Positive Bilanz nach Arndt-Debatte

karla

Karla Thurm spricht für die Initiative "Uni ohne Arndt"

„Bei einer politischen Debatte gewinnen alle Teilnehmer“, das gilt sicher nicht nur für den Debattierclub generell, sondern insbesondere für den gestrigen Abend.

Die „Uni ohne Arndt“ Gruppe, hat sich gefreut, dass die Pro-Arndt Gruppe in ihrer Argumentation sehr sachlich geblieben ist. Weder hat man den Versuch unternommen Arndts Rassismus, noch seinen Antisemitismus in Frage zu stellen. Auch, dass Arndts monarchistische Einstellung nicht erneut als „Demokrat“ verkauft wurden, begrüßen wir.

Inhaltlich fehlten uns jedoch von der Pro-Arndt AG neue Impulse. Kirchenmusik, Lyrik von regionaler Bedeutung und eine Märchensammlung rechtfertigen aus unserer Sicht weiterhin keine Uni-Namensgebung, insbesondere nicht angesichts Arndts dominierenden negativen Seiten und der Tradition von 1933.

Zusammen mit Vertretern des Debattierclub wurde nach der Debatte die erstaunlich gut besuchte Veranstaltung mit einem Bier gefeiert.

Enttäuscht und entsetzt zeigten sich einige Vertreter der Initiative über die unsachlichen und teils sachfremden Debattenbeiträge aus einer Gruppe aus dem Publikum. Leider sahen die „Spielregeln“ des Debattierclubs keine Antwortmöglichkeiten vor, weshalb kein Dialog entstand. Man bekam jedoch auch das eindringliche Gefühl, dass hier kein Dialog gesucht wurde, sondern eher ein Forum, um seinen Frust loszuwerden. Mehr dazu hinter dem Klick… 

Zurzeit liegt uns noch keine Audioaufzeichnung vor. Sobald diese zur Verfügung steht, werden wir eine kurze Antwort zu jedem Beitrag veröffentlichen. Wir bieten – wie bisher – jedem an uns seiner Beiträge zuzuschicken. Wir veröffentlichen alles auf unserer Homepage, um es einer öffentlichen Diskussion zur Verfügung zu stellen.

Trotzdem hier schon vorab ein paar Richtigstellungen, der zum Teil äußerst obskuren Thesen (basierend auf Gedächtnisprotokoll):

  • Ivo Sieder, der Vorsitzende der RCDS Hochschulgruppe, warf uns vor „Wissenschaftler-Hörig“ zu sein. Unsere Beiträge hätten zu viele Zitate von Wissenschaftlern enthalten. (Wahrscheinlich sollte damit suggeriert werden, dass wir uns nicht genug eigene Gedanken machen?) Ein Anderer warf der Initiative hingegen „reinen Populismus“ vor. Ein seltsamer Widerspruch…

    ivo

    Ivo Sieder, RCDS Vorsitzender kritisiert "Wissenschaftler-Hörigkeit"

