Auf der Vollversammlung am 17. Juni hielt Professor Werner Bucholz eine Rede. Darin reflektiert er einige häufig gebrauchte Pro- und Gegenargumente Argumente zum Thema “Ernst Moritz Arndt”. Buchholz ist Professor für pommerische Landesgeschichte in Greifswald.
Jetzt hat uns Herr Buchholz freundlicherweise diese Rede zur Verfügung gestellt. Sie enthält einige spannende Argumente zum Thema Umbenennung. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen…
_“Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen!
Für die Einladung des AStA, hier auf dieser Vollversammlung eine kurze Ansprache über die Problematik des Namenspatrons Ernst Moritz Arndt zu halten, darf ich mich bei Ihnen sehr herzlich bedanken.
Ernst Moritz Arndt ist eine Kultfigur für Neonazis und Rechtsextremisten. Nicht zuletzt hat der Reichsminister Dr. Joseph Goebbels ganze Passagen aus Arndts Schriften in seine Reden übernommen. Über fünf Jahrzehnte lang hatte Arndt Völker- und Fremdenhass, Krieg und Antijudaismus gepredigt. Das meiste davon, und das ist nicht wenig, liegt gedruckt vor. Es ist dieses gedruckt vorliegende Werk, das Arndt zur Kultfigur von Neonazis und Rechtsextremisten machte.
Dies alles ist seit Jahren bekannt.
Diese Hintergründe wurden im Zusammenhang mit dem Arndt-Kolloquium im Jahre 2001, das auf Anregung des damaligen Rektors stattfand, aufgearbeitet und der Öffentlichkeit im Druck zugänglich gemacht. Sechs Greifswalder und ein Hamburger Professor trugen Ergebnisse ihrer Forschungen vor und veröffentlichten diese anschließend in den Heften der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft (Band 8, 2003). Neben Historikern hatten sich auch Literaturwissenschaftler beteiligt. [Die ganze Rede lesen hinter dem Klick]
Selbst bin ich als Landeshistoriker schon zuständigkeitshalber immer wieder auf Ernst Moritz Arndt gestoßen, manchmal als Zeitzeuge, meistens aber als Hass und Rache schnaubender politischer Propagandist.
Meine eigenen wissenschaftlichen Positionen habe ich in führenden Publikationsorganen der deutschen Geschichtswissenschaft dargestellt, unter anderem in der Historischen Zeitschrift (in dem von mir herausgegeben Beiheft 37), dem Flaggschiff der deutschen Historikerzunft, sowie in der Reihe der Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte. Darauf möchte ich hier nicht eingehen, auch das ist alles seit Jahren bekannt und jedermann öffentlich zugänglich.
Hier möchte ich auf die Art und Weise der Diskussion eingehen, der es offensichtlich zu danken ist, dass die Universität Greifswald bis heute den Namen Arndts trägt.
Gerade weil die lokale Diskussion, wie Hartmut Lutz nach dem Arndt-Kolloquium in seinem Bericht an den Senat und Reinhard Bach in der Einleitung zu dem Arndt-Band schrieben, an der Sache vorbeiging, Inhalte ausklammerte, offene Fragen und Probleme verdrängte und den wissenschaftlichen Ertrag des Kolloquiums ignorierte [und bis heute ignoriert], sich darüber hinaus an Ressentiments ausrichtete und auch keine der Instanzen, die für eine Versachlichung der Diskussion hätten sorgen können, hier eingriff, erschien es mir notwendig, meine eigene Stellungnahme zur Diskussion in überregionalen Publikationen zu veröffentlichen. Diese erschien am 13. November 2001 in der Süddeutschen Zeitung mit der Überschrift „Eine Tagung mit Folgen“.
