Gedanken zum Begriff „Die Juden“

Ein Kommentar von Sven Zeitler, Vorsitzender der StuPa-AG „Namensgebung“

Ich habe mir die Podiumsdiskussion über Ernst Moritz Arndt am Donnerstag vor Ort und auch im Nachhinein mehrmals angehört und möchte hier keine Wertung über etwaige Argumente oder den allgemeinen Verlauf der Debatte abgeben. Im Moment liegt mir etwas ganz anderes am Herzen.

Antisemitische Steriotype in Alltagsbildern

Antisemitische Stereotype in Alltagsbildern

Oft war die Rede von „den Juden“, „den Franzosen“ oder der deutschen Nation („Die Identität als Deutscher trägt ja jeder in sich.“).

Ich empfinde es als viel zu pauschal, von den Bewohner_innen eines Staates als homogene Masse zu sprechen. Es haben doch nicht alle, die innerhalb mehr oder minder fiktiv gezogener Staatsgrenzen leben, die gleichen Eigenschaften und Verhaltensweisen. Stattdessen definiert sich meiner Meinung nach die so genannte Nation erst nach Entstehung des jeweiligen Staates, sie ist also veränderlich und fiktiv.

„Die angelsächsische Nationalismusforschung hat in diesem Zusammenhang immer wieder die Künstlichkeit des Konzepts Nation herausgestellt. So geht B. Anderson (1993) davon aus, dass es nicht die Nationen, d.h. bereits bestehende Gemeinschaften sind, „die Staaten und Nationalismen hervorbringen, sondern umgekehrt“, Nationalismen ,erfinden‘ Nationen.“ (1.) Deswegen halte ich es zum Beispiel für sinnvoller, von Einwohner_innen der BRD zu sprechen, anstatt von Deutschen, oder eben seine Aussage zu konkretisieren.

Ähnliche Bedenken habe ich bezüglich der Formulierung „die Juden“. Das Judentum ist in erster Linie eine Religion und jede_r ihrer Anhänger_innen ist eine individuelle Persönlichkeit. Menschen jüdischen Glaubens als geschlossene und einheitliche Gruppe aufzufassen, ist der erste Schritt zum Antisemitismus. Der offene Antisemitismus, welcher Juden und Jüdinnen als feindliche und minderwertige „Rasse“ ansieht, ist heutzutage in der BRD verpönt und tritt vor allem im rechtsextremen Spektrum auf. Den ganzen Text nach dem Klick lesen…


Dennoch hat sich in vielen Bereichen eine viel subtilere Form des Antisemitismus durchgesetzt. Juden und Jüdinnen  seien  eine  irgendwie  besondere Gruppe, die sich von „uns“ unterscheidet. Diese Denkweise wird oft als moderner, transformierter, verdeckter oder neuer Antisemitismus bezeichnet. Genau damit befasst sich auch eine Schautafel der Ausstellung „Antisemitismus in der DDR“, in deren Rahmenprogramm die Podiumsdiskussion stattfand.

Goldgier

Antisemitische Karrikatur

Typisch für den modernen oder neuen Antisemitismus ist es, Menschen jüdischen Glaubens automatisch bestimmte Eigenschaften zuzuordnen, z.B. dass sie sehr fleißig und sparsam sind. Allein an den Unterschieden zwischen Kindern und deren Eltern oder zwischen Geschwistern bzw. an dem Einfluss von Erziehung und dem sozialen Umfeld ist ersichtlich, dass solche Behauptungen nicht haltbar sind. Tritt eine Person einer jüdischen Gemeinde bei, wird sie nicht plötzlich intelligenter oder bekommt bestimmte körperliche Merkmale, was aus der Rassentheorie der Nationalsozialisten zu schlussfolgern wäre.

Außerdem ist der Schritt von der Assoziation bestimmter Merkmale mit Menschen jüdischen Glaubens nicht weit zu Verschwörungstheorien, wie den Behauptungen, dass „sie ganze Staaten kontrollieren“. Diese abstruse Theorie eines „internationalen (Finanz-)Judentums“ gab es schon im Nationalsozialismus. Werden in Diskussionen „Juden“ und „deutsche Staatsbürger“ differenziert betrachtet, untermauert das unterbewusst die Auffassung, dass Menschen jüdischen Glaubens sich vom Rest der Menschheit unterscheiden.

„Die jüdischen Jugendlichen, die wir im Rahmen unseres Forschungsprojektes interviewt haben, beschreiben nicht erst manifesten Antisemitismus, sondern bereits die angesprochene Differenzsetzung und das Gefühl, immer wieder als anders angesehen zu werden, als irritierend“,

,stellen Albert Scherr und Barbara Schäuble fest. (2.)

