Debattierclub: Antworten auf freie Redner

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Letzte Woche wurde wieder einmal diskutiert. Diesmal unter Studenten. Inzwischen können wir Euch hier die gesamte Debatte als Audio-Mitschnitt anbieten. Viel Spaß damit:

 

(Geduld: ca. 20 Sekunden Ladezeit!)
Neben der eigentlichen Debatte gab es auch einige Beiträge aus dem Publikum. Da wir letzte Woche darauf nach den Regeln der Präsidentin leider nicht direkt antworten durften, holen wir dies hier nach. Unsere Antworten ergänzen bzw. aktualisieren unser Statement aus der letzten Woche hier.

Mein Fazit auch nach der detaillierten Auswertung: Zwar gab es die eine oder andere interessante Anmerkung, jedoch: Keinem der „freien“ Diskutanten ist es gelungen darzulegen, warum Arndt kein Antisemit, kein Rassist, kein völkischer Nationalist und kein Franzosenhasser gewesen sein soll.

Stattdessen wurde die  Meta-Ebene diskutiert. Etwa ob die Mitglieder der Initiative „Professoren-hörig“ seien, ob Muslime nicht die viel schlimmeren Antisemiten seien, ob Arndt nicht auch ein Denkmal hätte, ob die Studenten der Vollversammlung je Arndt gelesen hätten (wobei Arndt-Lesungen ebenfalls kritisiert wurden) oder ob nicht die ganze Kampagne ‚populistisch‘ sei.

Meine Antworten basieren auf den Reaktionen zahlreicher Mitglieder der Initiative und Gäste aus dem Publikum, mit denen ich nach der Debatte sprechen konnte. Lesen & hören nach dem Klick…

1.) Student: „Muslime sind die schlimmeren Antisemiten“.

  • israelInsgesamt: Ich habe nicht wirklich verstanden, was der Redner uns hier sagen will und ob oder wie das komplizierte Thema „Israel-Palästina“-Konflikt überhaupt zum Thema passt.
  • Ich finde es nicht gut, Antisemitismus in „schlimmere“ und „weniger schlimme“ Kategorien einzuteilen.
  • Warum soll es ein Problem sein, dass wir eine „moralische“ Frage an Arndt stellen? Ist Moral etwas Schlechtes?
  • Ich distanziere mich von Kategorien, die der Redner hier verwendet, wie „dem Islam“ und „den Palästinensern„. Wir glauben, dass solche Pauschalisierungen, wie sie auch Arndt häufig verwendet, wenn er von „den Juden“ oder „den Franzosen“ spricht, nicht hilfreich sind.
  • Ich kritisiere jegliche Unterstellung ggü. den Initiativ-Mitgliedern und den 1200 Studenten der Vollversammlung. Weder demonstrieren sie gegen Israel, noch tragen sie Selbsthass in sich, noch gehören sie zu „antideutschen“ Kreisen.
  • Die Auffassung, dass „Antisemitismus heute lange vorbei ist“, teile ich nicht. Antisemitismus ist zwar in der breiten Masse gesellschaftlich geächtet, deshalb aber noch nicht verschwunden.
  • Ich teile auch nicht die Auffassung, dass man „die eigene Kultur schwächt“, wenn man sich kritisch mit der eigenen Geschichte beschäftigt und Antisemitismus ablehnt.