Ich kenne keine Veröffentlichungen von Befürwortern der Beibehaltung des Namens Arndt, die etwa den veröffentlichten Beiträgen des Kolloquiums entsprechen würden und sich auf der nationalen Ebene in die Diskussion eingeschaltet hätten. Selbst acht Jahre nach dem Kolloquium liegt, soweit ich sehe, keine vergleichbare Veröffentlichung eines Befürworters der Namensgebung vor, in der etwa in wissenschaftlich seriöser Weise aus Leben und Werk Ernst Moritz Arndts stichhaltige Gründe für die Auffassung hergeleitet werden, dass es gut und nützlich sei, diesen Namen beizubehalten, gar nicht erst zu reden von einer Begründung dafür, dass Ernst Moritz Arndt ein Vorbild für die studentische Jugend sein soll. Diese Frage hat Hartmut Lutz vor acht Jahren gestellt. Sie ist bis heute unbeantwortet geblieben.
Anstelle einer inhaltlichen Diskussion gab es auf der lokalen Ebene immer wieder Versuche, die Position der Befürworter einer Namensänderung öffentlich zu diskreditieren, indem Scheinargumente vorgetragen wurden und werden, deren vorrangiges Ziel es war, von Person und Werk Arndts abzulenken und die Auseinandersetzung auf eine andere Ebene zu bringen. Dabei macht man sich vor allem den Umstand zunutze, dass Werk und Leben Ernst Moritz Arndts in der Öffentlichkeit naturgemäß nicht so gut bekannt sind.
Wie also wird da argumentiert? Ich stelle einige dieser Scheinargumente vor, die immer wieder vorgebracht werden:
Das „Differenzierungs“-Argument:
Es müsse stärker „differenziert“ werden, heißt es da mitunter. Differenzieren ist das tägliche Brot des Wissenschaftlers und tatsächlich wurde diese Auffassung bisher weder an den vorliegenden Untersuchungen belegt, noch haben diejenigen, die diesen Einwurf vorgebracht haben, selbst eine Untersuchung vorgelegt, in der sie an der Sache selbst gezeigt hätten, was sie sich unter „differenziert“ vorstellen. Offensichtlich handelt es sich nur um eine Worthülse. Man hat offenbar gar keine rechte Vorstellung davon, was Differenzierung eigentlich ist. So wunderte sich unter anderem einer dieser Schreiber darüber, dass ich in meinen Veröffentlichungen Ernst Moritz Arndt als Zeitzeuge zitiere, obwohl dieser von mir angeblich doch sonst so „verteufelt“ werde. Dies zeigt die Willkür, mit der hier mit Begriffen jenseits ihrer eigentlichen Bedeutung gearbeitet wird.
Differenziert im üblichen Sinne sind dagegen die Untersuchungen von sieben fachlich zuständigen und kompetenten Greifswalder und Hamburger Professoren, die mehrheitlich zu der Überzeugung gelangten, dass es untragbar sei, unsere Universität weiterhin nach Ernst Moritz Arndt zu benennen.
Das „Arndt-und-sein-Werk-müssen-historisch-eingeordnet-werden“-Argument:
Ja, das stimmt. Was macht denn der Historiker sonst, wenn nicht historisch einordnen? Dieser Einwurf offenbart vielleicht am deutlichsten, dass es seinen Verfechtern darum geht, der inhaltlichen Diskussion auszuweichen und der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen. So ist dieser denn der absurdeste von allen, und natürlich wird er ausschließlich auf der lokalen Ebene und an den vorliegenden Untersuchungen vorbei geäußert. Überregional oder gar national oder international hat ein derartiger Einwurf keinen Bestand.
In der wissenschaftlichen Fachwelt bezweifelt niemand, dass die vorgelegten Untersuchungen zu Arndt professionell ausgeführt wurden, im Gegenteil. Und natürlich wird dieser Vorwurf nirgends an den Texten selbst belegt, sondern frei in den Raum gestellt. Auch haben die Anhänger des Namenspatrons die immerhin acht Jahre, die seit dem Kolloquium verflossen sind, keineswegs dazu genutzt, eine in ihrem Sinne “differenzierte” historische Einordnung von Leben und Werk Arndts vorzulegen. Überhaupt fällt auf, dass diese für ihre Behauptungen bisher kein einschlägiges wissenschaftliches Publikationsorgan gefunden haben, das bereit wäre Derartiges zu veröffentlichen. Wenn solche Äußerungen im “Greifswalder Blitz” (nichts gegen die Menschen, die dort arbeiten und gesellschaftlich nützliche Funktionen erfüllen) abgedruckt werden neben den dort üblichen Kontaktanzeigen und einschlägigen Inseraten, dann sind sie genau dort erschienen, wo sie hingehören.