  • Im Rahmen des „Populismus“-Vorwurfs wurden auch die von der Initiative durchgeführten öffentlichen Arndt-Lesungen kritisiert. Ein Dritter kritisierte hingegen, dass die Initiative ja noch „kein einziges Buch“ von Arndt „selbst in der Hand“ gehabt hätte, bzw. „nie in der Bibliothek war“. Auch hier ein für uns nicht-lösbarer Widerspruch… Angesichts der intensiven Recherche und endlosen Lesestunden, langen Nächte, die seit Juni in dieses Projekt geflossen sind, empfinden wir dies als Diffamierung unserer Arbeit, auch wenn es wahrscheinlich (hoffentlich) so nicht gemeint war.
  • Zudem behaupte der RCDS-Vorsitzende, dass es in der Geschichtswissenschaft keine „absoluten Wahrheiten“ gäbe. Alles sei  relativ und eine Sache der Interpretation. Das stimmt so nicht. Quellen lassen sich prüfen. An der Echtheit von Arndts Büchern besteht auch kein Zweifel. Arndts Antisemitismus, sein Rassismus und völkischer Nationalismus kann jeder selbst nachlesen. Über Google Books sogar online. Diese Fakten lassen sich nicht wegdiskutieren: Weder mit einer pauschalen Professoren-Schelte noch indem man sich in neumodischer Geschichtsrelativierung versucht. (Sehr bewusst stellen wir deshalb immer wieder in den Vordergrund, dass die Umbenennung deshalb eine „moralische“ Entscheidung ist – basierend aber auf den Erkenntnissen der Wissenschaft). Wir sind im höchsten Maße irritiert, welche Strategie der RCDS verfolgt, wenn er durch seine Pro-Arndt AG Arndts Antisemitismus offiziell akzeptiert, der Vorsitzende selbigen dann aber im Rahmen eines solchen Statements wieder in Frage stellt.
  • Sehr mutig fanden wir eine Studentin, die es noch wagte sich den Äußerungen in den Weg zu stellen. Sie wies den RCDS-Vorsitzenden darauf hin, dass Menschenrechte und Menschenwürde durchaus eine absolute Wahrheit darstellen können. Und den Maßstab der Menschlichkeit hat es auch damals schon gegeben.
  • Wir seien „Moralisten“, haben wir in einem anderen Redebeitrag als Vorwurf verstanden. Wir haben noch den ganzen Abend darüber nachgedacht, wo darin wohl etwas negatives sein kann, wenn man Moralist ist. Wir sind aber bisher zu keinem Ergebnis gekommen. Der Vorwurf ist besonders seltsam, da wir (und viele Professoren) ja gerade offen fordern: Hier müssen wir eine (moralische) Wert(e)-Entscheidung über Arndts politische Visionen („Leistungen“ kommt uns im Zusammenhang mit Rassismus nicht über die Lippen) treffen.
  • Auch der pauschale Vorwurf, wir würden Arndt nicht „in seiner Zeit sehen“, durfte nicht fehlen. Unsere schon häufig gegebene Antwort findet man hier in unserer FAQ.
  • Jemand anderes versuchte (sofern wir das richtig rekonstruieren) Arndt in ein gutes Licht zu rücken, da er ja auch von „Linken“ wie Liebknecht in einer Reichstagsrede zitiert worden sei. Da wir nicht wissen, was genau von Arndt zitiert worden sein soll, halten wir die Tatsache allgemein erst mal für wenig spektakulär. Zudem suggeriert diese Aussage, dass die Welt in „die Rechten“ und „ die Linken“ aufgeteilt ist. In solchen Kategorien denkt die überparteiliche Initiative jedoch nicht (sonst wären wir auf einer ähnlich propagandistischen Stufe wie Arndt, wenn er von „den Deutschen“, „die Juden“ oder „die Dänen“ sprach). Uns geht es um Arndts Rassismus, nicht um die Frage, wer ihn irgendwann einmal zitiert hat.

ingowitt

Kurzum:  Zahlreiche Beiträge drehten sich darum, ob die Initiative nun dieses oder jenes richtig oder falsch machen würde. Über Arndt selbst wurde leider wenig gesagt. Es erinnerte stark an einen lebendig gewordenen webMoritz-Kommentar-Flamewar. 😉

Die Sache hatte übrigens auch ein Gutes. Zahlreiche StudentInnen haben uns berichtet, nun erst recht motiviert zu sein, zur Urabstimmung zu gehen und für die Umbenennung zu stimmen. Sie waren vom Stil und der Unsachlichkeit der überwiegend konservativen Publikumskommentare enttäuscht. Eine Studentin war gar derart entsetzt, dass sie uns erklärte, sie wollen sich nun auf jeden Fall bei uns engagieren. Sie hätte nicht gedacht, dass an einer Universität „so etwas möglich sei“.

Doch bevor wir nur die negativen Dinge hervorheben:

  • Es gab aber auch ein paar gute Fragen aus dem Publikum, etwa warum die DDR den Namen nicht abgelegt hat. Dass dies durchaus der Fall war und der Name erst 1954 – wahrscheinlich auf Ansinnen einiger älterer konservativer Eliten – gegen den Widerstand des DDR-Kultusministeriums wieder aufgenommen wurde, konnten wir leider nicht ergänzen. Wir hoffen es erreicht hier den Fragesteller. Ausführlich lesen sie dazu hier (unten in den Kommentaren) oder hier.
  • Wirklich gut fanden wir den Hinweis des Studenten Benjamin. Dieser hatte einen vierseitigen Aufsatz mitgebracht indem er u.a. auf einer Textstelle verwies in der die Publizistin Hanna Arendt, Arndt als „keinen Antisemiten“ eingestuft haben soll. Um das zu prüfen, bitten wir den Studenten uns seinen Aufsatz oder die Textstelle zuzuschicken, wir würden ihn gerne veröffentlichen. Dasselbe gilt auch für die Gruppe der anderen Diskutanten, mit deren Vorhaltungen wir uns gerne beschäftigen.

Die Uni-ohne-Arndt.de Seite bietet bereits seit ihrer Gründung an, Texte, Pro- und Gegenargumente, Bedenken oder Wünsche zu veröffentlichen. Schon zahlreiche Diskussionen sind so entstanden und die Initiative hat bereits zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze veröffentlichen können. Zuletzt sogar ein ganzes Buch, welches sämtliche Vorträge des Arndt-Kolloquiums aus dem Jahre 2001.

