Arndt und der Judenpogrom in Minden

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Szene der Hepp-Hepp-Krawalle gegen Juden 1819 - Zum Vergrößern anklicken

Bei der Podiumsdiskussion vor zwei Wochen wurde gegen Ende auch das Thema „Antisemitimus“ gesprochen. Da das Thema so spät am Abend diskutiert wurde, ging es etwas unter. Wir es daher hier noch einmal gesondert behandeln:

Denn am Abend zeigte Prof. Arno Herzig auf, dass Arndt einen engen Kontakt zu dem Oberauditeur Heinrich Eugen Marcard hatte. Der Professor wies darauf hin, dass Marcard als einer der ersten ein Programm für eine Antisemitismuspartei entworfen hatte: „Über die Möglichkeit der Juden-Emancipation im christlich-germanischen Staat“.

Und genau zu diesem Antisemitismusprogramm hatte sich Ernst Moritz Arndt klar positiv  geäußert. Seine Zustimmung schrieb Arndt in einem Brief  an Marcard selbst. Den Brief verschickte Arndt übrigens nachdem es in Minden zu einem Pogrom gegen Juden kam, welchen Macard heraufbeschwor. Eine Distanzierung gegen diese oder andere Pogrome finden die Professoren in Arndts Schriften bis heute nicht.

Wir haben für Euch diese spannende Stelle aus der Debatte noch einmal ausgeschnitten:

Hinter diesem Klick findet ihr den Dialog auch als ausführlichen Text mit Erläuterungen. Ihr könnt den Text auch als PDF öffnen und ausdrucken.

Professor Dr. Arno Herzig:

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Prof. Dr. Arno Herzig

„… kommt eine Erfahrung dazu, die Arndt bei einer Reise gemacht hat, bei der er wohl polnische Juden kennen gelernt hat. Hier gebraucht er dann – auf Juden bezogen – Tiermetaphern wie „Fliegen“ und „Ungeziefer“. Die polnischen Juden sind nach seiner Auffassung vom deutschen Volkskörper – im Gegensatz zu den deutschen Juden – nicht zu verkraften. Das, was er im Hinblick auf die deutschen Juden Positives gesagt hat, ist nun negativ. Aus „Klugheit und Geist“ werden hier „List und Tücke“: und „…wen sie einmal aufgegriffen haben, dem saugen sie das Blut aus, den lassen sie nicht wieder los“.

Der politische Aspekt dabei ist: Die polnischen Juden sind aus seiner Sicht eine Art „Geheimwaffe der Moskowiter“.(Anm. der Red.: Mokowiter ist eine inoffizielle Bezeichnung für das Großfürstentum Moskau).  Was die „Welschen“ (gemeint sind u.a. die Franzosenan Gefahr von Westen brächten, brächten die „Moskowiter über die polnischen Juden vom Osten nach Deutschland hinein“. Die Juden wären eine Art „fünfte Kolonne“ (Info) und als solche von den Deutschen nicht zu integrieren.

Arndt vertritt ein sehr ambivalentes Judenbild. Durch den Begriff „Bastardisierung“, den er für die Vermischung mit den Juden gebraucht, steht das Ganze in einen rassistischen Kontext. Seine Äußerungen in dieser Beziehung und auch im Hinblick auf den Liberalismus werden im Laufe der Diskussion bei ihm immer schärfer. Bei seinem Kampf gegen den Liberalismus bzw. den Kapitalismus sind es die Juden, die 1848 die Revolution gebracht haben. Nach Arndt hätte die „Humanität“ der französischen Revolution zu einem „Völkerbrei“ geführt.

Als Mitglied der Paulskirche hätte sich Arndt von dem Patriotismus der Juden überzeugen können. Doch 1848 vertreten für ihn die Juden den „radikalsten Flügel“. Das ist ein Topos, der auch bei anderen Zeitgenossen, so bei Friedrich Harkort, auftaucht. Dahinter steht die Idee, dass die Juden die Revolution gestartet hätten, um Deutschland ins Verderben zu führen. Darunter packt Arndt auch alles, was die Revolution an positiven Werten gebracht hat. Also auch die Demokratie gerät bei ihm in ein schlechtes Licht. Das ist für ihn alles „Radikalismus“. Also insofern ist seine Haltung judenfeindlich bis hin zu antisemitisch.

Arndt stand damals in Korrespondenz mit dem Mindener Heeres-Auditor, das ist ein Militärrichter, namens Heinrich Marcard. Dieser entwickelte als erster in seinen Schriften 1843 ein antisemitisches Parteiprogramm. Hierin polemisiert er gegen die „Humanität“ als „tolerant zerstörenden Kosmopolitismus“. Juden und Deutsche stehen sich nach Marcard feindlich gegenüber; der Jude sei den Deutschen überlegen, da er „verlebt, verschlossen, kalt berechnend ist“ und die Fähigkeit zu hassen besäße.

Marcard spricht sich gegen eine „Vermischung“ aus. Arndt stimmte in einem Brief den Ansichten Marcards zu. Die Polemik Marcards führte in Minden zu judenfeindlichen Aktionen, von denen auch Arndt gewusst haben muss.

War Arndt Antisemit? Ich denke schon, auch wenn er keine zusammenfassende Schrift gegen die Juden verfasst hat.

Prof. Dr. Werner Buchholz ergänzt:

„Manchmal ist es ja auch aufschlussreich, was jemand nicht schreibt: Zu Arndts Lebenszeiten liefen ja drei Wellen antisemitischer Gewalttätigkeiten und Ausschreitungen durch Deutschland. Der Marcard ist nur einer der zahlreichen Verfasser antijüdischer Hetzschriften. 1819 waren es die Hepp-Hepp-Krawalle; 1832 gab es weitere und dann noch in den 1840iger Jahren. Man weiß ja nicht von allen Pogromen, wer diese auf welche Weise ausgelöst hat.