2.) Student, Ivo Sieder (RCDS-Vorsitzender): „Ihr seit Wissenschaftler-hörig“
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  • Den Vorwurf der „Professorenhörigkeit“ und der Vorwurf, dass unsere erste Referentin „fast nur Zitate von Professoren“ benützt hätte, finde ich demagogisch. Ist es nicht eine besondere Qualität, dass man seine Kritik auf eine wissenschaftliche Basis stellt?
  • Mit dem Satz „Nur weil ein Professor etwas sagt, muss es noch lange nicht stimmen“, verwischt Sieder eindeutig die klare Trennung zwischen geschichtswissenschaftlichen Fakten und eben von Meinungen von Professoren. Natürlich sind „Meinungen“ von Professoren durchaus hinterfragbar, was niemand abstreitet.
    ivo
    Ivo Sieder, Vorsitzender des RCDS
  • Zudem behaupte der RCDS-Vorsitzende, dass es in den Geisteswissenschaften „keine objektiven Wahrheiten“ gäbe. Auch dies stimmt nur sehr bedingt, daher unser Zwischenruf „Holocaust“.
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    Denn Quellen lassen sich prüfen. An der Echtheit von Arndts Büchern besteht kein Zweifel. Arndts Antisemitismus, sein Rassismus und völkischer Nationalismus kann in seinen Büchern nachgelesen werden. Über Google Books sogar online. Diese Fakten lassen sich nicht wegdiskutieren: Weder mit einer pauschalen Professoren-Schelte noch indem man sich in neumodischer Geschichtsrelativierung versucht. (Sehr bewusst stellen wir deshalb immer wieder in den Vordergrund, dass die Umbenennung deshalb eine „moralische“ Entscheidung ist, basierend aber auf den Erkenntnissen der Wissenschaft).
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    Wir sind im höchsten Maße irritiert, welche Strategie der RCDS verfolgt, wenn er durch seine Arbeitsgruppe auf dem Podium Arndts Antisemitismus offiziell eingesteht, während der Vorsitzende des RCDS im Rahmen eines solchen Statements alles wieder in Frage stellt.
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  • Die Aussage, dass es derzeit einen „Trend“ in der Geschichtswissenschaft gäbe, dass Arndt „böse“ sei, und dass dies in 20 Jahren wieder ganz anders sein könne, halten wir für unmöglich (freundlich ausgedrückt). Denn die Fakten (Arndts klarer Rassismus / Antisemitismus / etc.) ändern sich nicht über die Zeit – die kann Sieder hier nicht meinen. Er spricht ja von der „Bewertung“. Und ich hoffe, dass Rassismus & Antisemitismus in 20 Jahren ebenfalls klar verurteilt wird!
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    Und nur weil in 20 Jahren Rassismus wieder „im Trend“ sein könnte, sollen wir jetzt den Namen beibehalten?
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  • Übrigens schreiben wir nirgendwo Arndt sei „böse“ ! Und wir wollen ihn auch nicht aus den Geschichtsbüchern streichen, sondern lediglich die Uni umbenennen, weil wir uns nicht mit dem Patron identifizieren.
  • Die Schlussunterstellung, wir hätten Arndt nicht selbst gelesen, empfinde ich ebenfalls als Beleidigung wider besseren Wissens. Immerhin haben wir schon mehrfach aus Arndts Büchern öffentlich vorgelesen.
  • Dem Aufruf, Arndt zu lesen, schließe ich mich an.

3.) Studentin: „Menschenrechte“ sind kein Trend, sondern ewig
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  • Ich begrüße den Hinweis der mutigen Studentin, dass sich gewisse Werte eben nicht ändern sollten und auch im Grundgesetz verankert sind, wie z.B. die Würde des Menschen und „jeder ist gleich vor dem Gesetz“. Damit legte die Studentin die Finger in die Wunde von Sieders Realtivierungsversuch.

4.) Mann: „Arndt hat doch ein Denkmal“
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  • glatzeJeder Mensch macht Fehler“ – das stimmt. Doch weder hat Arndt im Laufe seines Lebens seine Fehler eingeräumt, noch sollte man Rassismus als einen „Fehler“ herunterspielen. Außerdem ehren wir üblicherweise keine historischen Personen mit einer Universität, die „Fehler“ solchen Ausmaßes begangen haben.
  • Der Hinweis auf das Rubenow-Denkmal ist richtig. Tatsache ist jedoch, dass Arndt gegen den Willen und Beschluss der Philosophischen Fakultät (dort sah man „keine wissenschaftliche Leistung“ Arndts!) in das Denkmal eingesetzt wurde. Der Senat hatte sich damals über das Votum der PhilFak hinweggesetzt. Tatsache ist auch, dass Arndt in einer Zeit geehrt wurde, als der Deutsche Nationalismus, zügelloser Rassismus und Antisemitismus leider weit verbreitet waren. Das Rubenow Denkmal kann also kein „pro“-Argument in dieser Debatte sein.