Es bleibt die Frage, was denn die Befürworter des Namens Arndt daran hindert, eine solche Untersuchung durchzuführen, in der sie ihre Position positiv aus dem Werk Arndts heraus belegen und darstellen und diese in einer der überregionalen wissenschaftlichen Publikationsorgane zu veröffentlichen? Man macht sich hier anscheinend nur den Umstand zunutze, dass die wissenschaftliche Diskussion in der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wird. Darin sieht man offenbar eine Chance, alles Mögliche zu behaupten, wenn es denn dazu dient, die Kritiker Arndts zu verunglimpfen und ihren inhaltlichen Argumenten auszuweichen.
Das „Die-Diskussion-geht-doch-eigentlich-um-die-Namensgebung“-Argument
Ja, auch das stimmt. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass Person und Werk Arndts die entscheidenden und grundlegenden Kriterien in dieser Diskussion liefern und diese Diskussion daher nicht losgelöst davon geführt werden kann. Dieser Einwurf entlarvt sich damit im Grunde selbst als Versuch, von Person und Werk des Namenspatrons abzulenken und die Diskussion auf die Frage nach dem Verfahren der Namensgebung, um die es angeblich doch „eigentlich“ ginge, einzuengen. Damit verbunden ist eine durchaus – gemessen an den wissenschaftlichen Standards der Historikerzunft – unorthodoxe Darstellung des Prozesses der Namensgebung, die sowohl die familiäre und politische Verankerung des Initiators dieser Namensgebung, Professor Dr. Walter Glawe, im konservativen Milieu ausblendet als auch die Bedeutung Glawes selbst für die Namensgebung.
Selbstverständlich ist es von Interesse, dass es der führende nationalsozialistische Politiker Hermann Göring war, welcher der Universität Greifswald den Namen Ernst Moritz Arndt verlieh. Daran kann in der Diskussion um den Namenspatron natürlich nicht vorbeigesehen werden, denn auch der Name Göring ist Programm, und es bedurfte sicherlich einiger einschlägiger Kriterien, die Arndt erfüllen musste, um sich dem Nationalchauvinisten, Rassisten und Antisemiten Göring als Namenspatron zu empfehlen.
Sicherlich ist es auch aufschlussreich, die Person des Initiators der Namensgebung, den Kirchenhistoriker Professor Dr. theol. Walther Karl Erich Glawe (1880 – 1967) und sein konservatives Umfeld näher in Augenschein zu nehmen. Es dürfte auch aufschlussreich sein, dass Glawe seit 1919 Mitglied der paramilitärischen und antidemokratischen Organisation „Orgesch“ (Info) war, 1923 in den Stahlhelm (Info), den Kyffhäuser-Bund (Info) und in die DNVP (Info) eintrat, die 1933 mit der NSDAP eine Koalition bildete und auf diese Weise erst möglich machte, dass Hitler Reichskanzler bleiben konnte (Info). 1934 wechselte Glawe zu SA und NSDAP, spätestens im Januar 1949 wurde er SED-Mitglied und trat der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (Info) bei.
Das alles darf aber nicht von Leben und Werk des Namenspatrons ablenken. Diese beiden Größen sind der Bezugspunkt, von dem die späteren Vorgänge um Arndt und seine Rezeption zu beurteilen sind. Letztlich entscheidend ist jedoch die Person und das Werk des Namenspatrons selbst.