Dabei müssen die mit Juden und Jüdinnen verbundenen Assoziationen nicht immer negativ sein. Auch die Behauptung, „sie“ seien revolutionärer, reicher und mächtiger ist ein Vorurteil und schafft so eine Abgrenzung zum „Rest“ der Menschheit.

Oft tritt verdeckt antisemitisches Gedankengut auch in Verbindung mit der Kritik am Staat Israel auf. Alle Juden und Jüdinnen werden mit dem Staat Israel gleichgesetzt und kollektiv für dessen Taten verantwortlich gemacht. Das ist absurd, schließlich sind die Anhänger_innen des jüdischen Glaubens in verschiedenen Staaten zu Hause. Es wohnt auch nicht jede_r Christ_in im Vatikanstaat.

Des weitern sind Vergleiche des Staates Israel mit dem NS-Regime („Endlösung der Palästinafrage“, „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“) leider nicht unüblich. Diese Vergleiche zielen in der Regel darauf ab, damalige Opfer zu Täter_innen zu machen, um so die Verantwortung der Vergangenheit abzuschwächen oder gar loszuwerden. Den gleichen Effekt hat die Behauptung, Menschen jüdischen Glaubens nutzen die Leiden von vorherigen Glaubensangehörigen zu ihrem Vorteil aus. Das wird auch als sekundärer Antisemitismus bezeichnet („Judenhass nicht trotz, sondern wegen Auschwitz.“).

Teilweise finden sich im Bezug zum Holocaust auch Vergleiche zu anderen Staaten und/oder Regimen, frei nach dem Motto: „Nicht nur bei uns hat es Unrecht gegeben.“ Das ist richtig. Dennoch ist das noch lange kein Grund, das Ausmaß des Dritten Reiches herunterzureden.

Auch die Behauptung, Juden und Jüdinnen seinen durch ihr Verhalten an ihrer Verfolgung im dritten Reich selber verantwortlich, ist unhaltbar. Wenn sich eine Person für die Menschenrechte (wie Religionsfreiheit) einsetzt oder allein auf Grund ihrer Existenz diskriminiert und/oder verfolgt wird, so ist sie dafür auf gar keinen Fall mitverantwortlich.

Alles Herunterspielen oder Relativieren des Holocaust ist Teil des modernen Antisemitismus. So schreibt auch Anetta Kahane, die Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio-Stiftung: „Nur bei jedem 5. Deutschen zeigt er [der Antisemitismus] sich unverstellt. Viele andere aber, die weder den Holocaust leugnen, noch offen sagen, die Juden hätten zu viel Macht und wären an allem Schuld, pflegen ihren Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen der Verbrechen der Nazis. Nicht Trauer oder Scham bestimmen ihr Gefühl, sondern dumpfes Abblocken, Wut auf die Opfer und das ständige Bedürfnis den Massenmord an den Juden zu relativieren.“ (3.)

In diesem Zusamenhang wird auch argumentiert, dass wir doch nicht zur Rechenschaft zu ziehen sind für Verbrechen, die wir nicht begangen haben. Das mag wohl sein. Aber jede_r Einzelne auf diesem Planeten ist dafür verantwortlich, dass solche Untaten nicht wieder passieren. Und das ist nur über eine ausgeprägte und allgegenwärtige Gedenkkultur möglich.

Auch der Drang, für alle Missstände eine_n Schuldige_n bzw. einen Sündenbock finden zu wollen, welche_r sich von „uns“ irgendwie unterscheidet, wird dem modernen Antisemitismus zugeordnet. Dieser Gruppe von Personen können zwar verschiedene Namen gegeben werden, oft wird dabei aber auf antisemitische Stereotype zurückgegriffen, sodass sich die Schuldzuweisungen letztendlich wieder auf „die Juden“ zurückführen lassen.

Das wird als struktureller Antisemitismus bezeichnet. Er richtet sich nicht direkt gegen Menschen jüdischen Glaubens, ist aber mit der antisemitischen Argumentationsstruktur identisch.

Ein gutes Beispiel sind „die Banker“ in der aktuellen Finanzkrise, die für alles hinhalten müssen. Viele Karikaturen von Manager_innenn oder Banker_innen weisen noch heute körperliche Merkmale auf, die Juden und Jüdinnen zugeordnet wurden (Anzug und Zylinder, Hakennase, hämisches Grinsen).

Anetta Kahane stellt dazu fest:

„Dass Antisemitismus eine ewige Methode ist, sich aller Widersprüchlichkeiten zu entledigen, eine Art Menschen zu dämonisieren und Entwicklungen in der Welt den Juden als Verschwörung anzudichten – kurz: eine Theorie der Welterklärung (…)“ (3.)

