AStA-Referentin über Arndt

jule kleinFreundlicherweise hat uns heute die AStA-Referentin für Ökologie Juliane Hille ihren Text über Ernst Moritz Arndt zur Verfügung gestellt. Darin stellt sie – vergleichsweise neutral – ihre Recherchen zu unserem Namenspatron zusammen.  Auch Sie teilt die Auffassung, dass die Frage nach dem Namenspatron erst noch gestellt werden muss, bevor man vorschnell Antworten findet. Den ganzen Artikel nach dem Klick…

Ernst Moritz Arndt – Nationalromantiker, Naturschützer und nicht zuletzt Namenspatron der Universität Greifswald – wurde von einigen Studenten bis vor kurzem energisch diskutiert. Arndt gilt als einer der bedeutendsten deutschen Literaten vor der deutschen Einigung. Sein Lied „Was ist des deutschen Vaterland“ war lange Zeit die inoffizielle Hymne der deutschen Einigungsbewegung. In einer Zeit, in der Feudalherrscher stets danach strebten, den aufkeimenden Freiheitsgedanken mittels Zensur zu unterdrücken, schreckte Arndt nicht davor zurück, verbal für die Einheit, Freiheit und Reinheit des deutschen Volkes einzutreten. Dabei hat er nie ein Blatt vor den Mund genommen.

„Die Lippe ist der Wetzstein des Geistes; über die Lippe muss der Gedanke oft hin und her laufen, damit er Glanz, Farbe und Gestalt gewinne.“

Von seinen Zeitgenossen als Freiheitsdichter und Wegbereiter eines einheitlichen deutschen Nationalstaates verehrt, wird er heute von Vielen aufgrund seiner anti-judaistischen und frankophoben Parolen abgrundtief verachtet.

  • Geboren wurde Ernst Moritz Arndt am 26.Dezember 1769 in Schoritz auf Rügen – in Freiheit. Denn sein Vater hatte sich neun Monate zuvor für 80 Taler aus der Leibeigenschaft des Grafen Malte zu Putbus freigekauft.
  • Zwischen 1789 und 1794 studierte Arndt Theologie, Geschichte, Erd-und Völkerkunde, Sprachen und Naturwissenschaften in Greifswald und Jena.
  • 1803  verfasste Ernst Moritz Arndt den „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“. Darin propagierte er die Idee eines freien Bauernstandes, „Freier Bauer gleich einem tapferen Volke vom Lande.“ und erreichte somit gegen den Widerstand adliger Gutsbesitzer drei Jahre später die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Abschaffung der Patrimonialgerichte in Schwedisch-Pommern.
  • Die Ideen der Romantik hatten Ernst Moritz Arndt maßgeblich geprägt. Insofern politisierte er diese und richtete die romantische Antipathie hinsichtlich der Aufklärung gegen die Ideen der Französischen Revolution.
  • In der Schrift „Germanien und Europa“ (1805) brachte Arndt seine Ablehnung gegen Atheismus, Gleichheit, Toleranz und Rationalismus en couleur franVaise ausgiebig zum Ausdruck. Sein Hass gegen die Franzosen ging gar über die Ablehnung des französischen Despotismus’ hinaus.

„Ich hasse alle Franzosen ohne Ausnahme im Namen Gottes und meines Volkes. (…) Ich lehre meinen Sohn diesen Haß. (…) Ich werde mein ganzes Leben arbeiten, dass die Verachtung und der Haß auf dieses Volk die tiefsten Wurzeln in deutschen Herzen schlagen.“

Er erhob den Gedanken des Völkerhasses gar aus der politischen Ideologie empor zur selbst für damalige Verhältnisse extremistischen (Pseudo-)Religion. Der Haß gegen die Franzosen…

„glühe als die Religion des teutschen Volkes.“

Als Nationalromantiker gehörte er einer seit 1806 bestehenden „anti-imperialistischen“ und teilweise militanten Oppositionsbewegung an. Deren oberste Gebote waren Nationalbewusstsein, Romantik und der Widerstand gegen alle Fürstenhäuser, die mit Napoleon paktierten. Die Nation als Einheit jenseits der Dynastie war dazumal ein absolutes politisches Novum und wurde entsprechend kritisch beäugt. Deutschland glich in dieser Zeit einem territorialen Flickenteppich, bestehend aus vielen mehr oder minder kleinen Fürstentümern – teilweise vergleichbar mit einem (ca.) 50.000-Einwohner-Städtchen wie Greifswald heute.