Das „Mit-dem-Namen-Ernst-Moritz-Arndt-konnte-der-Name-Horst-Wessel-Universität-Greifswald-verhindert-werden.“-Argument
Für dieses Argument wurde bisher kein Beleg vorgelegt. Überhaupt spricht alles dagegen, dass die Deutsche Reichsregierung oder die NSDAP zwischen 1933 und 1945 geplant hätten, eine Universität nach Horst Wessel (Info) oder einem anderen Nationalsozialisten zu benennen, gerade dann nicht, wenn dieser in Deutschland als ein Märtyrer verehrt wurde. Die Nationalsozialisten hielten stets betonte Distanz zu den Universitäten.
Hitler hatte gleich, nachdem im März 1933 durch die damals noch freien Wahlen seine Koalitionsregierung mit 52 % der Wählerstimmen bestätigt worden war, der TH Stuttgart eine demütigende Absage erteilt, als diese ihn am 1. Mai 1933 in Abwesenheit ohne vorherige Anfrage bei der Reichsregierung zum Ehrendoktor promoviert hatte. Gleich am nächsten Tag verbot Hitler allen Nationalsozialisten die Annahme von Ehrendoktortiteln. Hitler selbst hat nur ein einziges Mal eine deutsche Universität betreten. Der Anlass war die Besetzung des Lehrstuhls für Rassenkunde und Rassehygiene an der Universität Jena. Der – aus nationalsozialistischer Sicht – Ruhm sowie die Ehre, als einzige deutsche Universität den Führer und Reichskanzler in ihren Mauern begrüßt zu haben, fällt einzig und ungeteilt der Universität Jena zu. Es ist also insgesamt höchst unwahrscheinlich und meines Wissens auch nirgends belegt, dass die Nationalsozialisten ausgerechnet der Universität Greifswald die in ihren Augen offenbar doch sehr hohe Ehre hätten erweisen wollten, dieser den Namen Horst Wessel zu geben. Womöglich hätte dieser prominente Nationalsozialist dann noch posthum zum Ehrendoktor promoviert werden können, und auch hätte Hitler unter solchen Umständen vielleicht sogar noch ein zweites Mal in seinem Leben eine Universität betreten müssen.
Das „Es-handelt-sich-um-eine-Ossi-Wessi-Auseinandersetzung“-Argument
Auch dieser Einwurf soll von der inhaltlichen Auseinandersetzung ablenken. Es wurde unterstellt, dass die Professoren, die schon zu DDR-Zeiten nach Greifswald berufen worden waren, für die Beibehaltung des Namens Ernst Moritz Arndt seien, die nach 1990 aus dem Westen berufenen, die so genannten “Zugezogenen”, aber dagegen. Damit ersparte man sich die gedanklich mühselige Auseinandersetzung mit Person und Werk Arndts und brauchte einfach nur noch zu fragen, ob dieser oder jener aus dem Osten oder aus dem Westen komme, um vermeintlich zu „wissen“, welche Einstellung der Betreffende gegenüber Arndt hätte. Falls sich doch einmal herausstellen sollte, dass ein Befürworter des Namens Arndt aus dem Westen stammte und umgekehrt ein Gegner aus dem Osten, dann bestand immer noch die Möglichkeit, dies zur „Ausnahme“ zu erklären.
Dass hier kräftig manipuliert wurde, zeigt sich unter anderem schon darin, dass nur drei der insgesamt acht Referenten des Kolloquiums aus dem Westen hierher berufen worden. Vier waren entweder Greifswalder oder von anderswoher aus dem Bereich der ehemaligen DDR hierher gekommen.
Das „Ernst Moritz Arndt-ist-ein-ständiger Stachel-im-Fleisch“-Argument
Hier wurde angeführt, der Name Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald solle beibehalten werden, weil dies zur ständigen Auseinandersetzung mit dem rechtslastigen Namenspatron und seinem Werk anreizen würde. Dass es sich auch hier ebenfalls um ein bloßes Scheinargument handelt, dem keinerlei entsprechende Taten folgten, wurde mindestens auf zweierlei Weise deutlich.