5.) Studentin: „Man muss Arndt in den historischen Kontext setzen“
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  • Die Studentin verweist zu Recht auf den historischen Kontext.
  • Jedoch: Rassismus und völkisches Denken wurde nicht erst durch die Nazis erfunden und ist nicht nur in der Zeit der Nazis zu verurteilen. Gerade, dass die Wissenschaft in Arndt als einen frühen Vordenker der völkischen Bewegung sehen, ist ja unsere Kritik. Zudem gab es bereits zu Lebzeiten Arndts andere Dichter und Denker, die ohne rassische Diskriminierung eine Nation begründen wollten (Weimarer Klassik) und die vor Rassismus warnten. Zu dem Argument „in seiner Zeit sehen“ hier mehr.
  • studentinDer Hinweis auf die französische Besatzung ist uns zu kurz: Zum einen wurden von manchen Bevölkerungsgruppen (besonders die bisher Entmündigten Kleinbürger, Bauern und Arbeiter) Napoleon und die mit Frankreich verbundenen Ideen (Französische Revolution, Bürgerrechte, Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit etc.) als Befreier von Unterdrückung gefeiert. Das mit Napoleon eingeführte französische Zivilrecht (Der „Code Napoleon“) galt im Rheinland beispielsweise fast 90 Jahre – also auch noch 80 Jahre nach dem das Land durch Preußen von Frankreich „befreit“ wurde.
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    Zum anderen hetzte Arndt nicht gegen Napoleon, sondern gegen alle Franzosen. Diesen Haß begründete er nicht etwa aus dem politischen Geschehen heraus, sondern aus dem vermeintlich minderwertigem Volkscharakter der FranzosenMehr dazu hier oder hier.
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  • Dass Pommern für einige Zeit besetzt war, war sicherlich keine angenehme Situation. Die Schürung von Hass war jedoch schon damals keine adäquate Reaktion. Ein Professor aus Greifswald namens Ludwig Gotthard Kosegarten– eine Kollege Arndts – dichtete mit Bezug auf ihn: „Ist heilig nun die Sache, Der Kampf gerecht und gut, So schnaube nicht nach Rache, So dürste nicht nach Blut.“ Mehr dazu hier.
  • Last but not least: Selbst wenn sich zu Arndts Zeiten „niemand“ an seinem Rassismus und Antisemitismus gestört hätte, so müssen wir uns doch heute fragen, ob wir uns damit identifizieren können.
  • Und wenn wir oben schon über den komplizierten Konflikt zwischen Israel und Palästina gesprochen haben, so ist eins doch schon klar: Arndts Vorschlag, die Völker (Rassen) durch einen „brennenden & blutigen Hass“ zu trennen, ist keine Lösung – für keinen Konflikt in der Welt.
  • Zum zweiten Aspekt: Wie schon bei Ivo Sieder: Nur weil wir unsere Kritik an Arndt auf ein wissenschaftliches Fundament legen, kann man uns nicht vorwerfen, wir „hätten keine eigene Meinung“. Das halte ich schon allein angesichts der umfangreichen Kampagnen-Seite mit geschätzten 850 DIN A4 Seiten Material für unangemessen.