Eine freie Nation kann einen Befreier haben, eine unterjochte bekommt nur einen andern Unterdrücker.“

Seine Hass-Tiraden gegen Napoleon, in dem Ernst Moritz Arndt die Verkörperung des französischen Despotismus’ sah, (publiziert 1806 in „Geist der Zeit“) zwangen ihn 1806 in Folge der Besetzung Greifswalds durch Napoleon zur Flucht nach Schweden. Dies blieb bis 1809 seine Heimat, „so dass er Skandinavien immer nahe stand – mit einer in der Schweiz und Holland verwirklichten Uridee der Volksfreiheit, der er einen französisch-romanischen rationalistischen Despotismus, verkörpert in Napoleon, gegenüberstellte.“ (preussen-chronik.de)

1808 entzog man ihm schließlich als Konsequenz für seine frankophoben Meinungsäußerungen die Professur an der Universität Greifswald. Erst als u.a. Preußen und Russland gegen Frankreich koalierten, erfolgte für Ernst Moritz Arndt der Aufstieg als patriotischer Schriftsteller und Dichter.

„Seine Lieder und Pamphlete, mit denen er zum Kampf gegen den „Antichrist“ Napoleon und die Franzosen aufrief, hießen z. B. „Katechismus für den teutschen Kriegs- und Wehrmann“, „Über Volkshass“, „Was ist des Deutschen Vaterland?“ und „Der Gott der Eisen wachsen ließ“. Sie prägten die Stimmung und das Denken dieser Jahre entscheidend mit und wirkten noch lange nach.“ (preussen-chronik.de)

Eines seiner Gedichte „Der Gott, der Eisen wachsen liess“ fand gar im Ersten Weltkrieg noch Verwendung für kriegsverherrlichende Postkarten:

„Der Gott, der Eisen wachsen liess
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte“

1818 wurde Ernst Moritz Arndt zum ordentlichen Professor der Universität Bonn berufen und zwei Jahre später in Folge der „Demagogenverfolgung“ suspendiert. Anlass war die Ermordung eines als russischer Spion verdächtigten Schriftstellers Kotzebues durch einen Studenten gewesen. Obwohl die Anklage der Mainzer Bundeszentralkommission zu keinem nennenswerten Ergebnis führte und Arndt 1826 freigesprochen wurde, blieb er bis zur Thronbesteigung durch Friedrich Wilhelm IV. 1840 von seinem Amt suspendiert.

Statt wissenschaftlicher Publikationen zählten nun neben der Gartenarbeit Waldspaziergänge zu seiner Lieblingsbeschäftigung. Seine Liebe zur Natur, sowie erste Denkansätze im Hinblick auf eine Ordnung zum Schutz der Wälder machen ihn wohlmöglich zu einem  der Vorreiter späterer ökologisch ambitionierter Bewegungen.

1816 vertrat bspw. der erste Direktor der Forstakademie Berlin, Pfeil, die Ansicht, es sei wirtschaftlicher, die Wälder abzuholzen und das freiwerdende Gelände als Ackerboden zu nutzen; künftige Generationen sollten das benötigte Holz eben importieren.

Ernst Moritz Arndt dagegen warnte vor der „Abwandlung der Höhen und Berge und der Verwüstung und Verhässlichung der Natur!; „Wer den Ländern die Wälder auszieht und besonders wer die Berge und Höhen entwaldet, der beraubt den Menschen an seinen köstlichen Teile.“

Arndt: Ein Wort über die Pflegung und Erhaltung der Forsten und Bauern im Sinne einer höheren, d.h. menschlicheren Gesetzgebung, in-. Agrarpolitische Schriften, Goslar 1942 (sic!) S. 361 und 364. – Zitiert in: Jörg von Uthmann, Die Sehnsucht nach dem Paradiese, Stuttgart 1986, S. 62

Ernst Moritz Arndt gehörte zu den zahlreichen ambivalenten Persönlichkeiten innerhalb der deutschen Geschichte. Seine Errungenschaften in Wissenschaft, Politik und Kultur waren mittelmäßig. Er war kaisertreuer Nationalist, Franzosenhasser, Antijudaist, aber auch Naturschützer. Seine Schriften wurden insbesondere im Nationalsozialismus für faschistische, antisemitische Zwecke missbraucht. Fraglich ist, inwiefern sie tatsächlich kausal für den Holocaust gewesen sein können.    

Welches Fazit darf man aus dem Vorhergegangen ziehen? Ist der „Fatale Patron“, als den ihn Jörg Schmidt von der ZEIT 1998 bezeichnete, tatsächlich als Namensgeber der Universität geeignet?

Will man zu einem vernünftigen Schluss gelangen, so gilt es zu allererst, sich zu verdeutlichen, welche Erwartungen man an einen Namenspatron stellt.

  • Welche Relevanz haben seine Leistungen in Wissenschaft, Politik und Kultur und inwiefern wiegen sie seine Ambivalenzen auf?
  • Inwiefern hat ein Patron seiner Vorbildfunktion gerecht zu werden?
  • Hat er unbedingt der Glorifikation zu dienen oder kann man ihn auch als Negativbeispiel interpretieren, damit zukünftige Generationen von Studenten aus dessen Fehlern lernen? Welche Alternativen bestünden?

Autorin: Juliane Hille
Bildquelle: AStA Greifswald

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