- Erstens hat eine solche Auseinandersetzung tatsächlich nicht mehr stattgefunden.
- Zweitens wurde eher versucht, diejenigen, die die Diskussion weiter führen wollten oder sich gegen Arndt als Namenspatron aussprachen, mundtot zu machen und sie einzuschüchtern, nächtliche Drohanrufe und anonyme Drohungen aus dem Internet eingeschlossen, als dass tatsächlich diskutiert wurde.
Vielen Dank!”
Text: Prof. Dr. Werner Buchholz, Lehrstuhl für PommerscheLandesgeschichte
Bildquellen: Vollversammlung: Luisa Wetzel via webMoritz.de; Passbild: Lehrstuhl für P. Landesgeschichte
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Juli 19th, 2009 at 15:11
Der Lehrstuhl heißt “Pommersche Landesgeschichte” und nicht “Pommerische”.
Und trotzdem messen Sie Arndt mit heutigen Maßstäben politischer Korrektheit. Das erinnert ein bisschen an den Versuch, die Bibel-Übersetzung Luthers neu zu erfinden und in heute angemessene Formen zu bringen.
Arndt kann sich am wenigsten dagegen wehren, dass alte und neue Nazis sich seiner bedienen, genauso wenig wie andere Denker. Natürlich können Sie jetzt sagen: “Tja, selbst schuld, wer so etwas schreibt”.
Arndt ist gewiss nicht allein der deutsche Vordenker und er ist nicht der harmlose Rüganer, der das pommersche Bäuerlein von der Gutsherrschaft befreien wollte. Doch wenn Sie ihn allein auf seinen – aus heutiger Sicht nicht akzeptablen – nationalistischen Reflex reduzieren wollen, dann machen Sie ihn noch zum “deutschen Märtyrer” der Neonazi-Szene.
Juli 19th, 2009 at 16:12
Danke für den Hinweis, haben wir verbessert.
Wir können hier nicht für Herrn Buchholz sprechen.
Eine Antwort in unserem Sinne aber könnte etwa so aussehen:
- Wenn die Nationalsozialisten mit Arndt ihre fanatistische Ideologie – ohne Arndt verbiegen zu müssen – ist das nicht zu verurteilen?
- Natürlich wissen wir über Arndts Bedeutung für die Nationwerdung einer gemeinsamen Idee von Deutschland. Doch diese Idee beruhte bei Arndt auf Ausgrenzung und Abgrenzung gegenüber fremden Rassen (gemeint waren Völker). Gibt es nicht andere Denker, die die dt. Idee mit besseren Begründungen (gemeinsame Sprache / Vergangenheit / Kultur) zusammenführte?
- Arndt muss in seiner Zeit gesehen werden. Doch auch damals gab es Alternativen.
- Außerdem müssen wir Arndt durchaus “auch” aus heutiger Sicht bewerten, sowie es die Nazis 1933 aus ihrer Sicht getan haben. Prof. Stamm-Kuhlmann schreibt dazu:
“Der Historiker versetzt sich zwar in die Zeitumstände des jeweiligen Ereignisses, aber nur mit dem Ziel, einen Erkenntnisgewinn zu haben, den er anders nicht erhalten kann. Sodann ist er erst recht vor die Aufgabe gestellt zu prüfen, ob sich den Menschen der jeweiligen Epoche nicht Alternativen geboten haben. “Aus seiner Zeit heraus verstehen” wird oft entschuldigend gebraucht im Sinne von “Damals konnte man nicht anders”. Das erweist sich bei genauerem Hinsehen oft als unzutreffend.
Im übrigen: Verstehen heißt noch lange nicht rechtfertigen. Die doppelte Dynamik historischer Erkenntnis besteht gerade darin, dass etwas sowohl in seiner eigenen Zeit als auch aus unserer Perspektive heraus verstanden und untersucht wird.