6.) Student: „Initiative ist populistisch & will Arndt verbannen“
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  • Wahr ist, dass Carsten Schönebeck auf dem webMoritz in seinem Artikel einen Antrag der Vollversammlung als „rein populistisch“ tituliert, nämlich den des RCDS.
  • Zum Arndt-Antrag steht im Artikel von Schönebeck hingegen: „Löblich immerhin, dass dabei die gewählten Vertreter der Studenten sich eines Themas angenommen haben und viel Zeit in eine Kampagne gesteckt haben, um ihre Sache zu bewerben.“ (Hier nachlesen). Das Zitat des Studenten bezieht sich also nicht auf uns. Zudem beleidigt der Student seine Kommilitonen, wenn er Ihnen die Fähigkeit zur Reflexion abspricht und sie als „Stimmvieh“ tituliert. (Übrigens haben sich auch schon die Vollversammlungen 2007 und 2008 für die Umbenennung ausgesprochen!)
  • Der Vorwurf der „inszenierten Demagogie“ müsste argumentativ unterfüttert werden. Welche Aktion genau war dann demagogisch? Der Verweis auf Dr. Garbe ist gut. Denn wir haben dessen Versuch, uns, die Arndt-Kritiker, zu einem Feindbild zu stilisieren, bereits hier dargestellt, und ausführlich widerlegt.
  • „Populistisches Gehabe“ >> Was ist damit gemeint?
  • benjamin„Gewollt öffentlichkeitswirksame Aktionen“ >> Natürlich machen wir Aktionen um Öffentlichkeit zu erreichen. Deswegen ist es ja auch eine Kampagne. Die Diskussion wurde seit 1991 sehr wissenschaftlich und spätestens seit 1998 und 2001 sehr ernst betrieben. Diese „Grundlagenforschung“ ist jedoch seit langem abgeschlossen. Jetzt geht es darum, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu verbreiten, moralisch zu diskutieren und dafür sind „öffentlichkeitswirksame Aktionen“ notwendig. Darin geht auch nicht, wie behauptet, die „Debatte unter“, sondern nur durch und während unserer Aktionen findet eine Debatte statt. (Wie sehr die Universität seit zwei Jahrzehnten die kritische Debatte unterdrückt haben wir hier einmal verdeutlicht – insbesondere in der PM unter Punkt 3!) Die Veranstaltung etwa im Debattierclub ist ja eine solche Veranstaltung auf Grund unserer Aktionen. Andere Aktionen waren etwa die Verlesung von Orginial-Arndt-Texten oder die Podiumsdebatte im Ikuwo, bei dem drei Wissenschaftler aus Greifswald und ein Wissenschaftler aus Hamburg eingeladen wurden. Dass wir mit dieser Debatte viel Öffentlichkeit erreichen, kann man uns jedoch schlechterdings nicht vorwerfen? Ist es nicht die historische Fähigkeit die Du weiter unten forderst?
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  • Das Argument wir wollten nur eine „möglichst große Masse“ hinter uns bringen, ist polemisch. Zum einen haben sich bei der größten Vollversammlung in der Geschichte der Uni im Juni 2009 bereits 95 % der Studierendenschaft hinter den Beschluss gestellt. Mehr Unterstützung ist gar nicht möglich. Zum anderen hat sich die Initiative erst nach dem Vollversammlungsbeschluss gegründet, um diesen durchzusetzen. Die Urabstimmung ist lediglich ein Instrument der Kampagne unter vielen, um „noch mehr politischen Druck“ auf den Senat aufzubauen. Zudem regt die Urabstimmung – wie von uns gewünscht – eine breite Debatte innerhalb der Studierendenschaft und in der Öffentlichkeit an.
  • Der Vorwurf, dass kein Student je ein Buch von Arndt in der Hand gehabt hätte, ist ebenfalls rein polemisch. Denn es ist ja gerade Arndts Radikalität, die dafür sorgte, dass er wissenschaftlich nie relevant wurde. Und sein Radikalismus in Sachen Rassismus, Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Volkshass machen seine politischen Texte heute – selbst für den Rektor – nicht zitierbar. Der breiten Studierendenschaft, die aus gutem Grund nie Arndt gelesen hat, nun genau das vorzuwerfen, ist kein überzeugendes Argument. Man muss sich auch ohne Hitlers „Mein Kampf“ selbst gelesen zu haben, von seinem Rassismus distanzieren dürfen. Zudem sind bei zwei öffentlichen Arndt-Lesungen auch Texte vorgetragen wurden – auch bei der Vollversammlung. Die Studenten haben also Arndt gehört.
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    Wichtig ist doch, dass sowohl die Initiative „Uni ohne Arndt“ als auch die rezitierten Wissenschaftler Arndt intensiv gelesen haben. Erst wenn das Votum der Wissenschaft in Frage gestellt werden würde, hielte ich Dein Argument für stichhaltig. Da es aber wissenschaftlich keinen Dissens über Arndts Antisemitismus & Rassismus etc.  gibt, weiß ich nicht, warum „jeder“ Arndt lesen „muss“? Ich vermute, dass 1990 als an der Universität Rostock der Beiname „Wilhelm Pieck“ abgelegt wurde, ebenfalls kaum einer der Entscheidungsträger dessen Reden oder Bücher gelesen hatte.
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  • Die Formulierungen von Arik Platzek hat nur er selbst zu vertreten. Es sind _nicht _ die Formulierungen der Initiative „Uni ohne Arndt“. Ich persönlich habe sie sogar bereits auf dem webMoritz und per E-Mail an ihn direkt kritisiert. Der humanistische Landesverband unterstützt übrigens auch die Ablegung des Namens, verwendet aber eine andere Formulierung. UNS Ariks Zitat vorzuwerfen, wäre so gewesen, als hätte ich in der Debatte Zitate von Neonazis pro Arndt (siehe hier) vorgelesen…
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  • „Ist nicht gerade eine Universität dazu in der Lage sich mit ‚so einem’ Hochschulpatron auseinander zu setzen.“
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    << Genau das ist ja unsere Kritik. Wenn die Universität mit dem Namen kritisch umgehen würde, wäre es wahrscheinlich nie zu einer Initiative zur Ablegung gekommen. Stattdessen werden kritische Aufsätze unterdrückt und auf der Uni-Homepage ein derart gefälschter und wissenschaftlich-unhaltbarer Aufsatz veröffentlicht, dass sich vor kurzem sogar ein Autor davon distanzierte. Professoren, die ein wissenschaftliches Kolloquium zum Namenspatron durchführten, wurde mit Entlassung gedroht, manche wurden eingeschüchtert oder sozialer Druck  auf sie ausgeübt. Obwohl die Arndt-kritischen Ergebnisse wissenschaftlich nie angezweifelt wurde, weigert sich die Universität bis heute, diese Aufsätze zu veröffentlichen. Details dazu dieser PM unter Punkt 3.
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  • „Stattdessen verbannen wir alles schlechte […] und reden auch nicht mehr darüber“
    Genau das  kritisiert doch die Initiative!! Die Universität – obwohl sie (noch) ihren Namen trägt – verwendet den Namen nirgendwo aktiv. Es gibt kein Arndt-Preis, keine Arndt-Zitate in Rede, noch nicht mal eine einzige Arndt-Veranstaltung im Rahmen der einjährigen Feier zum 550-jährigen Jubiläum der Universität. Der Name Ernst Moritz Arndt wird auch in der Außendarstellung de facto nirgendwo erklärt. Man schweigt ihn tot!
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    Erst der Druck der Studierendenschaft führte überhaupt zur ersten Arndt-Stellungnahme seit 1933. Immerhin 17 Monate (!!) dauerte seine Erarbeitung. Doch dieser wurde bisher auch nur auf der Homepage veröffentlicht und entbehrt jeder wissenschaftlicher Qualität. Mit diesem Text färbte man Arndt geradezu in einen „Sympathieträger aus der Romantik“ um. Die Tatsache, dass der Name von Hermann Göring verliehen wurde, fehlt ebenso wie Arndts Antisemitismus, sein umfangreicher Rassismus und seine Aufruf zum Volkhass. Ausführlich haben wir diese Arndt-Selbstdarstellung der Uni hier analysiert. Es ist auch nicht zu erwarten, dass die Beibehaltung des Namens in einer Zukunft zu einer kritischen Beschäftigung mit Arndt führen würde. Im Gegenteil. Genau diese Passage kürzte der Rektor persönlich aus dem Arndt-Text auf der Uni-Homepage.
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  • „Wenn sich ‚Uni ohne Arndt’ durchsetzt, werden wir Arndt völlig aus dem kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft auslöschen“ << Dies ist nun der vorläufige Höhepunkt zahlloser falscher Unterstellungen. Der Initiative geht es ausschließlich um die Universität Greifswald. Mit anderen Bildungseinrichtungen in Deutschland (es gibt noch 7 Schulen, zwei Kasernen und etliche Straßen) beschäftigen wir uns nicht aktiv. Es geht uns um _unsere_ Identifikation mit dem Namenspatron.
    Arndt soll weder aus Geschichtsbüchern gestrichen werden, noch aus dem Rubenowdenkmal genommen werden. Im Gegensatz zum Denkmal hat ein Universitätsname aber eine starke Vorbildfunktion, für die Arndt nicht geeignet ist.
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  • Arndts „Katechismus für Soldaten“ ist wohl vergleichsweise positiv zu werten. Arndt sollte hier jedoch nicht zum Pazifisten stilisiert werden. Siehe auch Video hier. Jedoch sollen weder dieses Buch noch seine Märchen und Sagen verbannt werden. Es geht darum, dass wir als Studenten uns nicht mit Arndts Hauptwerk – seinen politischen Schriften – identifizieren können. Alles andere bleibt.
  • Der Arndt des Monats wird seit 2005 vom Studentenmagazin moritz veröffentlicht und ist die älteste kritische Arndt-Kampagne. Sie war letztlich der Anlass für bereits drei Anträge Vollversammlungsbeschlüsse zur Umbenennung, nämlich: 2007, 2008 und 2009. Der Arndt des Monats hat jedoch nichts mit uns zu tun. Es ist faszinierend, dass der Redner hier gleichzeitig eine „kritische Reflektion“ mit Arndt fordert, sie aber immer dann, wenn sie stattfindet, wieder ablehnt.
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  • Arndt wird an unserer Universität bisher und leider ausschließlich von den Arndt-Kritikern thematisiert, während die Universität diesen Namen (aus welchen Gründen auch immer) totschweigt. Gerade _wegen_ der fehlenden kritischen Behandlung des Namens entstand die Kampagne. Gerade _uns_ vorzuwerfen, wir würden irgend eine Diskussion ‚abwürgen’, ist im höchsten Maße beleidigend. Es waren die Mitglieder der Initiative „Uni ohne Arndt“, die nach der Vollversammlung das Thema aufgegriffen haben und es in unzähligen Debatten immer wieder zur Diskussion stellen. Der Sprecher hat sich entweder nicht über die Aktivitäten der Initiative informiert oder sie bewusst ignoriert.

