Arndt-Lesung: Besorgte Bürger rufen Polizei

(Dieser Artikel wurde aus dem Studentenportal webMoritz.de übernommen!)

Am Montagmittag machten vor der Mensa einige Studenten, darunter auch die Mitglieder des Studierendenparlaments (StuPa) Anne Klatt, Peter Madjarov (beide GHG) und Sebastian Jabbusch, mit einem Info-Stand der etwas anderen Art auf die Problematik rund um Ernst Moritz Arndt, den Namenspatron der Greifswalder Universität aufmerksam.

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StuPa-Mitglied Sebastian Jabbusch zitierte aus Arndt-Texten

Mit Flyern, großen Plakaten und vor allem einer Lesung von Arndt-Zitaten machte man auf die vielen abschreckenden Stellen in Arndts Werken aufmerksam. Das gerade die Lesung einen satirischen Aspekt hatte, wurde dabei nicht jedem klar. Zwischenzeitlich rissen Studenten Plakate mit Arndt-Zitaten von der Mensawand, bis sie darüber aufgeklärt wurden, dass es sich keineswegs um eine Aktion von Rassisten und Antisemiten handelte.

Auch andere Einwohner reagierten schockiert und riefen die Polizei, als sie die Hasstiraden gegen Juden und Franzosen vernahmen. Mangels städtischer Genehmigung musste der Infostand daraufhin in das Mensa-Foyer verlegt werden.

Wirklich zu informieren schienen sich jedoch auch heute wenige. Rund ums Rednerpult sammelten sich lediglich die üblichen Verdächtigen – in Solidarität zu den Organisatoren einige Gremienvertreter, argwöhnisch beäugend die üblichen Verdächtigen aus dem „Pro-Arndt-Bereich“.

Ein „Arndttrag“ nach dem nächsten

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Umstrittener Patron - Ernst Moritz Arndt

Auf der Vollversammlung am kommenden Mittwoch fordert ein Antrag die Ablegung des Namens durch die verfasste Studierendenschaft (AStA, StuPa etc.), die von nun an nur noch den Namen „Universität Greifswald“ führen soll. Den vollständigen Antrag findet ihr im ERNST, der Zeitung zur Vollversammlung.

Ähnliche Anträge hatte es in den vergangenen Semestern mehrfach gegeben. Da Beschlüsse der Vollversammlung jedoch lediglich eine Empfehlung an das Studierendenparlament darstellen, wurde jedesmal postwendend von dort ein Veto eingelegt. Ob aus inhaltlichen Bedenken oder aus Bedenken, ein so umfassendes Thema anzupacken, blieb jedesmal unklar.

Zu Beginn dieses Semesters wurde ebenfalls ein ähnlicher Antrag im StuPa eingebracht. Auch dieser wurde abgelehnt, interessanterweise unter anderem mit Stimmen aus der Grünen Hochschulgruppe. Böse Zungen orakeln, man habe sich Arndt als Thema nicht so einfach wegschnappen lassen wollen, denn nun, pünktlich zur öffentlichkeitswirksamen Vollversammlung, ziehen die Grünen gegen Arndt zu Felde.

Wenig Konkretes auch von ganz oben

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Wenig Konkretes - Rektor Westermann

Das Problem des Namenspatron Arndt ist seit langem bekannt und bewegt – mal mehr, mal weniger – die Greifswalder Studenten-Gemüter, meist allerdings auch nur die. Vor etwa zwei Jahren wurde die Universitätsleitung aufgefordert, eine kritische Auseinandersetzung mit Arndt in ihren Online-Auftritt mit aufzunehmen. Wie so oft kam von dort auch keinerlei Widerspruch. Seitdem bewegt sich in der Frage jedoch nichts mehr. In einem Interview im vergangenen April gab Rektor Westermann folgendes zu Protokoll:

moritz Wir sind an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität. Inwieweit identifizieren Sie sich mit diesem Namensgeber?
Rektor Westermann Identifizieren? Er ist nicht mein Vorbild.