Aber bei dem Pognom in Minden weiß man ja, dass der von Marcard selbst ausgelöst wurde. Marcard hat eine Hostienschändung so inszeniert, die man den Mindener Juden in die Schuhe schieben konnte. Und als die Mindener Öffentlichkeit dann tatsächlich glaubte, dass von den örtlichen Juden angeblich eine Hostienschändung beganngen worden wäre, ließ Marcard nachts Flugblätter verteilen und rief zur Judenverfolgung auf. Das alles ist dokumentiert in den Polizeiakten die heute in Dettmold liegen. [Anm. d. Red.: Darüber haben auch Stefan Rohrbacher und Arno herzig geschrieben.] […]

buchholz

Prof. Dr. Werner Buchholz

Und das ist genau der Militärrichter (Auditeur) Marcard mit dem Arndt direkt in Kontakt stand. Und Arndt lehnte auch sonst nicht die Judenverfolgungen ab. Er hätte ja sagen beziehungsweise schreiben können:  ‚Also ich hab da was gegen die Juden geschrieben, aber das es zu Übergriffen und Gewalttätigkeiten kommt, wollte ich nicht…‘ Es war Arndt bekannt, dass da Wohnungen verwüstet wurden und es Schwerverletzte gab. Ich habe jedoch in der Literatur dazu keine Reaktion Arndts auf die Judenverfolgung gefunden.  […]

[Ergänzende Anmerkung Buchholz: Im Gegenteil drohte er den Juden mit weiteren Verfolgungen, etwa in seinen „Reden und Glossen“ aus dem Jahre 1848, wobei er auf die Hepp! Hepp! – Ausschreitungen von 1819 ausdrücklich hinwies.]

Und diese antijüdische Hetzschrift von dem Marquard aus dem Jahre 1843 habe ich per Fernleihe bestellt, die liegt noch in der Uni-Bibliothek im Stahlschrank, weil diese nicht herausgegeben werden darf. Was da drin steht ist ungenießbar, das geht wirklich ausschließlich emotional gegen die Juden, besser gesagt gegen das Feindbild Jude, wie es nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in der Vorstellung Marcards und Arndts [und anderer Hassprediger] existierte. Diesem Text konnte ich auch entnehmen, dass die von Arndt verwendete Terminologie „Juden und Judengenossen“ auch bei Marquard auftaucht.

Aus dieser antijüdischen hetzschrift Marcards wird erst klar was damit gemeint ist. Juden ist ja klar, das sind [Heinrich] Heine und [Ludwig] Börne. Aber „Judengenossen“, das war auch für mich neu, dass Arndt damit etwa Lessing meint. Anhand der Marcard’schen Schrift kann das praktisch dahingehend entschlüsselt werden. Lessing wird wahrscheinlich wegen seines Dramas „Nathan der Weise“ als „Judengenosse“ bezeichnet. [Anm. der Redaktion: Nathan der Weise hat als Themenschwerpunkt den Humanismus. In der Figur Nathans des Weisen setzte Lessing seinem Freund Moses Mendelssohn, dem Begründer der jüdischen Aufklärung, ein literarisches Denkmal.] Von Heinrich Heine [Anm. d. Red.: Autor mit jüdischen Wurzeln, der deshalb stark verfolgt wurde] behauptet Marcard, dass dieser ein ganz mittelmäßiger Dichter sei.

Und Arndt sagt zu dieser Schrift [Marcards]: „‚Ich habe ihr Büchlein über die Judenfrage gelesen und danke Ihnen nun recht herzlich für das Geschenk. Ich bin im Ganzen mit Ihren Ansichten einverstanden, und muß auch in Hinsicht der Sprache und des Stils Ihre Schrift loben“ *(Quelleangabe unten)*.  Und wenn man das weiß, ist es an jedem selbst, das zu bewerten. „

(Applaus)

Moderator, Marcus Unbenannt:

„Ich gebe noch mal Professor Stamm-Kuhlmann das Wort und dann können wir noch in eine zweite Publikumsrunde geben.“

Prof. Thomas Stamm-Kuhlmann:

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Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann

„Noch mal als Ergänzung: Es wird häufig gesagt, dass es unhistorisch sei, von Antisemitismus bereits für das frühe 19. Jahrhundert zu sprechen, weil der Begriff erst 1879 so richtig bekannt geworden ist. Die Frage ist aber doch, ob nicht die Sache wichtiger ist als das Wort. Also die Dinge, die uns hier aufgezählt worden sind, sind meiner Meinung nach sehr eindeutig  und es gibt eben auch Historiker, die den Begriff Antisemitismus als Analyseterminus schon für das frühe 19. Jahrhundert verwenden.“

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Quellen:

** Dies schreibt Arndt am 22. April 1843 an Marcard zu dessen Buch. Nachzulesen bei Dühr, Albrecht : Ernst Moritz Arndt Briefe Bd. 3, Nr. 1100, S. 107/08.

Außerdem:

  • Ausführlicherer über Marcard:  Herzig, Arno: Judentum und Emanzipation in Westfalen, Münster 1973, S. 83 – 85.
  • Herzig, Arno: Juden und deutsche Arbeiterbewegung bis 1933 (Google Books), S. 9. f.
  • Die ganze Podiumsdikussion können Sie sich hier anhören.

Bildquellen:

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