7.) Student ‚Bodo‘: „Wie konnte Arndt die DDR überleben?“
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  • Ein Wissenschaftler, auf den Bodo und sein Vorredner verweisen, ist Dr. Garbe. Dessen „Argumente“ aus einem Interview in der „Ostsee-Zeitung“ wurden bereits hier widerlegt. Aber selbst wenn es einen Wissenschaftler gäbe, der zu einer anderen persönlichen Einschätzung kommt: Es würde unsere Argumentation und unsere Textbelege nicht über Nacht erschüttern.
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  • Bodos Frage, ob oder warum der Name Arndt in der DDR nicht abgelegt wurde, ist im höchsten Maße berechtigt.
    Leider durften wir während der Debatte nicht antworten. Daher nun hier die Antwort:
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    bodoNach dem Krieg 1945 haben die Professoren an der Uni den Namen sofort abgelegt. Es gab zwar formell keinen Beschluss, aber die Verbindung zwischen Ernst Moritz Arndt und den Nationalsozialisten war noch frisch.Erst am 27. Februar 1954 nimmt der Senat den Namen wieder auf. Die Initiative kommt aus Reihen der Professoren. Weder die Namensverleihung durch die Nazis noch die Person Arndts und sein Gedankengut, das er verbreitet hat, wird im Senat diskutiert. Eine Aussprache gibt es laut Senats-Protokoll von 1954 nicht (wie auch 1933!).Von wem die Initiative genau ausging, ist nicht überliefert. Man kann nur vermuten, ob es die gleichen konservativen Kreise waren, die auch 33 beteiligt waren. Klar ist, dass z.B. der ehemalige Stahlhelm-Antragsteller Prof. Klawe, der 1933 die Namensnennung der Uni angeregt hatte (und zwischenzeitlich zur NSDAP gewechselt war) nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in die SED übergetreten war. Ob er seinen Einfluss spielen ließ? Wir wissen es nicht.
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    „Die DDR “ gibt es ja nicht. Aber die Universität hatte am 31. Dezember 1953 den Statutenentwurf beim „Staatssekretariat“ vorgelegt. Dies forderte Schriftwechsel über die Namensverleihung von 1933 an. Und dann zunächst die Ablehnung: Das Staatssekretariat schrieb: „Das Statut der Universität Greifswald wurde akzeptiert. Der Name Ernst Moritz Arndt Universität wurde jedoch gestrichen. Der Ministerrat wird nunmehr über die Namensgebung entscheiden.
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    Als sich andeutete, dass die Sache im Sande verlaufen könnte, machte der damalige Rektor Druck, der schließlich wirkte: Am 13. August 1954 – der Ministerrat scheint inzwischen die Sache wieder abgegeben zu haben – teilte das Staatssekretariat für Hochschulwesen mit: „Da vonseiten der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik der Name ihrer Universität nicht (offiziell) aufgehoben wurde, erheben wir unsererseits keinen Einwand. Den gegebenen Umständen entsprechend bedarf es also keiner feierlichen Namensverleihung.“
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    Wieder Spekulation: Vielleicht wollte die DDR-Führung hier einen Kompromiss eingehen, um die Kreise aus dem schon damals konservativen Vorpommern „mitzunehmen“? Dort ist vieles unklar. Letztlich ist es aber alles nicht entscheidend für die Frage, ob wir uns heute mit Arndt identifizieren konnten. Das DDR Kultusministerium konnte es zumindest nicht.

