Reflexion der Lokalzeitung über das Arndt-Kolloquium

wissenschaftliche-kommission

Zum Vergrößern anklicken

Unglaublich aber wahr. Die Ostsee-Zeitung veröffentlicht erstmals wissenschaftliche Fakten über Ernst Moritz Arndt. Das Bemühen wollen wir hier hoch anrechnen.

Allerdings kann man die Zusammenfassung der OZ des 2001 vom Rektorat eingerichteten Arndt-Kolloquiums natürlich schon kritisieren. Man achte z.B. wie bemüht der Autor  ist, darauf hinzuweisen, dass Prof. Bach (angeblich) seine Meinung zu Arndt geändert habe. Dabei sagte Bach in der Ikuwo-Debatte vom Donnerstag noch, dass er trotz seiner neuen Forschung, an den Erkenntnisse von 2001 festhalte.

Wie üblich wurde sprachlich an vielen Stellen verharmlost und beschönigt. Zum Kontrast veröffentlichen wir hier Auszüge des „offiziellen“ Abschlussbericht des Kolloquiums von Prof. Buchholz und Prof. Lutz.

Im Vergleich zum Artikel erkennt man die Unterschiede:

  • „Arndt war gleichwohl Schweden und „nordischen“ Menschen zeitlebens begeistert zugetan. Prof. Dr. Gunnar Müller-Waldeck zeigte am Beispiel von „Arndts Bewertung der samischen Minderheit“, dass unser Namenspatron im Falle der Sami, die äußerlich so gar nicht in sein nordisches Ideal passen, die ihm eigene Plattform einer rassistischen Verachtung gegenüber allen „nicht germanischen“ Völkern romantisierend verlässt“.
  • „Nach der Mittagspause macht Prof. Dr. Reinhard Bach in seinem Vortrag, basierend auf einer erschöpfenden systematischen Sichtung der Arndtschen Schriften deutlich, dass Arndts Franzosenhass sich nicht erst als Reaktion auf das napolenische Joch bildete, sondern bereits vorher in seinen antiaufklärerischen Schriften, besonders in seiner Greifswalder Habilitation, artikuliert wurde. Völkischer Nationalismus, Antijudaismus/Antisemitismus, Franzosenhass, chauvinistisches Herabblicken auf slawische und „welsche“ Völker, Kriegsverherrlichung als Selbstzweck und zur Selbstfindung der Nation und andere damals wie heute humanistischen Ideen entgegenstehende Überzeugungen, prägen sein Lebenswerk“.

  • „Prof. Dr. Arno Herzig aus Hamburg [… führte aus] wie sehr Arndts Judenhass sowohl christlich-antijudaistische als auch bereits rassenbiologisch-antisemitische Elemente zu einem Plädoyer für den Ausschluss der Juden aus dem ‘teutschen’ Volk funktionalisierte.“
  • „Dr. Dirk Alvermann […] vertrat die These, dass in Greifswald die Wahl [des Namenspatrons] sowohl im beginnenden Faschismus als auch zu zeiten der DDR von nationalkonserativen Kräften angetrieben wurde.“

Man sieht also, dass man die Tagung sehr unterschiedlich zusammenfassen kann. Natürlich muss man auch darauf hinweisen, dass die Zusammenfassung von Lutz und Buchholz sicherlich der Versuch war die Umbenennung zu bewirken. Genauso muss man aber wohl leider konstatieren, dass die Zusammenfassung der OZ auf das Gegenteil gerichtet ist.

Trotzdem ist aber der Artikel insgesamt zu begrüßen. Erstmals veröffentlicht die OZ damit überhaupt wissenschaftliche Ergebnisse!

Share

6 Antworten auf “Reflexion der Lokalzeitung über das Arndt-Kolloquium

  1. Caspar David

    Wenn wir aber gerade dabei sind, wie man Aussagen "verharmlost" und "beschönigt" oder gar interpretiert, wie man sie braucht, und "bemüht" schreibt, dann sind Sie in dieser Disziplin auch nicht schlecht.

    Herr Professor Bach hat in der Ikuwo-Diskussion sehr wohl betont, dass er an seinen Forschungen von 2001 festhält und dass er die herausgefundenen Aspekte bei Arndt nach wie vor "unerträglich" findet. Aber er sagte auch wörtlich: "Das ist nicht der ganze Arndt" und dass sich sein Blick auf Arndt "grundsätzlich gewandelt" habe. So nachzuhören zwischen Minute 52 und 54.

    Übrigens eine sehr weise Argumentation – ich habe viel gelernt aus dieser Diskussionsrunde.