Worauf es ankommt, ist vielmehr, dass Anachronismen nicht zulässig sind, das heißt, dass ich Phänomene nicht mit Maßstäben messen darf, die zu ihrer Zeit nicht bestanden haben. Aber gerade hier erlebt man die größten Überraschungen. Denn was gab es nicht alles schon für Maßstäbe in früher Zeit! Gerade die Maßstäbe der Menschlichkeit haben schon seit sehr früher Zeit bestanden [...]
Um 1800 schrieb Georg Christoph Lichtenberg: “Wenn die Physiognomik [Anm. d. Red.: Pseudowissenschaft - Vorläufer der Rassenlehre - Wikipedia ] das wird, was Lavater von ihr erwartet, dann wird man die Kinder hängen, noch bevor sie die Taten begangen haben, die den Galgen verdienen”. Besser kann man das Konzept der Rassenhygiene des 20. Jahrhunderts nicht zugespitzt ausdrücken. Wie steht es mit Heines Kommentar zu den Studentenaktionen des Wartburgfestes: “Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man bald auch Menschen”? Hierfür war allerings keine dvinatorische Begabung erforderlich, und Heine brauchte Goebbels nicht vorherzusehen, denn er kannte die Praktiken der Inquisition zu gut, [...].
Historismus nennen wir jene Position, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, und die dem Moralisierenden der Aufklärungszeit in der Geschichtsschreibung ein Ende machen wollte, indem sie sagte: Jede Epoche, und damit jedes historisches Phänomen, hat einen eigenen Daseinswert. [...] “Naiv” daran war, wie Hans Georg Gadamer gesagt hat, die Voraussetzung zu machen, “dass man sich in den Geist der Zeit versetzen, dass man in deren Begriffen und Vorstellungen denken solle und nicht in seinen eigenen und auf diese Weise zur historischen Objektivität vordringen könne”. Es kommt noch etwas hinzu. Als er dazu diente, moralische urteile zu verbannen, war der Historismus schon um 1900 zu einer Denkform degeneriert, die in Deutschland vor allem dabei half, den machtstaatlichen Egoismus der preußischen Expansion zu rechtfertigen. Dass man uns heute dergleichen wieder vorsetzen will, mag zum Teil aus dem Überdruss mancher zu erklären sein, die in der DDR mit Parteilichkeit vollgestopft wurden.
[...]
“Die Wahl eines Namenspatrons ist keine wissenschaftliche, sondern eine Wertentscheidung. Sie drückt aus, welche durch den Namensgeber verkörperte Werte von der Universität jetzt und in Zukunft gepflegt werden sollen. Und da kann es unmöglich außer Betracht bleiben, dass die Namensgebung im Jahre 1933 so erfolgt ist, wie sie erfolgt ist: sicherlich nicht, weil Arndt ein Vorkämpfer der Pressefreiheit war, sondern eben, weil er für den Fanzosenhass und für den rassisch getönten Nationalismus eintrat.”
Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann, in: “Ernst Moritz Arndt weiterhin im Widerstreit der Meinungen : Neue Materialien zu einer alten Diskussion” S. 108
Juli 22nd, 2009 at 16:52
Ich sehe hier vier Stellungnahmen, auf die ich gerne antworte:
1. Der korrekte Name lautet „Lehrstuhl für Pommersche Geschichte und Landeskunde“.
2. Selbstverständlich müssen Rezeptionsgeschichte einerseits und Leben und Werk Arndts andererseits getrennt werden. Gerade darauf habe ich in meiner Rede mehrfach hingewiesen: Auch wenn die Rezeption nicht unwichtig ist, so sind letztlich doch Leben und Werk des Namenspatrons selbst entscheidend. Diese müssen wissenschaftlich erforscht und auf dieser Grundlage bewertet werden.