8.) Student ‚Ben‘: Hannah Ahrendt hat Arndt entlastet:
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  • Wir sagen nicht, dass es keine Wissenschaftler gibt, die auch mal was positives an Arndt finden, sondern wir haben keine Wissenschaftler gefunden, die für Arndt als Namenspatron einer Universität sind und dies anhand des Werks von Arndt begründen können.
  • Ich würde mich freuen, wenn uns die Textstelle von Hanna Ahrendt zugeschickt werden könnten. Wie wir gehört haben, soll die Textstelle nur aus einer Fußzeile stammen. Das Buch handelt also keineswegs von Arndt selbst, sondern Arndt wird nur in einer Aufzählung unter anderen genannt. Unsere Fragen an den Text, die wir noch nicht prüfen konnten:

>> Hat Hannah Ahrendt ihre Behauptung mit Textstellen untermauert? (Wir haben gehört, nein).
>> Hat Hannah Ahrendt Argumente geliefert, die die von uns gefundenen Kaptitel aus verschiedenen Büchern  und verschiedenen Lebensabschnitten widerlegen? (Wir haben gehört, nein).
>> Wir haben gehört, der Text wurde (wohl?) 1957 veröffentlicht. Ist der Forschungsstand von 2003 eventuell neuer? Immerhin wurden in dieser Zeit auch noch zwei Schulen nach Arndt benannt, die dies auf ihrer Homepage heute „als Fehler“ eingestehen.
>> Hat sich Hannah Ahrendt in diesem oder einem anderen Buch mit Arndt selbst intensiv beschäftigt? (Wir haben gehört, nein).

