Arndt war Antisemit: Eine Antwort

Gestern wurde in der Ostsee-Zeitung der Versuch unternommen, Zweifel daran zu schüren, dass Arndt vielleicht gar kein Antisemit gewesen sei. Wir haben 18 massive Fehler oder Fehlannahmen in dem Interview finden können. Hier unsere ausführliche Widerlegung dieser Thesen:

  1. Weite Teile des Interviews geben die Meinung Herrn Bachs wider. Man kann sich darüber wundern warum erneut die Meinung eines Arndt-Befürworters veröffentlicht wird, obwohl die wissenschaftlichen Argumente (und die darauf beruhende „Meinung“) gegen Arndt bis heute in der OZ keinen Eingang gefunden hat. Zu bewerten ist diese „Meinung“ von Bach jedoch nicht.
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  2. Die Behauptung Arndt sei kein Antisemit gewesen, halte ich bei allem Respekt für skandalös. Der Antisemitismus setzt dort ein, wo Deutsche jüdischen Glaubens (Vor dem Holocaust die drittgrößten Konfession in Deutschland) nicht mehr als Deutsche begriffen werden, sondern als Rasse betrachtet werden. Arndt hielt „Deutsche“, „Polen“ und „Juden“ als drei von einander unabhängige Völker. Selbst wenn man von seinen unerträglichen Tier- und Ungeziefer-Metaphern absähe: Arndt warnte davor, dass die Deutschen „verbastardisiert“ würden, wenn sie ihr Blut mit dem der Juden „vermischten“. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie als Lutheraner, Reformierte oder Katholiken nicht als Glaubensgemeinschaft, sondern als Rasse bezeichnet und dann schmutzig diffamiert werden würden?
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    Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen aber sprechen seit Jahren ganz klar von Arndt als einem modernen Antisemiten. Wenn die Universität und die Stadt sich nicht mal das eingestehen kann, ist das Problem wahrlich größer, als ich bisher angenommen hatte.
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  3. Massenmörder Napoleon: Es ist weder wissenschaftlich seriös, noch in der Wissenschaft überhaupt üblich, Feldherren, und seien unter ihrem Oberkommando noch so viele Soldaten ge fallen (z. B. Friedrich der Große, Karl XII., Tilly, Pyrrhus, Bismarck, Hinden burg, Rommel usw.) als „Massenmörder“ zu bezeichnen und siedamit den Betreibern der deutschen Vernichtungslager während des Zweiten Weltkrieges gleichzusetzen.

    // Alle 16 Argumente gibt es nach dem Klick //
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  4. Arndt wirft Fürsten und Politikern „Verrat am Volk“ vor: Bach verwendet hier eine Kategorie, die für das Selbstverständnis Arndts zentral war, sieht diese aber gerade nicht im Licht neuerer Forschungen, sondern verwendet diese ganz im Sinne Arndts. Neuere Forschungen, etwa zum Kosmopolitismus, haben aber gerade den Begriff des Volks und seine Verwendung bei Publizisten wie Arndt als Bestand teil einer „grundlegenden Selbsttäuschung“ in Frage gestellt.
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  5. Wer ist mit den „ganz an deren Namen“ gemeint, die vermeintlich für Antisemitismus im 19. Jahrhundert stehen, wenn es nicht Arndt gewesen sein soll? Tatsächlich finden sich einschlägige Äußerungen Arndts, wie etwa, dass Juden wie „Ungeziefer“ lebten oder „Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein.“ u. a. in „Blick aus der Zeit für die Zeit“ (dort u. a. S. 196 ff.). Auch im „Geist der Zeit“ findet sich etliches. Wenn behauptet wird, die Juden als „Ungeziefer“ zu bezeichnen, sei an geb lich nicht antise mitisch, dann ist fraglich wo der Antisemitismus denn beginnen soll?
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  6. Wenn Arndt die Humanität verflucht, dann, so scheinen Interviewer und Interviewter zu meinen, spreche dies für ihn als Namenspatron?
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  7. Herr Bach habe „sich seit 2001 intensiv mit Ernst Moritz Arndt befasst“, heißt es in dem Artikel und sei dabei zu neuen Erkenntnissen gelangt. Offenbar hat er diese bisher nicht veröffentlicht. Ein Publikationsorgan wird nicht genannt. In der Öffentlichkeit mit „Erkenntnissen“ zu hausieren, ohne diese jemals der Kritik der Fachwelt ausgesetzt zu haben, ist wissenschaftlich unseriös.Der Öffentlichkeit soll mit dieser Art von Präsentation des Interviewten wohl suggeriert werden, außer diesem wisse angeblich nie mand so recht Bescheid. Da er ja die vermeintlich entscheidenden Erkenntnisse unter Verschluss hält, können diese auch nur ihm bekannt sein.
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  8. Es fällt weiterhin auf, dass Herr Bach keinen Widerspruch zwischen seiner Äußerung, Arndt habe „sich für die Freiheit des Wortes eingesetzt“ und etwa – um nur ein Beispiel von vielen möglichen anzuführen – dessen Wunsch, alle deutschen Schrift steller sollten getötet werden, nur weil diese seine Gesinnung nicht teilten, und zwar durch Ersäufen im Meer:
    .Bemerkenswert ist auch die Art und Weise, in der Arndt hier Unterschiede unter den Schriftstellern macht, als „differenziert“ im Sinne seiner Anhänger und Befürworter. Er teilt die deutschen Schriftsteller seiner Zeit nämlich in drei Gruppen ein:
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    1. „schnatternde Gänse“,
    2. „Verbre cher ohne Tugend“ und
    3.  solche, die vermeintlich zwar dieselbe Gesinnung haben sollen wie er, Arndt, diese aber verleugnen, also so genannte Gesinnungsverleugner, zwischen 1933 und 1945 in Deutsch land auch „Gesinnungslumpen“ genannt, deren Bücher zu verbrennen waren.