Meine Rede handelte von der Art und Weise, in der die Debatte um Arndt seit dem Kolloquium im Jahre 2001 geführt und Feindbilder aufgebaut wurden. Außer einem ganz allgemeinen Hinweis darauf, wie ich mit den Werken Arndts in meiner Arbeit als Landeshistoriker in Berührung gekommen bin, finden sich in meinem Text keinerlei inhaltliche Ausführungen zu Person oder Werk Arndts.
In dieser Hinsicht habe ich ausdrücklich auf meine bereits vorliegenden Veröffentlichungen hingewiesen. Wie sollte ich also an etwas Maßstäbe anlegen, dessen Namen zwar formal genannt wird, aber von dem in meinem Text inhaltlich gar nicht die Rede ist?
Sie selbst nennen auch keine Textstellen, die Ihren Eindruck bestätigen würden. Es wäre für mich sehr hilfreich, wenn Sie dies nachholen könnten.
3. Dass Arndt sich nicht mehr wehren kann, bedarf, so meine ich, keines besonderen Hinweises. Davon ist stets auszugehen. Ich kann auch keine Stelle in meinem Text finden, in der ich etwa verlangt hätte oder aus der man schließen könne, ich sei der Auffassung, Arndt hätte sich dafür zu rechtfertigen, dass sich Alt- und Neonazis seiner bedien(t)en. Ich bin auch nicht der Auffassung, dass Arndt daran „selber schuld“ sei, weil er „so etwas“ geschrieben hat.
Mir ist nicht ganz klar, was genau Sie mit „so etwas“ meinen, aber in keinem Fall kann Arndt „selber schuld“ sein, denn er konnte von den Nazis, sowohl Neuen als auch Alten, nichts ahnen. Seien Sie doch bitte so freundlich und nennen Sie die Textstelle, auf die Sie sich beziehen. Das würde mir sehr helfen.
Ungeachtet dessen besteht eine Verbindung zwischen dem, was Arndt geschrieben hat und dem, was Nationalsozialisten und Neonazis damit gemacht haben beziehungsweise heute damit machen. Hier geht insbesondere um das Werturteil, das bei einer Entscheidung, einer Universität einen bestimmten Namen zu geben, stets zugrunde liegt.
Wenn Arndt etwa mit dem Gott der Christen darüber hadert, dass dieser ein Volk wie die Polen geschaffen habe: „Warum hat Gott solche Völker erschaffen, …, wie die Irländer und Polen? Weiß ich`s?“ Lassen wir die Iren einmal beiseite! Die Polen sind für Arndt gewissermaßen ein Ausdruck der Fehlerhaftigkeit der Schöpfung. Wenn Arndt ihnen die Existenzberechtigung nicht gleich ganz abspricht, so zieht er diese doch immerhin in Zweifel.
Wir befinden uns hier in einer Zeit, in der der polnische Aufstand bereits Vergangenheit ist und Arndt auch schon wieder an der Universität Bonn lehren darf. Wenn Wehrmacht und SS an die 5 Millionen Polen umgebracht haben, dann ist dies natürlich nicht Arndt anzulasten. Wer behauptet, die Arndt-Kritiker seien dieser Meinung, redet Unsinn. Andererseits kann eine Affinität im Denken Arndts und dem Handeln von Wehrmacht und SS aber auch nicht von der Hand gewiesen werden, etwa in der Weise, dass Wehrmacht und SS den Fehler in der Schöpfung, den Arndt seinem christlichen Gott vorwirft, korrigieren wollten?
Die Frage lautet also nicht, wie häufig unterschoben wird, ob Arndt an den Verbrechen von SS und Wehrmacht mitschuldig sei. Diese Frage ist absurd. Vielmehr lautet diese, ob es für eine Universität würdig und angemessen ist, wenn sie nach einer Person benannt ist, die ähnlich oder genau so gedacht hat wie diejenigen, die den Holocaust durchführten?