  • Aber selbst, wenn all das zuträfe: Auch eine Hannah Ahrendt kann sich irren. Bis dahin warten wir weiter auf einen Textnachweis, damit wir es selbst prüfen können.
  • Zu dem Aufsatz von Herrn Staat:
ben

Ben zeigt die Seite auf der Ahrend E.M Arndt 1957 "entlastet"

>> Es ist gut und völlig in Ordnung, wenn Herr Staat in einem Aufsatz auch einmal die bekannten positiven Aspekte von Arndt hervorhebt. Niemand streitet ab, dass Arndt Märchen sammelte oder sich an verschiedenen Stellen auch mal positiv zu (seiner) Meinungsfreiheit geäußert hat. Herr Staat wird auch sicherlich nicht der Einzige sein, der einige positive Dinge über Arndt zusammentrug.

>> Doch hat sich Herr Staat mit Arndts Rassismus, Antisemitismus, völkischen Nationalismus und Franzosenhass beschäftigt? Offenbar nicht. Es liegt offenbar auch keine Abwägung vor, welche Aspekte schwerer wiegen und ob der Name nach dieser Abwägung für eine Universität angemessen sein kann.

  • Zu Herrn Dr. Garbes unmöglichen Vorwürfen haben wir uns hier geäußert. Herr Garbe wurde für seine unsachlichen Beiträge auch von Kollegen hier an der Universität massiv kritisiert. Warum wird das nun aufgewärmt? Wenn Herr Garbe ihr einziger Vertreter „pro Arndt“ ist, sollten Sie sich Gedanken machen.
  • Dass Ernst Moritz Arndts durch die Nazis „missbraucht“ wurde, ist falsch. Es unterstellt, Arndt habe seinen Rassismus und Antisemitismus nicht so gemeint und die Nazis hätten ihn lediglich in Arndts Schriften hineingelesen. Dies haben wir hier ausführlich widerlegt (Punkt 2 der Liste).
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  • Karl Liebknecht und Robert Blum sollen Arndt zitiert haben. Da dies ja nun „Linke“ bzw. Demokraten seien, stünde Arndt in einem besseren Licht. Da ich nicht weiß, „was“ und „wie ausführlich“ von Arndt zitiert worden sein soll, halten ich die Tatsache allgemein erst mal für wenig spektakulär. So wäre es zum Beispiel möglich, dass Liebknecht Arndt zitierte, um ihn gegen die Konserativen zu verwenden, oder aber gegen die eigenen Leute. Wenn Liebknecht nur einen oder zwei Sätze von Arndt zitierte, sagt dies meinerMeinung nach nicht viel aus. Hingegen können wir nachweisen, dass Reichspropagandaminister Goebbels Arndt seitenweise (!) zitieren konnte, um seinen Rassismus zu rechtfertigen. Zwischen einem Postkarten-Zitat durch Liebknecht und der Neuauflage ganzer Arndt-Bücher durch die Nazis besteht ein gewaltiger Unterschied.
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    Zudem suggeriert diese Aussage, dass die Welt in „die Rechten“ und „ die Linken“ aufgeteilt ist, die sich gegenseitig niemals zitieren würden… In solchen Kategorien denkt die überparteiliche Initiative jedoch nicht (sonst wären wir auf einer ähnlich propagandistischen Stufe wie Arndt, wenn er von „den Deutschen“, „den Juden“ oder „den Dänen“ sprach). Uns geht es um Arndts Rassismus, nicht um die Frage, wer ihn irgendwann einmal zitiert hat.
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  • Im letzten Satz von Ben gibt es noch einmal eine scharfe Priese Polemik gegen die drei öffentlichen Lesungen von Arndt-Texten. Diese werden immer wieder als „Populismus“ bezeichnet. Doch was gibt es besseres als Arndts Texte im Original vorzulesen? Oben wird der Initiative vorgeworfen, wir würden zu viele Professoren zitieren, und zu wenig selbst lesen. Gar den Studenten wurde vorgeworfen, Arndt nicht gelesen zu haben. Nun wird genau das Gegenteil gesagt und uns wieder zum Vorwurf gemacht: Das Verlesen von Arndt-Texten (Direkte Quelle!) sei nun auch falsch. Beides zusammen ist reine Polemik.
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    Da diese Kritik in Verbindung mit Herr Dr. Garbe genannt wird: Herr Garbe hat uns in der Ostsee-Zeitung frontal, ohne Anlass und ohne Vorwarnung angegriffen. Wir haben dazu hier online Stellung bezogen. Herr Garbe kann auch jetzt noch jederzeit per E-Mail oder in der Kommentar-Funktion Argumente für seinen unhöflichen Angriff gegen die Studierendenschaft anbringen. Bisher fehlen solche Argumente jedoch.

