch intensiver mit dieser für Pommern bedeutsamen historischen Persönlichkeit Ernst Moritz Arndt beschäftigen.

Immerhin war die Absicht, mehr über die Geschichte Pommerns, des deutschen Faschismus, der neueren Geschichte Deutschlands, inklusive der Entwicklung von BRD und DDR, zu erfahren einer der Gründe für einen Wechsel von Hamburg nach Greifswald. Ganz sicherlich war der Name der Uni kein Beweggrund für meine Entscheidung ; wenn er denn eine Rolle hätte spielen können, dann eher eine demotivierende.

Nach der ersten Runde des nach strengen Regeln verlaufenden Debattierabends, nachdem je zwei Vertreter der Pro- und der Kontra-Arndt-Fraktion zu Wort gekommen waren, schien die gefühlte Argumentationslage klar für die „Uni-Ohne-Arndt“-Vertreter zu sprechen. Der von den Namensbewahrern aufgezeigte Facettenreichtum der Persönlichkeit Arndts war durchaus interessant, wenn es also um seine Volksnähe beim Märchensammeln, sein soziales (vielleicht auch eher ökonomisches) Engagement zur Abschaffung der Leibeigenschaft oder um seine pädagogischen und Naturschutzbemühungen ging, oder auch um seine Verdienste im Zusammenhang mit der 1848er Revolution und der Entwicklung zu einem einheitlichen Deutschland.

Aber die Gründe, die gegen Arndt als Namensgeber, Vorbild und Leitfigur sprechen, waren für mich als zunächst Unbeteiligtem überzeugender: Seine entschieden rassistischen, die elitär-nationalistischen Positionen, die den Waffengang gegen Franzosen und andere Feinde mit einschlossen, seine militant antisemitische Haltung. Diese Geisteshaltung Arndts führte zu einer problemlosen Vereinnahmung durch die Nazis, auf die ja die Namensgebung zurückgeht.

Diese Argumente haben mich überzeugt, dass die Uni Greifswald sich nicht weiterhin mit dem Namen einer solchen Persönlichkeit belasten sollte.

Niemand hat auf dieser Veranstaltung gesagt, dass Arndt direkt oder indirekt für den Herrenmenschen-Rassismus, den Weltkrieg verursachenden Nationalismus oder den massenmordenden Antisemitismus der deutschen Nazis verantwortlich zu machen war. Als umso ärgerlicher empfinde ich, dass Arndt-Befürworter ihren Gegnern solche Position unwidersprochen unterstellten und dieses als Beweis dafür vorbrachten, wie emotional moralisierend die Gegner vorgehen würden.

Erstaunt hat mich der Beifall für einen sich antiautoritär gebenden Beitrag, der den Ohne-Arndt-Vertretern Professorenhörigkeit vorwarf, weil sie diverse Arndt-kritische Aussagen von Historikern zitierten , u. a. von W. Buchholz, Pommern-Forscher, der persönlich zugegen war.

Erschreckt hat mich der Beifall zu einem Beitrag zum Thema Antisemitismus: Der Antisemitismusvorwurf der Arndtgegner sei verlogen, weil sie sich angeblich nicht hinreichend von antiisraelischen palästinensischen Positionen distanziert hätten und aus der Kurzformel Palästinenser = Hamas = schlimmste Judenhasser der Gegenwart wurde eine Verunglimpfung der Arndt-Gegner konstruiert und gleichzeitig der Antisemitismus der NPD verharmlost: Das war zwar nicht sachdienlich, aber es brachte Beifall für die Bewahrer!

Nicht nachvollziehbar war die Position, dass man für die Auseinandersetzung mit Arndt die Beibehaltung des Unversitätsnamens bräuchte. Umgekehrt wird eher ein Schuh daraus: Ein intensives unbelastetes Sichbefassen mit der so widersprüchlichen Persönlichkeit ist ohne die Vorgaben und Verpflichtungen durch das Namenspatronat viel eher möglich.

Unehrlich fand ich Beiträge, die die Beibehaltung des Namens der Uni in der DDR als Argument für die Pro-Arndt-Seite verbuchten. Vertreter, die ansonsten wohl kaum ein gutes Haar am DDR-System lassen würden, sich aber in diesem Fall auf die DDR-Führung berufen, wirken inhaltlich nicht glaubwürdig. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass der „Stahlhelmer“ und spätere Nazi W. Glawe (Kirchenhistoriker), der die Namensgebung 1933 initiierte, nach der Gründung der DDR den gleichen Versuch erfolgreich unternommen hat, inzwischen natürlich als geläuterter Nazi im Gewande eines Kommunisten.

Bei dieser Entstehungsgeschichte der Namensgebung frage ich mich natürlich als naiver Zugereister, weshalb sich die Uni Greifswald auch heute noch mit einem solchen ballasthaltigen Namen belasten muss.

Ärgerlich fand ich, dass im Verlauf der Diskussion nach der Repräsentanten-Runde fast ausschließlich Pro-Arndt-Beiträge kamen, die spontan erscheinen sollten, aber gut vorbereitet waren, während die Gegenseite nichts nachschieben konnte („durften wir nicht, wegen Regeln! :(„, Anmerk. der Redaktion!). Ärgerlich deshalb, weil die Publikumsrunde im Widerspruch zur argumentativ-inhaltlichen Ausgangsbasis der Eingangsrunde stand; auch über mich selbst habe ich mich geärgert, weil ich mich in der emotional aufgeheizten Situation nicht getraut habe, meine sich entwickelnde Position zu äußern.

Trotzdem – zurück zum Ausgangspunkt -, es hat sich gelohnt!

Wenn Ihr Euch jetzt die Debatte noch einmal anhören wollt, ihr findet sie hier zum nachhören!.

Foto: Alexander Kendzia via webMoritz.de

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Eine Antwort auf “Debattierclub-Nachlese: „Eindrücke eines vorher Unbeteiligten“

  1. Hippies_go_home

    "Die Stellungnahme von Leppin ist jedoch nicht von uns"
    Mag sein. Wäre aber mit Sicherheit nicht von euch veröffentlich worden, wenn sie euch nicht nach dem Munde reden würde. Ihr macht das schon ganz geschickt, gezielt auszuwählen was euch in den Kram passt. Da steht ihr den Meinungsmachern von vor 70 Jahren in nichts nach.

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