Darüber hinaus hat Arndt seine Ansichten über die Juden auch dann nicht geändert, nachdem es zu seinen Lebzeiten zu gewalttätigen antijüdischen Ausschreitungen in ganz Deutschland gekommen war. Zu Arndts Lebzeiten gingen drei Wellen antijüdischer Gewalt durch „das ganze Deutschland“, nicht zuletzt besonders intensiv im Rheinland, wo Arndt wohnte. Zu einem der Initiatoren dieser Ausschreitungen hatte Arndt nachweislich Kontakt, und er hat diesen auch nachweislich in seinen Ansichten bestärkt, die dieser in einer umfangreichen Schrift veröffentlichte: „Ich bin im Ganzen mit Ihren Ansichten einverstanden, und muss auch in Hinsicht der Sprache und des Stils ihre Schrift loben.“
Dieser judenfeindliche Agitator hat eine so genannte „Hostienschändung“ gezielt so inszeniert, dass diese den Juden angelastet wurde. Als daraufhin in der Öffentlichkeit an eine Hostienschändung durch Juden tatsächlich geglaubt wurde, ließ er des Nachts von seinen Anhängern Flugblätter verteilen, in denen er zur „Judenverfolgung“, das heißt zur Gewalt gegen die Juden, aufrief.
Auch der Vorgang an sich, sollte zu denken geben: aus welchen Gründen schicken judenfeindliche Agitatoren ihre Schriften an Arndt?
4. Es liegt mir fern, Arndt „auf seinen nationalistischen Reflex“ reduzieren wollen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich verstehe, was genau Sie damit meinen. Mir ist diese Wendung bisher noch nicht begegnet. Andererseits wollte Arndt tatsächlich die pommerschen Leibeigenen befreien. Dabei handelte es sich nicht nur um Bauern (Bäuerlein? Warum so verächtlich? Schließlich lebt die gesamte Gesellschaft vom Bauern.)
In diesem Zusammenhang wird von den Bewunderern Arndts, allen ihren Forderungen nach Differenzierung zum Trotz, immer nur stereotyp auf die bloße Tatsache hingewiesen, dass er ein Buch gegen die Leibeigenschaft geschrieben habe, ohne dass man dies, wie man es selbst immer wieder fordert, „in seiner Zeit“ sehen würde.
Wirklich differenziert wäre es, wenn genauer gefragt würde, was es denn konkret bedeutete, wenn jemand im Jahre 1803 im schwedischen Herrschaftsbereich ein Buch gegen die Leibeigenschaft schrieb. In Schweden und Finnland hatte es nie Leibeigenschaft gegeben. Auf den preußischen und brandenburgischen Domänen war schon dreißig Jahre zuvor die Leibeigenschaft aufgehoben worden, in Dänemark, Schleswig und Holstein anderthalb Jahrzehnte, bevor Arndt sein Buch veröffentlichte.
In Schweden und Finnland waren die Bauern politisch einflussreich und die schwedischen Könige hatten, wo sie die Möglichkeit sahen, auch in den Provinzen (von dort aus gesehen) jenseits der Ostsee die Abschaffung oder zumindest eine Lockerung der Leibeigenschaft angestrebt, so etwa in Livland im 17. Jahrhundert. In Estland und Livland hatte die schwedische Administration ein Elementarschulwesen für Bauernkinder aufgebaut, das flächendeckend alle Dörfer erfasste und in das auch Mädchen einbezogen wurden.
Schon seit den 1680er Jahren war es schwedischen Untertanen verboten, sich in die Leibeigenschaft zu begeben (was etwa bei Heirat mit einem leibeigenen Partner vorkam). Sicherlich hat sich Arndt mit diesem Buch Verdienste erworben. Aber besonders originell waren seine Gedanken nicht. Beim schwedischen König rannte er damit offene Türen ein.
Baron Schoultz von Ascheraden hatte offenbar die Situation falsch eingeschätzt, als er versuchte, Arndt wegen dieses Buches bei Gustav IV. Adolf zu denunzieren. Man kann auch sagen, dass Arndt auf einen längst fahrenden Zug aufsprang. Bildlich ausgedrückt könnte man sagen: Da war eben nur noch auf dem Trittbrett Platz.