moritz Möchten Sie noch mehr dazu sagen? Distanzieren Sie sich von ihm?
Rektor Westermann Ich habe kein Problem mit ihm. Ich habe mir den Namen nicht ausgesucht und ich bin für die Namensgebung nicht zuständig. Von daher habe ich kein Problem damit.

moritz Es gab 2007 einen Beschluss der Fachschaftsrätekonferenz, indem das Rektorat dazu aufgefordert wurde, auf der Homepage der Universität auf ihren Namensgeber hinzuweisen und über ihn aufzuklären. Sie haben das damals zusagt und Herrn Stamm-Kuhlmann damit beauftragt. Wann kommt auf der Homepage die Information, wer Ernst Moritz Arndt ist?
Rektor Westermann Das wüsste ich auch gern. Wir haben vor ein paar Wochen noch mal nachgefragt, weil das ja nun schon so lange her ist. Es liegen schon einige Texte vor, aber die müssen noch für das Internet aufbereitet werden. Wir verfolgen das weiter.

Wenig Konkreters also auch von Seiten des Rektorates. Umso mehr eine Chance für die Vollversammlung am kommenden Mittwoch klar Stellung zu beziehen.

Kommentar von Carsten Schönebeck

Nationalist, Rassist, Monarchist – ist das noch zeitgemäß und wenn nein, war es das mal? Wenn ja, reicht das, um zu verzeihen? Wenn wiederum ja, was bleibt dann noch übrig von Ernst Moritz Arndt?

An Arndt scheiden sich bundesweit die Geister, doch die Meinung der Greifswalder Studenten, das lässt sich über die Jahre beobachten, ist eindeutig. Nur wenige sind bereit, sich für ihn auszusprechen. Doch wie bei so vielen hochschulpolitischen Themen schweigt sich die Masse aus oder flüchtet sich in Gemurmel um Unkenntnis und zu wenig Information. „Gleichgültigkeit“ wäre das passendere Wort.

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Komillitonen vor den Info-Plakaten an der Mensa

Zwar sind auch Enthaltungen ein legitimes Mittel demokratischer Beschlussfassung, dennoch ist die Info-Aktion vor der Mensa natürlich zu begrüßen. Angelehnt an die satirischen Aktionen der Apfelfront, die gestern ebenfalls mitmischte, zeigte sie zumindest ein wenig Kreativität im hochschulpolitischen 08/15-Flyerwahn. Wie wichtig das Thema ist, zeigt allein schon der Unwillen des StuPa, sich in den vergangenen Jahren damit auseinanderzusetzen.

Auch der Rektor macht mit seinen Statements vielleicht eine diplomatische, aber noch lange keine Figur. Distanzieren will er sich nicht, die Zuständigkeit, dass betont er dennoch, liege nicht bei ihm. Seine Aussagen zur Auseinandersetzung auf der Internetseite lassen sich in Gehalt und Perspektive mit einem Strombergschen „Läuft!“ abkürzen.

Doch warum sollte sich der Rektor genötigt sehen, vor den Studenten in eine defensive Rechtfertigungshaltung zu gehen, wenn sich nicht mal AStA und StuPa auf ihren Internetseiten „kritisch auseinandersetzen“.

Für die „Anti-Arndt-Fraktion“ könnte die Vollversammlung am kommenden Mittwoch vorerst eine letzte Gelegenheit sein, Druck auf die universitären Gremien zu entwickeln. Viele Studenten reagieren mitlerweile genervt auf die Diskussion, die immer wieder angefacht wird und deren Feuer doch nie richtig ausbricht. Der erste Schritt ist eine beschlussfähige Vollversammlung und eine möglichst klare Richtungsentscheidung. Dann kommt vielleicht doch noch Bewegung in den Prozess.

Bilder:

Foto Westermann: webMoritz Archiv
Foto Sebastian Jabbusch und Studenten vor der Mensa: Carsten Schönebeck
Bild Arndt: Allgemeingut

Dieser Artikel wurde unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Der Artikel erschien bei webMoritz.de und wurde von Carsten Schönebeck verfasst und von uns leicht gekürzt.

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