*Update*

Wir haben hier noch einmal den zweiten Teil unser Argumente veröffentlicht, indem wir auf die bisher bekannte Argumente eingehen, die angeblich eine Beibehaltung des Namens rechtfertigen sollen: Hier durchlesen (PDF).

Fotos: Alexander Kendzia, CC via webMoritz

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7 Antworten auf “Positive Bilanz nach Arndt-Debatte

  1. Marco_Wagner

    Karl Liebknecht bezog sich im Zusammenhang der Ablehnung der Zustimmung der Kriegsrenditen im Vorfeld des ersten Weltkrieges auf Ernst Moritz Arndt. In dieser Rede wird Bezug auf den "Katechismus für den teutschen Landwehrmann" genommen. In Anlehnung an Luthers "Katechismus" wird darin auf einfache, verständliche Art und Weise beschrieben, wie sich ein guter "teutscher Landwehrmann" zu verhalten habe. Da sich Arndt sehr stark in christlicher Tradition sah, formulierte er Forderungen, die sich heute u.a. in der Genfer Konvention wieder finden. So zum Beispiel die Forderung nach dem vermeiden von Zivilisten in Kriegen. Die Aufforderung an den "teutschen Landwehrmann", Befehle zu verweigern, wenn sie mit dem (im Arndtschen Sinn wieder christlichen) Gewissen nicht vereinbar seien. Gerade wenn man bedenkt, wie oft auch heute noch von "teutschen Landwehrmännern" Menschenrechte zum Teil über Bord geworfen werden ( Totenschändung in Afghanistan, Bombardierung einer Brücke in Jugoslawien als sich mehrere Zivilisten [ein Hochzeitszug] aufhielten oder aber der jüngste Luftangriffsbefehl auf einen Tanklaster), hat insbesondere diese Schrift auch noch heute zentrale Bedeutung.

    1. Sebastian Jabbusch

      Ja – der "Katechismus für den teutschen Landwehrmann" ist sicherlich ein wichtiges Werk von Arndt. Es ist auch eines der wenigen, wo man (wenn ich richtig informiert bin) vergleichsweise wenig rassistische Kommentare findet.

      (Auch wenns letztlich nicht entscheidend ist: Wenn ich das richtig verstehe, heißt das wohl, dass Karl Liebknecht die Konserativen im Reichstag – indem er Arndt zitiert – mit "ihren eigenen Waffen" schlagen will? Also sich (wahrscheinlich?) gegen Krieg aussprechen wollte? Hört sich für mich nicht danach an, als ob jetzt Karl Liebknecht deshalb wirklich von Arndt begeistert ist? )

      Was ich mich jedoch Frage ist: Kann Arndts starke Begeisterung für Militär, Soldatentum und seine (illusorischen) Idealvorstellungen derselben wirklich auf der Positivseite gewertet werden? (Achtung: Moralische Frage!)

      zumindest gleicht auch dies für mich Rassismus und Antisemitismus nicht aus… Immerhin stimme ich zu, dass ich Arndt seine Begeisterung / seinen Traum für eine "gute" Armee eher "abkaufe"… 😉

      Da ich persönlich aber auch insgesamt nicht so viel von Krieg und Militär halte (obwohl ich deren Existenz nicht in Frage stellen will), finde ich das auch für die Namensdebatte einer Uni nicht wirklich relevant.

  2. J.K.

    Hallo Initiativ-linge,

    falls es drüben im webmoritz untergegangen ist: Die angesprochenen Textstellen von Hannah Arendt befinden sich in der Schrift "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft : Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus". Zumindest in der 1962er Ausgabe auf den Seiten 240ff. , möglicherweise sind späterer Ausgaben nochmals überarbeitet worden. Das Buch ist an mehreren Stellen in der Universität zu finden, u.a. in der FB Slawistik, FB Pädagogik/Psychologie, der Schießwall-Bib und auch der UB.

    Bin gespannt wie ihr dieses Gegenargument verarbeitet. Viel Erfolg.

    1. Uni-ohne-Arndt Team Autor

      Hallo J.K.

      wie schon geschrieben: Auch wir sind neugierig und werden es erst lesen. Falls Du den Benjamin kennst, kannst Du ihn ja mal bitten uns den Text zuzuschicken. Wir veröffentlichen ihn gerne.

      Über solche sachlichen Beiträge zur Debatte heben sich gerade von der sonst üblichen Polemik ab… 😉

  3. Martin

    das finde ich interessant, jetzt wirkt die Frage "Warum sollen wir denn Deinen Kommentar nicht veröffentlichen" ein wenig scheinheilig auf mich. Denn ganz offensichtlich wurde meine kritische Meinung an Eurer Darstellung nicht veröffentlicht. schade – aber wie Ihr Transparenz und Demokratie nach Euren Vorstellungen verbiegt… nicht schlecht… (sollte es einen andern Grund geben sind diese Zeilen natürlich hinfällig)

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