    Arndt hätte sie gern ersäuft,
    wenn er gekonnt hätte, und zwar alle drei Kategorien. Dass dies vor allem auf Juden beziehungsweise jüdische Schriftsteller gezielt haben soll, wird durch die vorliegenden Untersuchungen, die in den Jahren 1998 bis 2005 erschienen sind, bestätigt. Die jüngste große Untersuchung über den Kosmopolitismus kommt mit einschlägigen Belegen zu dem Schluss, dass Arndt damit alle deutschen Schriftsteller und Gelehrte meinte.

    Von solchen Äußerungen quillt Arndts Werk geradezu über
    . Kann man das als Eintreten für die Freiheit des Wortes interpretieren? Oder ist damit gemeint, dass sich jeder frei entscheiden kann, ob er Goethe nun als „schnat ternde Gans“, einen „Verbrecher ohne Tugend“ oder eher als einen „Gesinnungsverleugner“ ansehen möchte.
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  9. Wichtig und ebenfalls entscheidend ist, dass Herr Bach am Ende des Interviews die Antwort auf zwei zentrale Fragen schuldig bleibt:
    a) ob es den zuträfe, „dass keine wissenschaftliche Untersuchung vorliegt, die eine Beibehaltung des Namens rechtfertigt?“
    b) ob es denn stimme, dass „die Forderung der Arndt-Befürworter, mehr zu differenzieren,… eine Worthülse“ sei?Was sollte er auch antworten als „ja“? Also schwieg er wohl lieber dazu…
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    Auch Herr Bach hat – trotz acht Jahre Arndt-Studium und der Lektüre von 20 Arndt-Werken – keine solche Untersuchung vorgelegt. Es gibt sie eben bis heute nicht. Es darf daran gezweifelt werden, ob eine solche jemals vorgelegt werden wird. Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach weiteren Forschungen eher als Nebelkerze zu werten.
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  10. Für Goethes angebliche Deutschtümelei fehlt der Beleg. Dieser muss unbedingt bei gebracht werden, weil dies, wenn es denn wahr ist, gegebenenfalls für Goethes Werk – im Gegensatz zu Arndt – nicht repräsentativ wäre. Dasselbe gilt für Marx, dem hier ebenfalls pauschal Äußerungen unterschoben werden, die für ihn ebenfalls nicht repräsentativ sind. Immerhin gibt es genügend Beispiele von Gebildeten, die schon zu Lebzeiten Arndts von seinen Äußerungen abgestoßen wurden, unter anderem die Mehrzahl seiner Greifswalder Professorenkollegen.
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  11. Die „entfesselte Marktwirtschaft“, wegen der Arndt sich angeblich von der Französischen Revolution distanziert haben soll, ist eine Kategorie, die der unmittelbaren Gegenwart entlehnt ist und somit untauglich ist, Arndts Handeln historisch einzuordnen. Wenn damit der Eindruck erweckt werden soll, Arndt habe sich des halb gegen Napo le on gewandt, weil er gegen eine „entfesselte Marktwirtschaft“ war, dann ist das schlicht und ergreifend Unsinn.
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  12. Unklar ist, wer die „Millionen“ gewesen sein sollen, die laut Herrn Bach angeblich als Folge der Französischen Revolution verelendet sein sollen? In Frankreich verbesserte sich die Lage der breiten Bevölkerung schon aufgrund der napoleonischen Agrarreform. Verelendung trat dagegen nach 1815 in Ostelbien ein, weil hier vergleichbare Reform ausblieben und etwa auch die Umsetzung der Reformgesetze Gustavs IV. Adolf sabotiert wurde, gleichzeitig aber mit dem Hinweis auf ihre angebliche Geltung die Einführung der preußischen Reformgesetze im Regierungsbezirk Stralsund ver hin dert wurde. Ernst Moritz Arndt hat diese Vorgänge heftig kritisiert. Aber Arndts Preußenkritik wollen seine Anhänger bis heute eben so wenig wahrhaben wie die Arndtsche Kategorisierung Friedrichs des Großen als „Franzosenaffen“.