Autor: Sebastian Jabbusch, als Privatperson
Fotos: Alexander Kendzia

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4 Antworten auf “Debattierclub: Antworten auf freie Redner

  1. ralph

    vor den sachlichen erwiderungen: es ist wirklich dringend notwendig, dass ihr auf die textkorrektur mehr zeit verwendet. beim ersten oberflächlichen lesen des artikels habe ich bei fehler nr. 50 (alles mögliche: rechtschreibfehler (darunter missgestalten wie die „waimarer klassik“ und „hannah ahrend“), falsche oder fehlende interpunktion, schwere konstruktionsfehler, überflüssige wörter, die zu anakoluthen führen) mit dem zählen aufgehört – das war etwa in der mitte von punkt sechs. das ist keine besserwisserei (und mir sei diese kritik, auch wenn ich jemand bin, der in foren der bequemlichkeit halber grundsätzlich alles klein schreibt, also auch nicht gerade als glänzendes vorbild gelten kann, dennoch gestattet): gerade im akademischen bereich gibt es jedoch jede menge leute, die, weil sie von berufs wegen den lieben langen tag mit lesen zubringen, dazu neigen, leute, denen solche vermeidbaren fehler unterlaufen, von anfang an für vollidioten zu halten und sich daher mit ihren sachargumenten erst gar nicht auseinandersetzen. ich meine aber, dass ihr auch (und vielleicht gerade) solche leute erreichen müsstet. mit solchen flüchtigkeiten verschenkt ihr euch also wahrscheinlich ohne not ziemlich viel.

    der vergleich mit hitlers „mein kampf“ ist leider ebenso unangemessen wie unzutreffend. hitlers rassismus muss, im gegensatz zu arndts rassismus, nicht erst aus seinen schriften erschlossen werden, denn der nationalsozialismus hat hier unmissverständliche, außertextuelle tatsachen geschaffen. wenn man über arndts rassismus redet, muss man jedoch über seine texte reden. und wenn man über texte reden will, muss man sie vorher gelesen haben. eure rechtfertigung einer nicht-lektüre arndts – und ihr geht sogar noch über eine bloße rechtfertigung hinaus, wenn ihr von der breiten masse der studierenden sprecht, die arndt „aus gutem grund“ nie gelesen hat – halte ich für das unseligste, was man in so einer debatte nur äußern kann, denn sie öffnet der beliebig assoziierenden schwafelei aus jeglicher politischen richtung tür und tor. wenn hier die bahn freigemacht werden soll für eine arndt-debatte, bei der die diskutierenden keine zeile arndt gelesen haben müssen und dennoch "wissen", was drinsteht, muss man sich freilich nicht wundern, wenn, wie m. wagner hier an anderer stelle geschrieben hat, mancher studierende sich in dem glauben befindet, die uni trage den namen eines „nationalsozialisten.“

    der hinweis auf hannah arendt ist, da hier ausschließlich (,was natürlich nicht an euch liegt,) diffuse mutmaßungen geäußert werden, komplett nutzlos. wäre es nicht sinnvoller gewesen, hier eine antwort erst nach der kenntnis der stelle zu veröffentlichen?

    zu eurer auseinandersetzung mit garbe habe ich an der entsprechenden stelle – weiß gott – schon mehr als genug geschrieben. da ihr aber nun wieder selbstsicher darauf bezug nehmt, möchte ich trotzdem noch einmal darauf hinweisen, dass mir der kern meiner kritik hier bei weitem nicht widerlegt zu sein scheint.

    1. Uni-ohne-Arndt Team Autor

      1.) Rechtschreibung wurde komplett überarbeitet, danke.

      2.) Sicher würde auch wir begrüßen, wenn jeder Student ein Buch von Arndt lesen würde. Aber wir halten es nicht als zwingende Voraussetzung, um Arndts Rassismus abzulehnen. Dafür gibt es letztlich die Geschichtswissenschaft – und dort ist Arndts Rassismus nicht umstritten.

      3.) Wir haben immer noch keinen Beleg für das Zitat von Arendt erhalten. Solange es uns nicht vorgelegt wird, können wir nur vermuten…

      4.) Und wir weisen gerne darauf hin, dass wir immer noch nicht wissen, was Garbes Kritik im Kern war, außer dass er uns als „Populisten“ diffamiert hat und für sich herausnimmt, als einziger die „wahre“ Interpretation von Arndt zu kennen… Aber diesen diesen Dialog müssen Herr Garbe und die „restliche Wissenschaft“ führen. Dies ist nicht „unser“ Konflikt.

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