    Sie beanspruchen für sich ein großes Maß an Objektivität, das Sie zurecht auch von OZ-Redakteur Oberdörfer erwarten. Wenn Sie ihm jedoch jegliche Äußerung als Böswilligkeit auslegen, Ihre Positionen verkürzt darstellen zu wollen, dann bemühen Sie sich bitte auch um ein vollständiges Bild. Sie haben im übrigen auf diesen Seiten mehr Platz als ein Tageszeitungsredakteur in seiner Lokalausgabe.

    1. Uni-ohne-Arndt Team Autor

      Hallo Caspar David:

      Ich glaube wir sind hier gar nicht so weit auseinander. Wir zweifeln gar nicht, dass Prof. Bach in der Tendenz des Abends sich für Arndt ausgesprochen hat. Wir haben nur die Position der OZ etwas relativiert, die schreib, dass Bach quasi seinen Erkenntnisse von damals verworfen hätte. Das aber stimmt so ganz nicht. Er sagt wortwörtlich:

      „Ich bin hier als Arndt-Befürworter zitiert worden und so weiter… Wir haben ja damals mit Hartmut Lutz und Werner Buchholz sehr viele Dinge sehr ähnlich oder genauso gesehen. […] Ich bin immer noch der Meinung, dass die Dinge, die ich damals herausgefunden hatte, die man auch bei ihm findet, unerträglich sind und dass man sie nicht akzeptieren kann, das steht außer zweifel“.

      Wie Du richtig schreibst, berücksichtigt Bach heute nur stärker den historischen Kontext, um Arndt in seiner Zeit „zu verstehen“. Aber nochmals: Deshalb hat Bach seine Erkenntnisse von damals nicht widerrufen!

  2. Andreas

    „Sein Antisemitismus sei allerdings weit weniger ausgeprägt als bei Kant, Fichte, Heine, Marx und Engels“ schreibt die OZ in der Zusammenfassung zu Prof. Bachs Beitrag. Zu allen genannten Personen gibt es immer wieder Diskussionen über mehr oder weniger antisemitisch geprägte Äußerungen. Aber ausgerechnet (Heinricht) Heine? Kann es sein, dass der in dem Beitrag doch eher als Opfer antisemitischer Äußerungen vorkam?

    1. Uni-ohne-Arndt Team Autor

      Danke für den Hinweis. Bei diesem Zitat muss es sich um einen Fehler der Lokalzeitung handeln. Schließlich war Heine jüdischen Glaubens und musste darunter zeitlebens (und in der Rezeption sogar noch nach seinem Tod!) leiden…

      Danke für den Hinweis.

      P.S.: Du kannst es selbst überprüfen indem Du das Gespräch Dir noch mal anhörst und dahingehend untersuchst 🙂

  3. Andreas

    Nochmal zu Heine. In der aufgezeichneten Debatte wird er – ich glaube von Prof. Buchholz – einmal erwähnt. Und zwar im Zusammenhang mit Arndts Antwort auf eine Schrift des Antisemiten Marcard, wo er Heine als „einen ganz mittelmäßigen“ Dichter bezeichnet.

    An einer anderen Stelle der Debatte wird sinngemäß die Befürchtung geäußert, die Auseinandersetzung mit Arndt würde zu einer Art „Zitatenkrieg“ ausarten. Leider gehen die Belege für Heines angeblichen Antisemitismus, wie sie auf einschlägigen Medien von Seiten der Rechten vorgebracht werden, schon ein wenig in die Richtung. Insbesondere wird dort folgender Satz Heines über das Judentum zitiert:

    „Eine verfluchte Brut, die auf den Gedanken kam, der Menschheit Brillen zu verkaufen, damit sie – schlechter sehe.“

    Die Gesamtpassage – aus den Erinnerungen des Franzosen Audebrand – liest sich dann aber doch ganz anders:

    „Über die Juden zu schreiben machte ihm besonders Vergnügen. Ein Blick in seine Korrespondenz zeigt allenthalben diese merkwürdige Vorliebe. Ich sage: merkwürdig, weil er mit dem gleichen Ergötzen Gutes und Böses über seine Glaubensgenossen schrieb. Er hob sie in den Himmel und riss sie grausam herunter. Sprach man mit ihm darüber, dann zeigte er sich im Grunde voller Bewunderung vor der tatsächlich wunderbaren Verbreitung und Unzerstörbarkeit des Samens Abrahams. ‚Sie ist die einzige bedeutende historische Rasse‘, meinte er, ‚die den Sturz der antiken Welt zwei Jahrtausende lang überdauert hat‘. Dann ging plötzlich wieder die Satire mit ihm durch: ‚Eine verfluchte Brut, die auf den Gedanken kam, der Menschheit Brillen zu verkaufen, damit sie – schlechter sehe.'“

    Es existiert doch nicht die mindeste Parallele zwischen diesen (selbst)ironischen Zeilen im frech-unbekümmerten Heine-Stil und den Warnungen vor der „unreinen Flut aus dem Osten“ Arndts.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.