Albert Scherr und Barbara Schäuble  formulieren das wie folgt:

„’Die Juden‘, das können in der Vorstellungswelt heutiger Jugendlicher entsprechend, „die Opfer des  Nationalsozialismus“  sein  oder  „die  Angehörigen  der  jüdischen Religionsgemeinschaft“, „die Israelis“, „reiche Juden“, „Intellektuelle“, „komische Leute mit komischen Kappen“ und anderes. Was diese Vorstellungen verbindet, ist die Annahme, dass es sich jeweils um Angehörige eines von „uns“ unterschiedenen Kollektivs „Juden“ handelt.“ (2.)

In Wirklichkeit ist die Welt aber viel komplexer und in der Regel hat jede_r Einzelne einen Anteil an der jeweiligen Situation.

Quellen:

  1. Wilhelm Bleek und Christian Bala: Nation (www.bpb.de)
  2. Albert Scherr und Barbara Schäuble: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“ (www.amadeu-antonio-stiftung.de)
  3. Anetta Kahane: Antisemitismus (www.bpb.de)
  4. Philipp Gessler: Antisemitismus heute (www.bpb.de)
  5. Andreas Zick und Beate Küpper: Antisemitismus in Deutschland (www.bpb.de)
  6. Andreas Zick und Beate Küpper: Traditioneller und moderner Antisemitismus (www.bpb.de)
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4 Antworten auf “Gedanken zum Begriff „Die Juden“

  1. Sebastian J.

    Hallo Sven,

    danke für diesen schönen Text. Ich finde ihn gut und ich glaube kaum jemand wird Dir widersprechen. Fall der Text als Kritik an den Diskutanten geäußert wurde, glaube ich, dass auch diese Dir zustimmen würden.

    Doch es fällt natürlich auch ihnen schwer, sich aus „Arndts Welt“ zu lösen. Und wenn man über Arndt sprechen will, kommt man nicht ganz drum herum eben auch seine Kategorien wie „die Juden“ oder „die Franzosen“ zu verwenden.

    Das diese Schubladen damals wie heute veraltet sind, bestreitet glaube ich von den Arndt-Gegnern niemand. Genau deshalb sind wir ja gegenüber Arndt so kritisch.

    Aber den Appell, dies auch in unserer normalen Sprache mehr zu reflektieren, nehme ich zumindest gerne auf. Danke für Deinen Beitrag !

  2. Andreas

    Die Überbetonung von Gruppenidentitäten erweist sich geradezu als verbindendes Element zwischen den Schriften Ernst Moritz Arndts, seinen Appellen an die Bewahrung eines deutschen Nationalcharakters und dem Konzept des Ethnopluralismus, der „Pflicht zum Anderssein“ der heutigen Neuen Rechten.

    Zu befürchten ist heute aber vor allem eines: Dass im Angesicht der existenziellen globalen Krisen (Klimakatastrophe, Wirtschaftskrise, Wohlstandspolarisierung) der Ruf nach einem „Neuen Wir“ mit einem diskreditierten Konzept beantwortet wird. Die traditionellen Wirs, das Religions-Wir, das Klassen-Wir, das Nationalitäts-Wir haben sich allesamt bestenfalls als unfähig erwiesen, in vielen Fällen (Kreuzzüge, Diktaturen, Völkermord) weit Schlimmeres angerichtet.

    Die Essenz des Arndtschen Werks ist das Nationen-Wir und das Religions-Wir. Was wir brauchen ist aber ein Verantwortungs-Wir. Das naturgemäß immer auch die andere Nation, die kommenden Generationen einschließt. Deshalb ist dieser Name eben gerade für eine Universität so völlig fehl am Platz.

  3. Caspar David

    Ach ja?! Was ist denn ein „Verantwortungs-Wir“?

    Ich zum Beispiel bin Deutscher, Vorpommer, Stralsunder, Hesse, Europäer, Ossi und jetzt auch Wessi. Und ich bin nicht unkritisch, aber glücklich mit diesen Identitäten, obwohl ich sie mir nicht alle ausgesucht habe.

    Und ich plane auch mit den anderen Deutschen, Vorpommern, Europäern usw. keine Kreuzzüge, keine Diktaturen und keinen Völkermord.

    Kurzum: Ich finde die Diskussion in diesem Thread etwas abstrakt.

  4. Sven Zeitler

    Ich frage mich, wozu mensch solche Kategorien braucht?

    Was bringen sie? Was haben sie jemals gebracht?

    Mit jeder Gruppen-Definition, werden automatisch andere Personen ab- und ausgegrenzt. Wozu? Was soll das bringen?

    Ich sehe in dem Ganzen nur Nachteile, keinen einzigen Vorteil!

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