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  13. Daran wird deutlich, dass es der Mythos Arndt ist, den man verehrt und sich erhalten will, denn natürlich ist es dieser Mythos Arndt, der für viele Teil der eigenen Identität darstellt. Der Mythos ist bekanntlich stärker als die Realität.
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  14. Darüber hinaus hat Arndt seine Hasstiraden gegen die von ihm als durchweg „verbastardisiert“ wahrgenommenen Franzosen nicht nur während der Kriegsjahre 1813-1815 ab ge las sen, sondern auch vorher und vor allem auch noch 30 Jahre später. So vertrat er etwa die Auffassung, gegen Frankreich solle häufiger mal Krieg geführt werden. Dies begründete er damit, dass die deutsche Jugend auf diese Weise vor Verweichlichung geschützt und wehrfähig gehalten werden könne.
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  15. Wenn Arndt die Franzosen insgesamt und unterschiedslos für die napoleonische Herr schaft in Europa verantwortlich macht,dann ist dies eine Folge seiner Ressentiments, nicht aber seiner – nicht vorhandenen – Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge und die Geschichte seiner Zeit. Dasselbe gilt, wenn die französische Herrschaft ein seitig und undifferenziert als bloß und ausschließlich negativ hingestellt wird. Das sahen schon die Greifswalder Professorenkollegen Arndts, seine Zeitgenossen, sehr viel klarer und vor allem – differenzierter. Dasselbe gilt für die pauschale Verächtlichmachung ganzer Völkerschaften, deren Anhörige Arndt durchgehend ganz und gar un differenziert über einen Kamm schert.
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  16. Aufschlussreich ist auch immer, was nicht thematisiert wird. In dem Interview mit Herrn Bach gilt dies etwa die Wortwahl und die unflätige Redeweise Arndts, mit der er, anstatt inhaltlich zu argumentieren, alle, gegen die sich seine Ausfälle richten, klein zu machen, herabzusetzen und verächtlich zu machen bemüht ist. So werden Juden von ihm als „Ungeziefer“ abqualifiziert; alle, die die französische Herrschaft in Europa differenziert beurteilen, anstatt sie in Bausch und Bogen zu verdammen, sind ihm – völlig undifferenziert –„Französisch gesinnte“ und als solche „schleichende Ratten“. Was aber ist das für ein Mensch, der es nötig hat, andere mit Sottisen wie „listig“, „feige“, „Gaunervolk“, „Ungeziefer“ und „Rat ten“ zu bezeichnen. Glauben seine Anhänger darin eine Hilfe zu erkennen, die Welt zu verstehen? Soll man es beherzigen, etwa wenn man nach Griechenland fährt, dass alle Griechen pauschal und undifferen ziert als „Gauner“ betituliert hat?
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  17. Richtig ist, dass Arndt gegen Eroberungskriege Stellung bezieht, allerdings, das ver schweigt Bach, nur so lange, wie er Frankreich vorwerfen konnte, Eroberungskriege zu führen. Danach hat Arndt auch Texte verfasst, die durchaus als Aufforderung zum Eroberungskrieg ge meint sind, etwa wenn er fordert, gegen Frankreich solle mehr oder weniger regelmäßig Krieg geführt werden, um die Wehrkraft der deutschen Jugend zu erhalten und stär ken. Aber selbst wenn Arndts Stellungnahme gegen Eroberungskriege nicht bloß ein seitig und von vorübergehender Gültigkeit gewesen wäre, wären dann damit die Be schimpfungen von Griechen, Polen, Samen und Franzosen wieder aus geglichen und abgegolten? Kann man „schmutzige Polen“, „französischfreundliche Ratten“ und „jü disches Ungeziefer“ gewissermaßen mit einem temporären Eintreten gegen Eroberungskrieg aufwiegen?
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  18. Herrn Bachs abschließender Hinweis, Arndts Werke müssten gelesen werden, wird von uns begrüßt!
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